Ein wichtiger Impuls kam im Zuge von Mai 1968 aus Frankreich, wo die «Frauenbefreiungsbewegung» für die Pille und die neuen Beinkleider auf die Barrikaden ging. Das Jahr 2010 läutet zumindest in Frankreich eine Trendumkehr ein.

«Ein Rock ist ein Bekenntnis. Er ist ein Symbol, um den Krieg gegen Frauenhass zu gewinnen», erklärt die Schauspielerin Isabelle Adjani. Der 54-jährige Filmstar mit algerischem Vater mobilisiert für die Rechte von Immigrantenfrauen.

Sie stünden in ihren Vierteln unter zunehmendem Druck, manchmal gar Zwang, sich «anständig» zu kleiden, meint Adjani. Brüder liessen ihre Schwestern nicht mehr mit nackten Beinen oder auch nur durchsichtigen Strumpfhosen auf die Strasse; immer mehr Töchter nordafrikanischer Eltern müssten einen islamischen Kopfschleier auflegen.

«Heute trage ich Rock!»

Adjani spielte in ihrem letzten Film «Heute trage ich Rock!» selbst eine Lehrerin, die von ihren Schülern täglich als Frau herausgefordert und angegriffen wird, wenn sie sich feminin kleidet. Als Reaktion nimmt sie schliesslich die ganze Klasse als Geisel, um einen «journée de la jupe» zu verlangen. Der Kinostreifen hatte in Frankreich grossen Erfolg, da er eine wenig thematisierte, aber verbreitete gesellschaftliche Realität offen anspricht.

Diese Woche gingen Adjani und ihre Gesinnungsgenossinnen noch einen Schritt weiter. Zum internationalen Tag der Gewalt an Frauen plädierten sie dafür, dass junge Französinnen aller Herkunft bewusst im Rock auftreten sollen.

«Einen Jupe anzuziehen, ist ein militanter Akt, ob im Alltag, am Arbeitsplatz, auf der Strasse oder bei sich zu Hause, denn an all diesen Orten ist die Stellung der Frauen gefährdet», meinte Sihem Habchi vom Immigrantinnen-Verein «Ni putes ni soumises» («Weder Schlampen noch Unterworfene»), dessen Bezeichnung allein schon Programm ist. Wie viele Französinnen diese Woche zusätzlich einen Rock anzogen, ist nicht bekannt; Habchis Aufruf wurde auf Facebook indessen 140000-mal begrüsst.

Obdach für Opfer von Ehegewalt

Zur Unterstützung all der Einwanderergirls, die ihren Lippenstift abputzen müssen, wenn sie vom Pariser Shopping abends mit der Schnellbahn in ihr Viertel zurückkehren, organisierten französische Schauspielerinnen am Donnerstagabend einen Galaabend im trendigen Pariser Palais-de-Tokyo.

Um die öffentliche Aufmerksamkeit zu erhöhen, versteigerten sie eigene Kleider – Adjani einen schwarzen Falten-Jupe, Carole Bouquet einen Frühlingsrock oder Sophie Marceau ein blaues Markenstück von Prada. Insgesamt kamen so 11000 Euro zusammen. Der Erlös dient dazu, Opfern von Ehegewalt vorübergehend ein Obdach zu mieten, bevor sie eine von der Justiz zugewiesene Neuwohnung beziehen können.

Vom Sexismus zu Anti-Seximus?

Die Rednerinnen des Abends vermieden jede Islamkritik. Habchi bezeichnete den Frauenrock zwar als Gegenstück zur Burka, die in Frankreich unlängst verboten worden ist.

Die Feministin Christine Bard fragte jedoch skeptisch: «Wird der Jupe, der doch einen alten Sexismus verkörperte, jetzt plötzlich zu einem Modell des Anti-Sexismus?» Einfacher gefragt: Widerspiegelt ein Frauenrock heute eine konservative oder fortschrittliche Einstellung? Auf jeden Fall dürfte die Immigrationsdebatte einige Ansichten und Überzeugungen ins Wanken bringen, wenn sich feministisch mit einem Mal auf feminin reimt.