Schon wieder trifft ein Anschlag unser Nachbarland. Die Bilder aus Nizza jagen uns Angst ein. Ihnen auch?

Ortwin Renn: Ja, klar. Man hat zwar gehofft, die Terrorwelle möge nach dem schlimmen letzten Jahr in Frankreich abebben, nun muss man aber ernüchtert feststellen: Es nimmt eher wieder zu. Der Anschlag von Nizza ist eine Amok-Tat. Solche Taten wird man immer sehr schlecht voraussagen und verhindern können.

Wie gross ist die Gefahr überhaupt, bei einem Terroranschlag ums Leben zu kommen?

Stützt man sich auf Zahlen, dann ist das Risiko extrem gering. Sieht man sich die Zahlen für Europa an, so kommt man auf durchschnittlich 49 Todesopfer pro Jahr, hochgerechnet über die letzten 20 Jahre.

Etwas anders sah es in Paris aber letztes Jahr aus.

Die Angriffe auf das Satiremagazin von Anfang 2015 und jene auf den Nachtclub Bataclan Ende Jahr waren schlimm. Doch insgesamt lag auch fürs Jahr 2015 in Paris die Zahl der Terroropfer unter 200. Im gleichen Jahr kam es zu 3460 Verkehrstoten. Selbst im vom Terror gebeutelten Frankreich kamen also fast zwanzig Mal mehr Menschen bei Verkehrsunfällen ums Leben.

Warum steigen wir denn Tag für Tag ohne Bedenken ins Auto, sagen aber Ferien in vom Terror heimgesuchten Ländern ab, in der Türkei etwa?

Das liegt am Gefühl der Hilflosigkeit. Steigen wir ins Auto, dann glauben wir, unser Schicksal in der eigenen Hand zu halten. Wir lenken das Fahrzeug ja selbst oder lassen es von einer Person lenken, der wir vertrauen. Wir fahren also mit dem Gefühl los, Herr über unser eigenes Leben zu sein. Beim Terrorismus ist das diametral umgekehrt: Die Anschläge seit Paris führen uns immer wieder vor Augen, wie hilflos wir sind. Die Terroristen töten ihre Opfer zufällig. Es kann jederzeit und überall passieren. Zwar ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass es einen persönlich trifft, aber es ist eben auch nicht ausgeschlossen. Das macht uns Angst. Es ist übrigens der Hauptunterschied zu den 1970ern, als in Europa die RAF oder die Roten Brigaden für Hysterie sorgten.

Chantal Müller am Flughafen Zürich: Sie war an der Promenade in Nizza, als der Lastwagen in die Menschenmenge fuhr.

Chantal Müller am Flughafen Zürich: Sie war an der Promenade in Nizza, als der Lastwagen in die Menschenmenge fuhr.

Sie suchten sich ihre Opfer gezielt aus.

Unter Wirtschaftsführern und Politikern. Normalos sagten sich: «So wichtig bin ich nicht, dass sie es auf mich abgesehen haben könnten.» Heute ist das anders: Jetzt kann es jeden treffen. Überall wo Menschen zusammenkommen, kann etwas passieren. Das hat etwas Bedrohliches und schwebt wie ein Damoklesschwert über der Gesellschaft.

Was geht denn psychologisch vor sich, dass wir uns vor Anschlägen mehr fürchten als vor Unfällen?

Das hat ganz einfach mit dem Effekt zu tun, dass bei Vorfällen wie Terroranschlägen mehr Menschen auf einmal umkommen als bei den zahlreichen Autounfällen, die sich über einen längeren Zeithorizont erstrecken. Stellen Sie sich vor, es käme an einem einzigen Tag zu den 3460 Verkehrstoten in Frankreich. Viele Franzosen würden wohl auf ihr Auto verzichten.

Angst ist eine natürliche Reaktion. Was daran ist schlecht?

Grundsätzlich nichts. Menschen ohne Angst leben nicht lange. Die Angst bewahrt uns davor, unnötige Risiken einzugehen. Aber sie kann auch lähmen. Unsere Vorfahren zeigten diesen Reflex, wenn sie sich tot stellten, um nicht von einem anderen Jäger gefressen zu werden. Die berühmte Schrecksekunde ist übrigens ein Überbleibsel davon. Dieser Reflex mag in der Savanne oder im Urwald taugen, in der modernen Welt taugt er jedoch nichts.

Sicherheitsexperte Albert A. Stahel zum Anschlag von Nizza

Sicherheitsexperte Albert A. Stahel zum Anschlag von Nizza

Wie kann man die Angst vor Terror überwinden, wo sie doch unbegründet ist?

Wie die Flugangst: mit rationalem Denken. Fast alle Menschen leiden unter Flugangst, wenn sie in der Maschine sitzen und es zu Turbulenzen kommt. Auch Vielflieger wissen genau, dass das Flugzeug viel mehr auszuhalten vermag und der Pilot ein Profi ist. Trotzdem überkommt auch sie ein mulmiges Magengefühl. Die emotionale Angst bricht einfach durch das Rationale. Und trotzdem fliegen diese Menschen immer wieder, die Rationalität obsiegt.

Plädieren Sie für dasselbe beim Terrorismus?

Es funktioniert ja. Oder wen überkam in einer grossen Menschenmasse nicht schon das Gefühl, gerade an einem Ort zu sein, der Ziel von Terroristen sein könnte? Und trotzdem gehen wir hin, ganz so, wie wir immer wieder ins Flugzeug steigen. Beim Terrorismus kommt eine Trotzreaktion hinzu: Man will sich von den Terroristen nicht einschüchtern lassen, ein Zeichen setzen.

Haben Globalisierung und die Entwicklungen bei den Massenmedien die Angst verstärkt?

Ja, weil wir durch die Technologisierung überall Zugriff auf Zeitzeugen haben. Durch die Massenmedien, die Videos und Bilder von Zeugen eines Attentats verbreiten, erhalten wir den Eindruck, dass viel mehr passiert als vor der Zeit des Smartphones. Früher haben wir also vieles gar nicht erfahren, obwohl auch viel passierte.