Es wird ungemütlich in der deutschen Politik. So lautet das Fazit der Kommentatoren nach dem Einzug der rechtsgerichteten Alternative für Deutschland in den Bundestag. Das Verhalten einzelner AfD-Mitglieder im Wahlkampf weckt Erinnerungen an düstere Zeiten. Aus globaler Sicht stellt der Erfolg der erst 2013 gegründeten Rechtspartei jedoch nur eine mässige Überraschung dar.

Erfolgsrezept: unbequem sein

Spätestens seit die Briten im vergangenen Sommer für den Austritt aus der EU gestimmt haben, kristallisiert sich laut Politikwissenschaftlern in westlichen Ländern ein relativ klares Muster hervor.

Erfolg bei den Wählern haben jene Parteien und Bewegungen, die das Misstrauen in der Bevölkerung gegenüber den etablierten Politikern und Parteien für sich nutzen können. Eher erstaunlich ist: Kritik an Einwanderern und Asylbewerbern kann, aber muss nicht Teil des Erfolgs sein. Die Neuen müssen vor allem eines: unbequem sein.

Niemand hat dies besser auf den Punkt gebracht als der amerikanische Filmemacher Michael Moore (bekannt aus «Bowling for Columbine»): Er hat die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten früher als die meisten Auguren vorhergesagt.

Moore erklärt den Erfolg des Immobilienmoguls nicht primär mit dessen Kritik an muslimischen und mexikanischen Immigranten, sondern damit, dass der unberechenbare New Yorker für seine Wähler eine «menschliche Handgranate» darstelle. Einer, der in Washington aufmische.

Acht Monate nach den US-Wahlen hat sich bei Trumps Paris-Besuch gezeigt, dass diese Einschätzung längst nicht nur auf den US-Präsidenten zutrifft. Die beiden Neo-Staatsmänner Trump und Emmanuel Macron haben beim üppigen Nachtessen im Eiffelturm zusammen mit ihren Ehefrauen wie zwei gute Freunde gewirkt. Obwohl ihre politischen Programme Lichtjahre auseinanderliegen und der erste Händedruck grimmig ausgefallen ist.

Was Macron mit Trump verbindet: Auch er hat die Wahl in den Élysée-Palast als krasser Aussenseiter geschafft; mit dem Versprechen, als unverbrauchte Kraft die Republik zu reformieren. Auch er hat sich wie Donald Trump bisher noch nie einer Volkswahl stellen müssen. Auch er hat mit seiner Mitte-Bewegung En Marche eine absolute Mehrheit in der französischen Nationalversammlung erzielt.

Für etablierte Parteien stellen die Wahlsiege der AfD, von Trump und Macron selbstredend ein grosses ein Ärgernis dar, nachdem ihre Wähler während Jahrzehnten eine vergleichsweise homogene Masse gebildet haben. Die Fabrikarbeiter haben die Sozialdemokraten, die Katholiken die Christdemokraten gewählt.

Der Berner Politikwissenschaftler Klaus Armingeon sagt, seitdem sich die Kirchen leerten und die Arbeiter in die Dienstleistungsbranchen wechselten, verflüssige sich die Wählerbasis der alten Parteien. Die Bürger hören also nicht mehr primär auf die Christdemokraten oder die Gewerkschaften. Sie informieren sich und entscheiden selber.

Das hat Konsequenzen: In Deutschland sind die Wähleranteile der beiden Grossparteien CDU und SPD bei den Wahlen vom Wochenende erodiert, und niemand weiss, wie es 2021 weitergeht.

Vom Aussenseiter zur Classe politique

Doch auch die Anti-Establishment-Parteien müssen auf der Hut sein. Einmal in die Regierungen und Parlamente gewählt, zieht ihre Kritik nur noch bedingt: Die Protestbewegungen werden selber Teil der Classe politique und stecken damit in der gleichen Falle wie ihre einstigen Gegner. Eine Entwicklung, die sich in manchen Ländern schon heute zeigt.

In Österreich hat der Grüne Alexander Van der Bellen den rechten FPÖ-Politiker Norbert Hofer bei der Bundespräsidentenwahl 2016 deutlich geschlagen. In Holland sind die Rechtspopulisten um Geert Wilders bei den Wahlen im März hinter den Erwartungen geblieben: Der Abstand zur Partei von Regierungschef Mark Rutte ist erheblich. Und auch die europakritische Ukip in Grossbritannien ist nach ihrem sagenhaften Brexit-Erfolg 2016 bei den Wahlen diesen Sommer kläglich gescheitert. Die Establishment-Falle verschont niemanden.