Es kommt selten vor, dass Rafael Edward Cruz auf dem falschen Fuss erwischt wird. Am Donnerstagabend aber, während der Fernsehdebatte der republikanischen Präsidentschaftskandidaten in South Carolina, gingen dem redegewandten Senator aus Texas, den alle «Ted» nennen, buchstäblich die Worte aus.

Also verzog der 45-Jährige seine dünnen Lippen zu einem Lächeln und – schwieg. Verantwortlich für diesen Moment war ausgerechnet Donald Trump, gemäss den Meinungsumfragen der schärfste Konkurrent von Cruz, 16 Tage vor Beginn des parteiinternen Ausscheidungskampfes um die Nomination zum republikanischen Anwärter auf das Weisse Haus.

Cruz wettert seit Tagen in den wichtigen Vorwahlstaaten Iowa und New Hampshire gegen den 69-jährigen Baulöwen aus New York – nachdem dieser einen informellen Nichtangriffspakt gebrochen hatte, von dem beide Kandidaten monatelang profitierten. (Trump stellt infrage, ob sich der in Kanada als Kind einer Amerikanerin und eines Kubaners geborene Cruz gemäss dem Buchstaben der US-Verfassung überhaupt für das Weisse Haus bewerben dürfe.)

Cruz sagte vergangene Woche in einem Radiointerview, dass Trump «New Yorker Werte» vertrete. Von einer New Yorkerin gefragt, was er denn damit meine, antwortete Cruz: «Der Rest des Landes weiss genau, was New Yorker Werte sind. Ich muss sagen, das sind keine Werte, die in Iowa vertreten werden, und keine Werte, die in New Hampshire vertreten werden.»

Donald Trump und Ted Cruz zoffen sich während der TV-Debatte über die Herkunft

Donald Trump und Ted Cruz zoffen sich während der TV-Debatte über die Herkunft

New York, Wall Street und die Juden

Am Donnerstag, während der TV-Debatte auf dem Sender «Fox Business Network» wurde er dann noch ein wenig präziser. Cruz sagte, die Bewohner der grössten Stadt Amerikas seien sozialpolitisch links, befürworteten Abtreibungen und Eheschliessungen von Homosexuellen, und sie seien fokussiert auf «Geld und die Medien». Das Publikum in South Carolina spendete ihm Beifall, als er den Kontrast zwischen dem Südstaat und der Grossstadt akzentuierte.

Mit dieser vermeintlich harmlosen Aussage – in der Tat ist die Mehrheit der Bewohner von New York City progressiver als die Bevölkerung in Iowa oder South Carolina – versuchte Cruz zwei Ziele zu erreichen.

Zum einen kritisierte er durch die Blume das Rückgrat seines Konkurrenten Donald Trump. Dieser hatte, als er vor fast zwei Dekaden bereits einmal mit einer Präsidentschaftskandidatur liebäugelte, in einem Fernsehinterview verkündet, dass er durch und durch ein New Yorker sei und deshalb recht aufgeschlossene sozialpolitische Positionsbezüge vertrete.

Zum andern griff Cruz aber auch auf das bewährte politische Mittel zurück, dem Fussvolk seiner Partei, das konservativ und tiefgläubig ist, eine versteckte Botschaft zu senden.

Denn wenn ein Politiker, vor allem ein derart begabter wie Cruz, die Worte «New York», «Medien» und «Geld» in einen Satz verpackt, dann sagt er damit indirekt: die tendenziell linken New Yorker Medien versuchen, mithilfe einflussreicher Kreise in der Finanzindustrie, dem Rest des Landes vorzuschreiben, wie es wählen soll.

Er appellierte damit, gewollt oder unbewusst, an den antisemitischen Bodensatz im Land, glauben doch viele Amerikaner, dass die Medien, die Filmindustrie und die Wall Street von Juden dominiert werden.

Trump kontert mit 9/11

Cruz ist kein Antisemit, sondern ein strammer Waffenbruder des Staates Israel. Auch finden sich unter seinen Unterstützern zahlreiche Mitglieder der von ihm kritisierten New Yorker Elite – schliesslich arbeitete seine Gattin Heidi einst für das Bankenhaus Goldman Sachs. Seine Attacke gegen Trump, als Befreiungsschlag gedacht, drohte deshalb von vornherein zu scheitern.

Trump aber, der übrigens Protestant mit deutschen Wurzeln ist, setzte zum K.-o.-Schlag an. Als er nämlich das Wort erhielt, erinnerte der Baulöwe das Publikum an die Terroranschläge des 11. September 2001.

Nachdem in Manhattan zwei Wolkenkratzer attackiert wurden und fast 3000 Menschen starben, hätten die New Yorker gezeigt, was in ihnen stecke, sagte Trump mit leiser Stimme. «Die Menschen in New York kämpften, kämpften und kämpften.» Selbst Cruz kam nicht umhin, in den warmen Applaus einzustimmen.