Hut ab vor Abou Sanogo: Der junge Radfahrer tritt in die Pedale, als wäre die Landstrasse zwischen Bamako und Bougouni nicht voller Staub, Hitze und Gefahren. Kriegsgefahren. Dem dreissigköpfigen Fahrerfeld der «Tour du Mali» folgen dichtauf mehrere Lastwagen mit Elitesoldaten auf der Ladefläche. Das Gewehr im Anschlag, beobachten sie das Buschwerk zur Seite. Zuvorderst fährt Sanogo. Der Halbprofi trotzt allen Widersachern und Heckenschützen. Nach 141 Kilometern fährt er als Sieger in Bougouni ein und freut sich, als hätte er die Tour de France gewonnen.

Der Krieg in Mali, anfänglich auf den Norden des Landes beschränkt, rückt derweil in den Süden vor: Die achte Ausgabe der «Tour du Mali» ist auf drei Etappen im Süden geschrumpft; der Rest des Landes ist zu unsicher. In der Hauptstadt Bamako (3,4 Millionen Einwohner) gab es bereits mörderische Anschläge auf ein Luxushotel, eine Bar, ein Tourismus-Resort. Zielscheibe waren jeweils Franzosen. Sie haben 2013 in Nordmali militärisch interveniert, um die wüstenerprobten Islamisten, die nach dem Sturz des libyschen Diktators Muammar al-Gaddafi nach Mali zurückgekehrt waren, aus ihrem theokratischen Staat Azawad in Nordmali zu vertreiben. Die Operation gelang, die 19 Millionen Malier waren der ehemaligen Kolonialmacht dankbar. Heute sehen sie in den Franzosen vor allem «Besatzer», wie Lokaljournalisten in Bamako im Gespräch meinen – schreiben würden sie das nicht.

Franzosen verheddern sich

Die Franzosen untersagen der malischen Armee bis heute den Zutritt zu einzelnen Wüstenstädten wie Kidal. Wollen sie damit die Tuareg-Nomaden decken, die bei den übrigen Maliern wenig Sympathien geniessen?

Auf jeden Fall verheddern sich die Franzosen zunehmend in die ethnisch wie religiös sehr komplexen Verhältnisse Malis. «Es ist wie in Afghanistan: Je mehr sich die französische Armee engagiert, desto schlimmer wird die Lage, desto stärker wird der bewaffnete Dschihadismus», meint der französische Ex-Diplomat Laurent Bigot. Er wurde vor einigen Jahren aus dem Staatsdienst entlassen, weil er die Dinge in Westafrika beim Namen nennt. «Wir begehen den gleichen Fehler wie in Kabul, wenn wir bloss den Terrorismus bekämpfen. In Mali ist er eine Folge von Armut, Arbeitslosigkeit und der Korruption unter dem malischen Präsidenten Ibrahim Boubacar Keïta, der 2013 mithilfe von Paris an die Macht gekommen war.»

Zwischen Sahel und Sahara gelegen, ist Mali ein Schlüsselstaat Westafrikas. Dank ihrer ruhigen Mentalität lebten die zahlreichen Ethnien der Bambara, Dogon oder Peul (auszusprechen «pöhl») bisher friedlich miteinander, ähnlich wie die gemässigten Muslime mit der christlichen Minderheit (zehn Prozent). Die soziale und konfessionelle Eintracht leidet aber mehr und mehr in einem Krieg, der fern von den medialen Schlagzeilen weitergeht.

Die gut 4000 Soldaten der französischen Militäroperation Barkhane haben in den letzten drei Jahren nach eigenen Angaben 450 Dschihadisten «neutralisiert», zu Deutsch: getötet. Andere haben die Wüstenzone verlassen und die französischen Stellungen umgangen: Sie missionieren neu im zentralen Landesteil. Mit ihren Slogans gegen die «Kolonialisten» in Paris und die «Plünderer» in Bamako ziehen sie die Peuls auf ihre Seite. Diesen relativ hellhäutigen Hirten und Viehzüchtern versprechen die Islamisten eine Rückkehr zu ihrem im 19. Jahrhundert blühenden Reich. Das ist auch gegen die sesshaften Dogon gerichtet, unter denen viele Protestanten und Animisten sind.

Ausgangssperre und Milizen

So verwandeln die Dschihadgruppen den malischen Schmelztiegel mithilfe lokaler Wahhabitenprediger in ein ethnisches Pulverfass. Dogon- und Peul-Dörfer rüsten Milizen aus. In der Stadt Gao hat der Gouverneur Anfang März eine nächtliche Ausgangssperre erlassen, die kaum eingehalten wird.

«Man sieht in Gao kaum Soldaten, dafür immer mehr Zivilisten mit Gewehren», erzählt Souleyman, ein Telefonverkäufer, der seinen Nachnamen nicht nennen will. «Nach zwei Monaten in Mopti und Gao bedrohten mich bärtige Männer. Sie sagten mir, wir brauchen hier keine Handys mehr, wenn wir die Scharia eingeführ haben», berichtet der 35-jährige Malier, der von seiner Firma nach Bamako zurückbeordert wurde. Die Handvoll Terrorgruppen von al-Kaida, IS oder des Tuaregkämpfers Iyad al Ghali stossen auch über die Grenzen Malis in benachbarte Länder vor. In Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso, brachten sie Anfang Monat sieben Militärs um. Der nur mit Armeekomplizen mögliche Anschlag galt offenbar einer Tagung der Staatengruppe «G5 Sahel» (Mali, Burkina Faso, Tschad, Mauretanien und Niger). Sie soll auf Betreiben des französischen Präsidenten Emmanuel Macron und mit finanzieller EU-Hilfe eine Nachfolgetruppe für die Operation Barkhane auf die Beine stellen.

Malis Präsident Keïta macht allerdings kaum vorwärts. Der UNO-Sicherheitsrat hat ihm deshalb auf französischen Wunsch ein Ultimatum gesetzt: Wenn er ein 2015 geschlossenes Friedensabkommen zwischen Maliern und Tuareg nicht bis Ende März umzusetzen beginnt, kürzt die UNO die Entwicklungshilfe für Mali. Doch «IBK», wie man Keïta in Bamako nennt, ist völlig von seiner Wiederwahl im Juli absorbiert. Die Franzosen sind ihrerseits im Norden beschäftigt. So stossen die radikalen Kriegstreiber im Zentrum des Landes auf wenig Widerstand. In Bougouni sagte ein «Tour du Mali»-Organisator: «Inchallah – hoffentlich wird das Radrennen nächstes Jahr überhaupt noch stattfinden.»