Kreml-Gegner Michail Chodorkowski ist frei

Kreml-Gegner Michail Chodorkowski ist frei

Chodorkowski war am Morgen nach zehnjähriger Haft aus dem Gefängnis entlassen worden, nachdem ihn Präsident Wladimir Putin begnadigt hatte.

In deutschen Diplomatenkreisen hiess es, die deutsche Botschaft in Moskau sei an der Vorbereitung der Ausreise beteiligt gewesen. Vertreter des Aussenministeriums seien auch bei den Einreiseformalitäten in Berlin behilflich gewesen.

Wie die «Welt» berichtet, habe der ehemalige Deutsche Aussenminister Hans-Dietrich Genscher die Einreise organisiert. Er habe ihn laut eigenen Angaben persönlich am Flughafen abgeholt.

Am Nachmittag schrieb «Spiegel Online», Chodorkowski beabsichtige nach Deutschland in die Schweiz weiterzureisen. Das EDA wollte dies jedoch nicht bestätigen noch dementieren.

Mit seinem von Deutschland erhaltenen Schengen-Visum kann sich Chodorkowski während einem Jahr frei im Schengenraum bewegen.

Erklärung auf Facebook

Auf Facebook veröffentlichte die Sprecherin von Chodorkowski unterdessen eine Erklärung in seinem Namen. Darin heisst es, dass Chodorkowski Putin um die Begnadigung aus «familiären Gründen» erfragt hatte. Weiter schreibt er, dass es sich bei der Begnadigung nicht um ein «Schuldbekenntnis» handle. Auch bekundete er seine Solidarität mit den noch weiterhin politisch Inhaftierten (siehe Box).

Mutter dementiert Behördenangaben

Chodorkowskis krebskranke Mutter Marina Chodorkowskaja dementierte derweil Angaben der russischen Justizvollzugsbehörde, wonach ihr Sohn auf eigenen Wunsch nach Deutschland abgeflogen sei, um sie dort zu treffen. Sie sei zwar vor einiger Zeit in Deutschland behandelt worden, weile aber gegenwärtig nahe Moskau, teilte sie am Freitag der Staatsagentur Itar-Tass mit.

Ihr Sohn habe sich bisher nicht bei ihr gemeldet, erzählte die 79-Jährige. "Ich weiss nicht, warum sie mitteilen, dass Michail zu mir nach Deutschland geflogen ist".

Vorwurf der Steuerhinterziehung

Putin hatte den einst reichsten Russen aus humanitären Gründen begnadigt. Der frühere Chef des inzwischen zerschlagenen Ölkonzerns Yukos war 2003 festgenommen und später zusammen mit seinem Geschäftspartner Platon Lebedew wegen Betrugs und Steuerhinterziehung zu langjähriger Haft verurteilt worden und sollte eigentlich in acht Monaten freikommen.

Chodorkowski ist der prominenteste Gegenspieler des Staatsoberhaupts. Er hatte sich offen zur Opposition bekannt. Der 50-Jährige setzte sich zudem für den Bau einer von seiner Firma kontrollierten Ölpipeline nach China ein, die den staatlichen Firmen Konkurrenz gemacht hätte.

Kritiker sprachen von politisch motivierten Prozessen, weil Chodorkowski Putin herausgefordert hatte. Experten sehen in der Wende den Versuch Putins, Kritiker vor den Olympischen Winterspielen in Sotschi im Februar zu besänftigen.