Eins wäre ihm wichtig, meint Franz Rechberger. Nämlich «dass Pinkafeld nicht als irgendwie rechts rüberkommt.» Rechberger sitzt für die Sozialdemokraten im Gemeinderat und jetzt gerade im Eiscafé. Hat sich den Platz ganz hinten in der Ecke ausgesucht und kann trotzdem nicht verhindern, dass die Frauen zwei Tische weiter den Herrn Rechberger und seine Gäste misstrauisch mustern, als sie das Wort «rechts» hören.

Rechts? Aber nein. Hier im Gemeinderat verfügt die SPÖ über eine satte absolute Mehrheit. Es gibt auch Flüchtlinge in Pinkafeld. «Bevor Sie kamen, sind zwei dunkelhäutige Mädchen hier vorbeigegangen», sagt Rechberger. «War überhaupt kein Problem.»

Zwiebelturm über der schmalen Kirche, flache Häuser, die traufseitig zur breiten Strasse stehen: Vor 100 Jahren gehörte die Gegend noch zu Ungarn, und so sieht es auch heute noch aus. Pinkafeld, 5600 Einwohner, ist ein früheres Tuchmacherstädtchen im Burgenland.

Während man es bis vor kurzem nur als Ausfahrt auf der Südautobahn kannte, wird es jetzt gerade berühmt als Heimat von Norbert Hofer.

Den Präsidentschaftskandidaten der FPÖ kennt man hier natürlich. Ein ganz normaler Mann, Einfamilienhaus, die Frau ist Pflegerin im Altenheim. Pendler, wie die meisten hier. Als das Töchterchen in die Schule gekommen ist, sind die Hofers aus Eisenstadt zurück in die Heimat gezogen. Die Eltern wurden alt, da haben die Jungen nebenan auf dem Grundstück neu gebaut. Ein «sympathischer Bursche», «immer freundlich», sagt Rechberger über Hofer. «Mit ihm kann man über alles diskutieren.»

Im ersten Wahlgang hat Pinkafeld schon zu 61 Prozent Norbert Hofer gewählt. Im zweiten, am Sonntag, werden es noch mehr sein. Mit Traditionen hat das nichts zu tun. Nazis gab es natürlich. Graue Eminenz der hiesigen FPÖ war bis in die 1990er-Jahre ein Ex-Gauleiter, dem Honoratioren aller Parteien ihre Aufwartung machten. Jetzt ist er schon 20 Jahre tot. Norbert Hofers Vater Gerwald sass lange für die konservative ÖVP im Gemeinderat, als die hier noch dominant war.

Man kommt zurück und pendelt

Sohn Norbert, Jahrgang 1971, interessiert sich fürs Fliegen: Erst Modell-, dann Segel-, dann Motorflugzeuge. Schon mit 14 heisst es weg aus dem Elternhaus, ins 90 Kilometer entfernte Eisenstadt. Österreich hat gute, hoch spezialisierte berufsbildende Schulen. Wer sich für Technik interessiert, muss sich früh entscheiden und oft weit weggehen. Zeitweise wenigstens. Von ihren Mitabiturienten sind 80 Prozent schon wieder zurück, erzählt die 34-jährige Vanessa Bruckner, die schon in Wien und in Hamburg gelebt hat, Fernsehen gemacht hat und jetzt wieder in ihrem Dorf bei Pinkafeld wohnt. Man kommt zurück in die unspektakuläre Hügellandschaft und pendelt dann nach Wien.

«Mein Burgenland, meine Heimat» sei für ihn «die schönste Landschaft der Welt», hat Norbert Hofer seine Herkunftsgegend genannt, als er mal etwas darüber schreiben musste, einen «schönen Flecken Erde». Heimat eben, und die Menschen dort sind «bescheiden, fleissig und ehrlich und vor allem eines: stolz auf ihre Heimat.» Die Heimat, das ist die Partei.

Was Hofer eine «unbeschwerte Kindheit und Jugend» nennt, hat ihn jedenfalls zu einem perfekten Selbstoptimierer gemacht. Fünf Jahre war er alt, als die ältere Schwester an Krebs starb und gebrochene Eltern hinterliess. Der Aufnahme in die Klasse für Flugtechniker ging ein hartes Aufnahmeverfahren voraus. Früh schloss er die erste Ehe. Rasch kommen drei Kinder. Hofer, nun schon in der Politik, studiert «neurolinguistisches Programmieren».

Das war grosse Mode im Umkreis von Jörg Haider, dem Star der FPÖ: Er beobachtet sich selbst hunderte Male auf Video, lernt seine Gesprächspartner «spiegeln», nachahmen, dominieren. Kommunizieren ist Technik. Bei Angriffen lachen, die Gesten des anderen kommentieren, aus Fragen ein Wort herauspicken, sich von Argumenten nicht beeindrucken lassen. Wie man das macht, hat Hofer schon in Dutzenden TV-Duellen vorgeführt. Er betreibt «mind mapping», ordnet sich seine Gedanken wie auf einer Landkarte, setzt sich Ziele und führt Buch darüber.

Mit dem Paragleiter abgestürzt

Der Langläufer und Mountainbiker ist gerade zum zweiten Mal verheiratet und zum vierten Mal Vater, als er mit dem Paragleiter ungebremst 15 Meter abstürzt und sich fünf Wirbel bricht. Hofer geht bis heute am Stock, spürt seine Fusssohlen nicht. Sechs Monate lang hat der damals 32-Jährige nach seinem schweren Unfall täglich sechs Stunden trainiert. Nach dem Unfall bekommt die Selbstoptimierung einen Zug ins Wiedergeborene. Hofer liest den deutsch-kanadischen Guru Eckhart Tolle, erfindet sich neu und kehrt dann aber zurück in die Partei, die ihm die Stelle als Landessekretär freigehalten hat.

Politik macht Hofer, seit er 22 ist. Es ist die grosse Zeit von Jörg Haider. Über die sanften Hügel Südburgenlands strahlen überall die Plakate einer Elektronikkette: «Willkommen im freien Markt!» Der Eiserne Vorhang, 30 Kilometer von hier, ist gerade gefallen. In den Dörfern werden zwischen den Grundstücken jetzt Zäune gebaut. Der Rennfahrer und Flugunternehmer Niki Lauda, Hofers erster Arbeitgeber, erklärt in Werbespots: «Ich hab nichts zu verschenken.» In die Kommunalpolitik sickert die neue Zeit erst kaum merklich ein. Die FPÖ ist in Pinkafeld mehr oder weniger die One-Man-Show eines älteren Lehrers. Wenn sie überhaupt einmal eine politische Veranstaltung wagt, kommt nur eine Handvoll Leute.

Was sich verändert hat, bis hier die Rechten auf 61 Prozent gekommen sind, spüren vor allem die, die nicht dazugehören. Georg Gossy etwa, ein junger Koch, der sich viele Gedanken macht über seine Heimat, seit er nach Jahren der beruflichen Wanderschaft zurückgekehrt ist. Geneckt wurde er, der Linke, immer schon, sagt er. «Aber der Ton wird härter». Einen «Scheiss-Schmarotzer» haben ihn Altersgenossen sogar schon genannt, ihn, den früheren Berufssoldaten und hart arbeitenden Küchenchef und Gastwirt, und ihm sogar gedroht: «Du stehst auf unserer Liste.»

Der Ton ist neu, und die ihn anschlagen, kennen ihn nicht von zu Hause. «Blaue» (FPÖ-)Elternhäuser gibt es hier kaum, sagt Georg, eher schon rote (SPÖ) und schwarze (ÖVP). Der «Oberblaue» von Pinkafeld, der Lehrer, hat seinen Sitz im Gemeinderat zwar dem Sohn vererbt. Der aber will von Ideologie nichts wissen. Der Burschenschaft Marko-Germania, die der Vater in Pinkafeld gegründet hat, ist der Sohn mehr dem Papa zuliebe beigetreten. Auch Hofer wurde Mitglied, aber erst lange nach seiner Schulzeit und nur als «Ehrenmitglied», als er schon einen Namen hatte. Inzwischen ist die «deutschnationale» Schülerverbindung schon wieder eingeschlafen. Richtige Rechtsradikale gibt es hier nicht. Es stimmt auch nicht mehr, dass man über die Nazizeit hier nichts erfährt. «Das Tagebuch der Anne Frank war bei uns schon Hauptschulstoff», erzählt Georg.

Keine mehr «von uns»

Langsam stieg unterdessen der blaue Grundwasserspiegel. Wie hoch er schon steht, hat die junge Vanessa Bruckner erfahren, als sie nach dem ersten Wahlgang in einer geschlossenen Facebook-Gruppe aus lauter Freunden, Nachbarn und Bekannten über die Hofer-Wähler herzog. «Manche grüssen mich nicht mehr», erzählt die muntere Frau, die hier für die Bezirkszeitung die «netten Geschichten» schreibt und deshalb allgemein geschätzt wurde. «Durchprügeln» sollte man sie, schrieb ihr einer. Jetzt ist sie zwar noch eine von hier, aber keine mehr «von uns». Sie haben die Partei gewählt, die sich über das «Ausgrenzen» beklagt.