Finnland

Rechtspopulisten drängen in finnische Regierung

Eine Bulldogge wirbt mit einem Wahlkampagnen-Poster in Helsinki für die «Wahren Finnen». J. Nackstrand/AFP

Eine Bulldogge wirbt mit einem Wahlkampagnen-Poster in Helsinki für die «Wahren Finnen». J. Nackstrand/AFP

Die Ablehnung der Euro-Rettung und der alten Parteien wird Wähler am Sonntag in Finnland in Scharen anziehen.

Vor der Bar 9 sitzen die Modebewussten mit Sonnenbrillen. «Meine Mama ist keine Rassistin», beteuert Kulturproduzentin Jenny Ferm.

«Sie ist Friseuse in einer Kleinstadt. Schneidet Somaliern und Finnen die Haare. Sie ist ein einfacher Mensch, und die Rechtspopulisten machen Politik sehr anschaulich. Die sagen, die EU und die Globalisierung seien schuld daran, dass die Fabriken bei uns schliessen», sagt Jenny.

«Und Mama mag den Parteichef Timo Soini. Der ist witzig und ein bisschen wie sie. Kein junges politisches Karrierezuchthuhn aus der feinen Hauptstadt, sondern ein dicker finnischer Dörfler.»

Jenny Ferm hat damit die Gründe für den durchschlagenden Erfolg der Rechtspopulisten treffend zusammengefasst. Morgen dürfte sich der Stimmenanteil der «Wahren Finnen» auf 17 bis 20 Prozent verfünffachen.

Damit hätten sie eine Eintrittskarte in die nächste Regierung in der Hand. Die derzeit regierenden bürgerlichen Parteien wie auch die oppositionellen Sozialdemokraten können sich eine Koalition mit ihnen gut vorstellen.

Die finnischen Rechtspopulisten seien nicht fremdenfeindlich wie ihre dänischen und holländischen Fraktionskollegen im EU-Parlament, heisst es aus beiden Lagern. Die «Wahren Finnen» gelten als wertkonservative Arbeiterpartei.

Charismatisch und humorvoll

So sehen es auch die «Wahren Finnen». «Wir sind keine Rassisten. Die Ausländerpolitik wollen wir nach der Wahl nicht verschärfen. Im Übrigen gehöre ich als Katholik selbst zu einer Minderheit», sagt Parteichef Timo Soinen gegenüber der az.

Selbst seine politischen Gegner halten ihn für klug, wortgewandt, charismatisch und humorvoll. Zudem kommt dem 48-Jährigen das Personenwahlsystem zugute, das starken Persönlichkeiten Vorteile verschafft.

Selbst unter Schülern wirbt Soinen erfolgreich. Viele Finnen wollen nicht mehr gezwungen werden, schwedisch zu lernen. Die schwedische Minderheit macht noch 6 Prozent aus, das Land gilt als zweisprachig.

Die etablierten Parteien wollten daran bisher nicht rütteln. Schweden war früher Kolonialmacht und hinterliess dem Land eine bis heute oft etwas bessergestellte Minderheit. Die muss freilich auch finnisch lernen.

«Soinen ist erfolgreich, weil er immer genau das sehr geschickt sagt, was die Leute hören wollen», sagt der Politikchef des finnischen Rundfunks, Yle Dan Ekström, der az. «Er geht gern auf die Trabrennbahn und andere Volksveranstaltungen. Da hört er, was die Leute hören wollen.»

Einen guten Teil seines Stimmenzuwachses verdankt Soinen der EU-Krise. Die Regierung beteiligte sich an der Eurorettung. Soinen poltert dagegen, dass Finnland sich um sich selbst kümmern müsse und maroden EU-Ländern wie Griechenland nicht unter die Arme greifen solle.

Ganz ohne Fremdenfeindlichkeit geht es auch nicht. Ausländerfeinde sollen rund ein Zehntel der Mitglieder seiner Partei stellen. Soinen versucht, sie zu übertönen.

Nur 3 Prozent Ausländeranteil

Dabei leben in Finnland mit seinen weniger als 5 Millionen Einwohnern nur rund 34000 Somalier. Hinzu kommen ein paar tausend Russen und Balten. Der Ausländeranteil liegt bei 3 Prozent, weniger als in den anderen reichen EU-Ländern.

Viele Finnen haben auch einfach die etablierten Parteien satt. Die drei etablierten Parteien – Sozialdemokraten, das konservative Zentrum und die rechtsliberale Sammlungspartei – erhielten stets je rund 20 Prozent und regierten Finnland ungeachtet der Blockgrenzen traditionell zusammen.

Eine der Parteien bildete jeweils die Opposition, aber die Unterschiede verschwammen. Derzeit regieren das Zentrum mit der Sammlungspartei, verstärkt durch die Partei der schwedischen Minderheit und den eher rechtsliberalen Grünen.

Soinen profitiert auch von einem Korruptionsskandal, der die Regierung erschüttert hat – in Finnland galt Korruption bis dahin als undenkbar. Ab morgen dürfte er in Finnland der Königsmacher sein.

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