Nach Angaben von Innenminister Süleyman Soylu wurden in 72 Provinzen 1009 Verdächtige verhaftet. Es handle sich um ein Gülen-Netzwerk im Polizeiapparat, das sich «Die heimlichen Imame» nennt, sagte der Minister. Insgesamt seien 3224 Haftbefehle ausgestellt worden. An den Razzien, die auf Veranlassung des Generalstaatsanwalts von Ankara stattfanden, waren rund 8500 Polizisten in allen 81 Provinzen beteiligt.

Präsident Recep Tayyip Erdogan sieht in dem islamischen Prediger Fethullah Gülen, der von seinem selbst gewählten Exil in den USA ein weltweites Netz von Stiftungen, Bildungseinrichtungen und Medien kontrolliert, den Drahtzieher des Putschversuchs vom Juli 2016. Gülen bestreitet die Vorwürfe.

Nach Angaben der Internetseite «Turkey Purge», die Erdogans «Säuberungen» dokumentiert, wurden nach dem Putschversuch fast 100 000 Menschen festgenommen. Von ihnen sitzen über 50 000 in Untersuchungshaft. Aus Sorge um die Demokratie und die Rechtsstaatlichkeit in der Türkei hatte die Parlamentarische Versammlung des Europarats mit grosser Mehrheit beschlossen, das Land unter Beobachtung zu stellen.

Das Aussenministerium in Ankara kritisierte, die Entscheidung gehe auf «böswillige Kreise» zurück und sei «eine Schande für das Organ, das behauptet, die Wiege der Demokratie zu sein». Im Rahmen des jetzt beschlossenen «Monitoring» werden zwei Berichterstatter des Europarats regelmässig in die Türkei reisen, um die Menschenrechtssituation und Rechtsstaatlichkeit zu überprüfen.

Neue Kritik gibt es auch am Zustand der Pressefreiheit in der Türkei. In der jüngsten Rangliste der Pressefreiheit der Organisation Reporter ohne Grenzen (RoG) ist die Türkei weiter abgestiegen. Nach Platz 151 im vergangenen Jahr belegt sie nun Rang 155 unter 180 beobachteten Ländern. Damit liegt sie noch hinter Russland, Belarus und der Republik Kongo. Die Türkei gehört auch zu den Ländern mit den meisten inhaftierten Journalisten weltweit.