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Rassisten mit Sturmgewehr: Warum die USA ein Problem mit bewaffneten Milizen haben

Bis an die Zähne bewaffnet: Rechtsextreme Miliz beim Stone Mountain Park in Georgia.

Bis an die Zähne bewaffnet: Rechtsextreme Miliz beim Stone Mountain Park in Georgia.

Wenn es in den USA zu Protesten kommt, tauchen häufig bewaffnete Milizen auf, die für Ordnung sorgen – so sagen sie es zumindest. Dabei berufen sich die Gruppen auf die lange Geschichte der Bürgermilizen. Doch die einstige Instanz für Ruhe und Ordnung wurde zum Problem.

Am Vorabend der TV-Debatte der Präsidentschaftswahlen ist die Stimmung in den USA gereizt wie selten zuvor. Zunehmend unversöhnlich scheinen sich das konservative und das liberale Amerika gegenüberzustehen.

Augenfällig wird die zunehmende Polarisierung an den «Black-Lives-Matter»-Demonstrationen, die mehrmals in gewalttätige Auseinandersetzungen mündeten. Bei diesen Protesten marschieren immer häufiger auch rechtsgerichtete bewaffnete Milizen auf – angeblich, um das Eigentum der Bürger zu schützen und für Recht und Ordnung zu sorgen. Ende August eskalierte eine solche Konfrontation in Kenosha im US-Staat Wisconsin mit tödlichen Folgen: Ein 17-jähriger Angehöriger einer Miliz schoss auf drei Personen und tötete zwei von ihnen.

Im Selbstverständnis der Milizionäre sind die Teilnehmer an den Protesten – die auch Präsident Trump «linke Anarchisten» und «einheimische Terroristen» nennt – keine Demonstranten, sondern «Kriminelle, die versuchen, unsere Regierung zu destabilisieren und unseren Lebensstil zu zerstören», wie der Gründer der Miliz «American Wolf», Peter Diaz, in einem Beitrag der «Deutschen Welle» erklärt. Gemäss einer Studie des Southern Poverty Law Centers gab es 2019 nicht weniger als 181 dieser Milizen. Woher kommen diese schwerbewaffneten paramilitärischen Gruppen, worauf berufen sie sich?

Staat beschäftigte Milizen statt Armee

Moderne amerikanische Milizen kamen in den Neunzigerjahren des 20. Jahrhunderts auf, aber ihre Wurzeln reichen tief in die Vergangenheit zurück – bis zu jenen bewaffneten Gruppen, die von den Kolonisten zum Kampf gegen die Ureinwohner aufgestellt wurden. Wehrpflichtig war im Prinzip jeder wehrfähige Mann zwischen 16 und 60 Jahren, wobei es zahlreiche Ausnahmen gab.

Besonders motivierte junge Milizionäre bildeten sogenannte Minutemen-Einheiten, die quasi innert einer Minute kampfbereit sein sollten. Im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, als die Dreizehn Kolonien sich vom britischen Mutterland lösten, verfügten die aufständischen Kolonisten zunächst nicht über ein reguläres Heer, sondern lediglich über diese Milizen.

Die Formierung von Milizen in den USA hat eine lange Geschichte.

Die Formierung von Milizen in den USA hat eine lange Geschichte.

Nach dem Ende des Krieges lösten die jungen Vereinigten Staaten die Kontinentalarmee, ihr stehendes Heer, fast vollständig wieder auf. Die Gründerväter sahen in einer regulären Armee ein Werkzeug des Absolutismus und eine Bedrohung für Demokratie und Freiheit. Schon in der Virginia Declaration of Rights, die den später formulierten Bill of Rights der USA vorausgingen, steht in Artikel 13:

Mit Hinweis auf die Notwendigkeit der Milizen verbietet auch der zweite Zusatzartikel zur US-Verfassung – das berühmt-berüchtigte Second Amendment von 1791 – der Bundesregierung, das Recht auf Besitz und Tragen von Waffen einzuschränken:

Langsamer Niedergang und rassistische Vorläufer

Im ganzen 19. Jahrhundert blieb die reguläre Armee eher schwach; selbst in Kriegen gegen andere Staaten wie Mexiko waren es die Milizen, die den Hauptteil der amerikanischen Truppen stellten. In den Südstaaten wurden sie zudem für die Jagd auf entflohene Sklaven eingesetzt.

Diese sogenannten Slave Patrols endeten zwar mit der Niederlage der Konföderierten im Sezessionskrieg, doch danach formierten sich viele Milizionäre im Geheimbund des Ku Klux Klans, der die schwarze Bevölkerung im Süden terrorisierte.

In dem Masse aber, in dem die USA aussenpolitisch an Gewicht zulegten und schliesslich selbst zu einer Kolonialmacht wurden, wuchs die Bedeutung der regulären Armee.

1903 gingen die Milizen durch den Militia Act in der neu geschaffenen Nationalgarde auf, die den einzelnen Bundesstaaten zugeordnet und der Befehlsgewalt des jeweiligen Gouverneurs unterstellt ist. 1916, kurz vor dem Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg, wurde die Nationalgarde Teil der Armee.

Viele der heutigen Milizen haben rassistische Vorläufer.

Viele der heutigen Milizen haben rassistische Vorläufer.

Dieser zunehmenden Institutionalisierung der traditionellen Milizen steht die Entwicklung von privaten, ideologisch motivierten Milizen gegenüber, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden. Ihre Vorläufer waren – noch vor dem Zweiten Weltkrieg – die antisemitische Silver Shirt Legion und die Christian Front. Nach dem Krieg entstanden militant antikommunistische Formationen wie die «Minutemen», die mit ihrem Namen auf die Milizen im Unabhängigkeitskrieg anspielten.

In den Sechzigerjahren formierte sich eine rechtsextreme Gruppierung namens «Posse Comitatus» (lat. «Kraft für das Land») unter der Leitung von William Potter Gale, einem christlich grundierten überzeugten Rassisten. Die Mitglieder der Posse – viele von ihnen ehemalige Klansmen – lehnen jede staatliche Autorität oberhalb der County-Ebene ab und weigern sich oft, Steuern zu zahlen. Die Gruppe gehört zur rassistisch-fundamentalistischen Christian-Identity-Bewegung, die stark antisemitisch ausgerichtet ist.

Ein Blutbad als Katalysator

Aus der Posse gingen in den Neunzigerjahren mehrere Milizen hervor. Sie übernahmen deren ideologisches Grundgerüst: Rassismus, Antisemitismus, christlicher Fundamentalismus, militante Anti-Regierungsideologie und massiver Widerstand gegen die Einschränkung von Waffenrechten.

Zu diesem Mix gesellt sich eine starke Affinität für Verschwörungstheorien, die sich meist um die sogenannte Neue Weltordnung drehen – also um den angeblichen Versuch dunkler Mächte, über die UNO und mit Komplizenschaft der Regierung in Washington die Weltherrschaft zu übernehmen.

Als Katalysator für die Gründung solcher rechtsextremer paramilitärischer Gruppierungen wirkten vor allem zwei blutige Ereignisse: 1992 kam es in Ruby Ridge im US-Staat Idaho zu einer Schiesserei, als Bundesbeamte den Farmer Randy Weaver, einen Anhänger der «White Supremacy», verhaften wollten.

Weavers Frau, sein Sohn und ein US-Marshal kamen dabei ums Leben. Im Jahr darauf machte das Drama von Waco weltweit Schlagzeilen. In der texanischen Stadt hatten sich Mitglieder der Davidianer-Sekte mit ihrem Anführer David Koresh auf einer Ranch verbarrikadiert. Nach 51 Tagen griffen die Bundesbeamten an, die Sektenmitglieder legten Feuer. 82 von ihnen kamen um.

Die beiden tödlichen Vorfälle dienten verschwörungsgläubigen rechtsextremen Kreisen als Beleg dafür, dass die Bundesbehörden die befürchtete «Neue Weltordnung» mit Gewalt durchsetzen würden. Diese regierungsfeindlichen Gruppen – ohnehin beunruhigt durch die Unruhen in Los Angeles, die 1992 nach der Misshandlung des Afroamerikaners Rodney King ausgebrochen waren – befürchteten zudem, während der Amtszeit des demokratischen Präsidenten Bill Clinton (1993–2001) könnten die Waffengesetze verschärft werden.

Ab 1994 formierten sich mehrere Milizen, allen voran die «Mutter aller Milizen», die Militia of Montana (MoM). Die Milizbewegung wuchs schnell an; bereits ein Jahr später gab es in fast jedem Bundesstaat eine Miliz.

Rechtsextremer Terror

Die Paranoia dieser rechtsextremen Bewegung, die neben ihrer christlich-fundamentalistischen Ausrichtung auch Anleihen beim Survivalismus machte, trug bittere Früchte: Im April 1995, exakt zwei Jahre nach Waco, verübte der Armee-Veteran Timothy McVeigh einen Bombenanschlag auf das Murrah Federal Building in Oklahoma City, dem 168 Menschen zum Opfer fielen, darunter 19 Kinder. McVeigh war selber zwar kein Mitglied einer Miliz, sympathisierte jedoch mit ihnen und bewegte sich zeitweise im Umfeld der 1994 gegründeten Michigan Militia.

Das zerstörte Regierungsgebäude in Oklahoma City.

Das zerstörte Regierungsgebäude in Oklahoma City.

Obwohl viele Miliz-Mitglieder den Anschlag von Oklahoma City für eine verdeckte Operation der Clinton-Regierung hielten und immer noch halten, ebbte die Milizbewegung danach deutlich ab. Innerhalb eines Jahrzehnts sank die Zahl der Milizen gemäss dem Southern Poverty Law Center von 441 auf 35. Insbesondere nach der Jahrtausendwende, während der Amtszeit des Republikaners George W. Bush (2001–2009), schien es, die Milizbewegung versinke zusehends in der Bedeutungslosigkeit.

Doch als der Afroamerikaner Barack Obama, der auf die Rassisten wie ein Schreckgespenst wirken musste, Ende 2008 zum Präsidenten gewählt wurde, kehrte sich diese Entwicklung um und die Milizen gewannen wieder an Zulauf. Ihre Zahl stieg innerhalb eines Jahres von 42 auf 127, darunter etwa die «3% United Patriots», die sich mit ihrem Namen auf die angeblich drei Prozent der Kolonialisten beziehen, die im Unabhängigkeitskrieg bewaffnet gegen die Briten kämpften.

Getreu der Faustregel, dass Milizen unter demokratischen Präsidenten besonders aktiv sind, kam es nun vermehrt zu Konfrontationen zwischen Angehörigen der Milizbewegung und staatlichen Organen: 2014 widerstand der Rancher Cliven Bundy aus Nevada an der Spitze von mehreren bewaffneten Viehzüchtern einem Aufgebot von 200 Bundespolizisten. Er hatte sein Vieh seit Jahren auf Land der Regierung grasen lassen, da er deren Besitzanspruch nicht anerkannte.

Zwei Jahre später besetzte sein Sohn Ammon Bundy mit bewaffneten Milizionären die Zentrale eines Nationalparks im US-Bundesstaat Oregon. Auch hier erhoben die Besetzer, die sich «Citizens for Constitutional Freedom» («Bürger für verfassungsmässige Freiheit») nannten, den Vorwurf an die Bundesbehörden, die tyrannische Regierung beanspruche unrechtmässig Land und Ressourcen.

Im Frühjahr 2019 sorgte eine bewaffnete Miliz namens United Constitutional Patriots für Aufsehen, die im Bundesstaat New Mexico beinahe 300 Migranten festgenommen hatte. Der Anführer der Miliz wurde wegen Verstössen gegen das Waffengesetz verhaftet. Die Gouverneurin von New Mexico sah sich genötigt, in einem Statement darauf hinzuweisen, dass es Zivilpersonen nicht erlaubt sei, Leute festzunehmen, die über die Grenze kämen.

Ein ideologisches Dilemma

Allerdings teilen nicht alle Milizen dieselben ideologischen Grundsätze. Es gibt Milizen, die rechts stehen und regierungsfeindlich sind, sich aber keineswegs als rassistisch verstehen. Manche sorgen gemäss ihrem Selbstverständnis dort für Ordnung, wo der Staat diese Aufgabe nicht erfüllen kann oder soll – eine Haltung, die sich ausserhalb der Milizen auch sonst in ländlichen und strukturschwachen Gebieten finden lässt.

Es gibt sogar schwarze Milizen, etwa die «Not Fucking Around Coalition» (NFAC, deutsch sinngemäss: «Wir-meinen-es-ernst-Koalition»), die sich explizit als «rein schwarz» versteht und nichts mit dem Antirassismus der BLM-Bewegung zu tun haben will.

Seit Donald Trump im Weissen Haus sitzt, befinden sich die regierungsfeindlichen Milizen in einer paradoxen Situation. Immerhin teilt Trump manche ihrer Vorstellungen und steht ihnen mit Sympathie gegenüber.

Einen Ausweg aus dem ideologischen Dilemma bietet die Theorie, dass Trump selber gegen das Establishment in Washington, gegen einen angeblichen «Deep State» ankämpfe. Gleichwohl wurde es während Trumps Amtszeit zunächst etwas ruhiger um die Milizen – bis sie im Zuge der «Black-Lives-Matter»-Proteste ihre Aktivitäten erneut verstärkten.

Stewart Rhodes, Anführer der Miliz «Oath Keepers», will seine Männer am Wahltag vor den Wahllokalen aufmarschieren lassen – angeblich, um Wahlbetrug zu verhindern. Die Miliz, die zu den grössten im Land zählt, hatte erstmals während den Unruhen in Ferguson 2014 und 2015 Aufsehen erregt, als ihre Mitglieder durch die Stadt patrouillierten.

Wie Amerikas bis an die Zähne bewaffneten Milizen im derzeit aufgeheizten politischen Klima auf eine eventuelle Wahlniederlage Trumps reagieren werden, bleibt schwierig abzuschätzen.

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