"Präsident Faust, Vorstandsvorsitzender, Fakultät, Alumni, Freunde, stolze Eltern, Mitglieder des Verwaltungsrats und Absolventen der grossartigsten Universität der Welt – Ich fühle mich geehrt, heute bei euch zu sein. Denn seien wir ehrlich: Ihr habt etwas geschafft, was mir nie gelungen ist. Wenn ich es bis ans Ende dieser Ansprache schaffe, wird es das erste Mal sein, dass ich in Harvard wirklich etwas zu Ende bringe. Klasse von 2017, herzlichen Glückwunsch!

Ich bin ein merkwürdiger Redner, nicht nur weil ich mein Studium abgebrochen habe, sondern weil wir genau genommen zur gleichen Generation gehören. Wir sind innerhalb des gleichen Jahrzehnts über diesen Hof spaziert, haben die gleichen Ideen studiert und die gleichen Vorlesungen verschlafen. Wir haben zwar verschiedene Wege genommen, um hier zu sein, (…) aber heute möchte ich trotzdem mit euch teilen, was ich über unsere Generation und über die Welt, die wir zusammen erbauen, gelernt habe. (…)

Ich möchte heute über Bestimmung reden. Aber ich bin nicht hier, um die Standardrede zu halten, wie ihr eure eigene Bestimmung finden sollt. Wir sind Millennials. Das versuchen wir instinktiv. Stattdessen möchte ich davon erzählen, dass es nicht genug ist, eure eigene Bestimmung zu finden. Die Herausforderung unserer Generation ist, eine Welt zu erschaffen, in der alle eine Bestimmung finden. (...)

Bestimmung ist dieses Gefühl, dass wir alle Teil von etwas Grösserem sind, dass es uns braucht, dass wir für eine bessere Zukunft arbeiten. Wahres Glück kommt von Bestimmung.

Ihr schliesst die Uni in einer Zeit ab, in der das speziell wichtig ist. Als unsere Eltern das Studium abschlossen, kam ihre Bestimmung zuverlässig mit der Arbeit, der Kirche, der Gemeinschaft. Aber heute vernichten Technologie und Automatisierung viele Arbeitsplätze und Mitgliedschaften in Gemeinschaften gehen zurück. Viele Leute fühlen sich alleine und deprimiert und versuchen, diese Leere zu füllen. (...) Ich erinnere mich an die Nacht, als ich von meinem kleinen Studentenzimmer aus Facebook startete. Ich ging mit einem Freund aus. Ich erinnere mich, wie ich ihm von meiner Freude erzählte, die Harvard-Gemeinschaft zu vernetzen, und dass eines Tages jemand die ganze Welt vernetzen würde.

Die Sache ist die: Mir wäre es nie in den Sinn gekommen, dass wir das sein könnten. Wir waren nur ein paar Studenten. Von solchen Sachen wussten wir nichts. Da gab es alle diese grossen Technologiefirmen mit ihren Ressourcen. Ich nahm einfach an, dass eine von ihnen das tun würde. Aber diese Idee, dass sich alle Personen vernetzen möchten, war so klar für uns. Und so haben wir einfach weitergemacht, Tag für Tag. Ich weiss, dass viele von euch auch solche Geschichten erzählen können. Eine Veränderung der Welt, die so klar erscheint, dass es jemand anderes tun wird. Aber das werden sie nicht tun. Ihr werdet. Aber es reicht nicht, nur eine eigene Bestimmung zu haben. Man muss eben auch eine Bestimmung für andere schaffen. (…)

Heute möchte ich über die drei Wege sprechen, wie wir eine Welt schaffen können, in der alle eine Bestimmung haben: Indem man grosse bedeutsame Projekte zusammen anpackt, indem man Gleichheit neu so definiert, dass alle die Freiheit erhalten, ihrer Bestimmung zu folgen, und indem man eine weltweite Gemeinschaft aufbaut.

Zuerst möchte ich über die grossen bedeutsamen Projekte reden. (…) Jede Generation hat ihre Projekte, die sie definieren. Mehr als 300 000 Personen haben daran gearbeitet, einen Menschen zum Mond zu schicken (…). Millionen von Freiwilligen haben Kinder auf der ganzen Welt gegen Kinderlähmung geimpft. (…) Diese Projekte haben nicht nur den Personen eine Bestimmung gegeben, die an ihnen arbeiteten, sie haben unserem Land ein Gefühl des Stolzes gegeben, dass wir grossartige Sachen vollbringen können.

Und jetzt ist es an uns, grossartige Sachen zu vollbringen. Ich weiss, viele von euch denken nun: «Ich weiss nicht, wie man Millionen von Leuten für eine gemeinsame Sache zusammenbringt.»

Ich möchte euch ein Geheimnis erzählen: Niemand weiss das von Anfang an. Ideen entstehen nicht komplett ausformuliert. Sie werden erst klar, wenn man an ihnen arbeitet. Man muss einfach anfangen. (…) Filme und die Populärkultur zeigen das falsch. Die Idee eines einzelnen «Heureka»-Moments ist eine gefährliche Lüge. Weil wir diesen Moment noch nicht hatten, fühlen wir uns ungenügend. Das hält Personen mit guten Ideen davon ab, überhaupt erst anzufangen. (…)

Auf was warten wir also? Es ist Zeit für die öffentlichen Projekte, die unsere Generation definieren werden. Wie wäre es, den Klimawandel zu stoppen (…) und dafür Millionen von Leuten an der Herstellung und Installation von Solarkollektoren zu beteiligen? Wie wäre es, alle Krankheiten zu heilen und dafür Freiwillige aufzufordern, ihre Gesundheitsdaten aufzuzeichnen und ihre Genome zu teilen? (…) Wie wäre es, Demokratie so zu modernisieren, dass alle online abstimmen können, und Bildung so zu personalisieren, dass alle lernen können? Diese Errungenschaften sind in Reichweite. Setzen wir sie so um, dass alle in unserer Gesellschaft eine Rolle bekommen. Machen wir grosse Sachen, nicht nur für den Fortschritt, sondern für die Bestimmung.

Grosse, bedeutsame Projekte anzupacken, ist also das Erste, was wir tun können, um eine Welt zu erschaffen, in der alle eine Bestimmung haben. Das Zweite ist, Gleichheit neu so zu definieren, dass alle die Freiheit erhalten, ihrer Bestimmung zu folgen. (…) Heute ist der Reichtum so ungleich verteilt, dass es allen schadet. Wenn man nicht die Freiheit hat, seine Idee in ein historisches Unternehmen zu verwandeln, verlieren wir alle. Unsere jetzige Gesellschaft belohnt Erfolg viel zu stark und macht es uns viel zu schwer, etwas mehrmals zu probieren.

Seien wir ehrlich. Mit unserem System stimmt etwas nicht, wenn ich Harvard verlassen kann und in 10 Jahren Milliarden von Dollar machen kann und gleichzeitig Studenten ihre Darlehen nicht zurückzahlen, geschweige denn ein Unternehmen gründen können. (…) Wir alle wissen, dass Erfolg nicht nur von guten Ideen oder harter Arbeit kommt. Es braucht auch Glück. Hätte ich meine Familie unterstützen müssen, anstatt Zeit zum Programmieren zu haben, (…) wäre ich heute nicht hier. Wenn wir ehrlich sind, wissen wir alle, wie viel Glück wir hatten.

Jede Generation erweitert ihre Definition von Gleichheit. Frühere Generationen kämpften für das Wahlrecht, für Bürgerrechte. (…) Jetzt ist die Zeit an uns, einen neuen Gesellschaftsvertrag für unsere Generation zu verfassen.

Wir sollten eine Gesellschaft haben, die Fortschritt nicht nur ökonomisch misst, sondern auch daran, wie viele von uns eine gesellschaftliche Rolle haben, die wir bedeutsam finden. Wir sollten Ideen wie ein bedingungsloses Grundeinkommen erforschen, damit alle neue Dinge probieren können. Wir werden alle mehrmals den Arbeitsplatz wechseln, deshalb brauchen wir erschwingliche Kinderbetreuung. (…) Wir machen alle Fehler, deshalb brauchen wir eine Gesellschaft, die sich nicht darauf fokussiert, uns einzusperren oder zu stigmatisieren. (…) Und ja, allen die Freiheit zu bieten, ihrer Bestimmung zu folgen, ist nicht gratis. Leute wie ich sollten dafür bezahlen. Viele von euch werden erfolgreich sein und ihr solltet es auch tun.

Aber es geht nicht nur ums Geld. Man kann auch Zeit geben. Ich versichere euch, es reichen eine oder zwei Stunden pro Woche, um jemandem zu helfen (…). Vielleicht denkt ihr, das sei zu viel Zeit. Das dachte ich auch. Als Priscilla in Harvard abschloss, wurde sie Lehrerin, und bevor sie an meinen Bildungsprogrammen mithelfen wollte, verlangte sie, dass ich eine Klasse unterrichte. Ich beschwerte mich: «Ich bin ziemlich beschäftigt. Ich leite diese Firma». Aber sie bestand darauf und so gab ich Nachhilfekurse in Unternehmensgründung. (…)

Wir alle finden Zeit, jemandem zu helfen. Geben wir also allen die Freiheit, ihrer Bestimmung zu folgen. Nicht nur, weil es das Richtige ist, sondern auch, weil wir alle davon profitieren können. Bestimmung kommt aber nicht nur von Arbeit. Der dritte Weg, wie wir eine Bestimmung für alle erzeugen können, ist, indem wir eine Gemeinschaft für alle bauen. Und wenn unsere Generation «alle» sagt, meinen wir alle Welt. (…)

Wir wissen, dass unsere grössten Möglichkeiten heute global sind. Wir können die Generation sein, die Armut und Krankheiten besiegt. Wir wissen auch, dass unsere grössten Herausforderungen globale Antworten brauchen. Kein Land kann den Klimawandel alleine bekämpfen oder Pandemien verhindern. Fortschritt bedeutet nicht nur, als Städte oder Länder zusammenzufinden, sondern als globale Gemeinschaft.

Das ist der Kampf unserer Zeit. Die Kräfte von Freiheit und Offenheit gegen Autoritarismus, Isolationismus und Nationalismus. (…) Das ist kein Kampf der Nationen, sondern der Ideen. (…) Dieser Kampf wird auch nicht durch die UNO entschieden, sondern auf lokaler Ebene, wenn genügend viele von uns eine Bestimmung und Stabilität in ihrem Leben haben, um anfangen zu können, sich um andere zu kümmern. Lokale Gemeinschaften aufzubauen, ist die beste Art und Weise, dies zu erreichen.

Wir alle erhalten eine Bestimmung von unseren Gemeinschaften, seien das Sportmannschaften, Kirchen oder Musikgruppen. Sie geben uns das Gefühl, Teil von etwas Grösserem zu sein (…). Deshalb ist es so bemerkenswert, dass Mitgliedschaften in allen möglichen Gemeinschaften seit Jahrzehnten rückläufig sind. Viele Leute müssen nun ihre Bestimmung anderweitig finden.

Aber ich weiss, dass wir unsere Gemeinschaften wieder aufbauen können und neue gründen können (…). Veränderung beginnt lokal. Auch globale Veränderung (…). In unserer Generation ist die Frage, ob wir uns mehr vernetzen und ob wir unsere grössten Möglichkeiten verwirklichen, davon abhängig, ob wir es schaffen, Gemeinschaften zu bauen und eine Welt zu erschaffen, in der jede einzelne Person eine Bestimmung hat.

Klasse von 2017, ihr schliesst die Uni in einer Welt ab, die Bestimmung braucht. Es liegt an euch, diese zu erschaffen. Herzliche Gratulation. Viel Glück da draussen."