Kremlchef Wladimir Putin hat den Machtwechsel in der Ukraine als verfassungswidrigen Umsturz und bewaffnete Machtergreifung bezeichnet. Er habe zwar grundsätzlich Verständnis für den Wunsch nach Veränderung im Nachbarland, befürworte aber die Art und Weise nicht.

«Das Volk wollte einen Wechsel», sagte Putin am Dienstag bei einem Treffen mit Journalisten bei Moskau.

Der ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch habe bei den Verhandlungen mit europäischen Aussenministern am 21. Februar allen Vorschlägen der Opposition zugestimmt. Er sei der legitime Präsident.

Die Absetzung Janukowitschs durch das ukrainische Parlament infolge tagelanger blutiger Strassenkämpfe in Kiew wertete der russische Präsident als bewaffneten Putsch.

«Es kann nur eine einzige Bewertung der Ereignisse in Kiew und der Ukraine geben: Es handelt sich um einen verfassungswidriger Staatsstreich und eine gewaltsame Machtergreifung», sagte Putin.

«Militärisches Eingreifen derzeit nicht nötig»

Putin hält bisher einen Militäreinsatz in der Ukraine als nicht nötig. «Was den Einsatz von Streitkräften angeht: Bisher gibt es eine solche Notwendigkeit nicht», sagte er bei der im Staatsfernsehen übertragenen Pressekonferenz.

Aber: «Wir können es nicht hinnehmen, dass teilweise Neo-Nazis an die Macht gekommen sind in der Ukraine!» Russland habe aufgrund von Janukowitschs Hilferuf eingegriffen.

Putin weiter: «Ich habe keinen Ansprechspartner in der Ukraine - das Land ist führungslos». Man wolle die Krim derzeit nicht erobern. «Die Menschen sollen darüber abstimmen, welchem Land sie angehören wollen.  Wir wollen keinen Krieg gegen die Ukraine führen.»

«Keine Soldaten - es sind Selbstverteidigungstruppen»

Die Ukraine wirft Russland vor, in den vergangenen Tagen tausende Soldaten auf die Krim geschickt zu haben.

Uniformierte haben die Kontrolle über die zur Ukraine gehörende Schwarzmeer-Halbinsel übernommen. Putin sagte dazu ohne Erläuterung, es seien «Selbstverteidigungskräfte».

Putin schloss einen Militäreinsatz für die Zukunft nicht aus: «Es gibt diese Möglichkeit», sagte er.

Der Präsident hatte sich angesichts der gespannten Lage in der Ex-Sowjetrepublik vom Föderationsrat die Erlaubnis geben lassen, zum Schutz der russischen Minderheit in der Ukraine einzumarschieren. Sollte es im Osten des Landes zu Unruhen kommen, werde Russland gegebenenfalls einschreiten, betonte er.

Drohungen gegen Russland seien kontraproduktiv und schädigend, sagte Putin weiter. Diejenigen, die Sanktionen in Erwägung zögen, sollten über den Schaden nachdenken, der dadurch entstehe.

Militärübung beendet

Russland hat seine massive Militärübung an der Grenze zur Ukraine nach sechs Tagen beendet. Wie der Kreml am Dienstag mitteilte, gab der russische Präsident und Oberbefehlshaber Putin den beteiligten Truppen und Einheiten den Befehl, in ihre Stützpunkte zurückzukehren.

Mit den Umwälzungen in Kiew hatte das Manöver nach russischer Darstellung nichts zu tun. Putin liess sich am Wochenende aber vom Parlament grünes Licht für eine militärische Intervention in dem Nachbarland geben, um dort lebende Russen vor einer angeblichen Bedrohung zu schützen. Am Dienstagmorgen war die Lage auf der Krim allerdings weitgehend ruhig.

Finanziell angeschlagen

Die Ukraine ist finanziell schwer angeschlagen. Der deutsche Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel fordert deshalb schnelle Hilfe für die von russischem Gas abhängige Ukraine. Die EU selbst müsse sich angesichts der Krim-Krise keine Sorgen um ihre Energieversorgung machen, sagte Gabriel vor Beratungen der EU-Energieminister in Brüssel.

Die EU droht Russland derweil mit Sanktionen. Bis zum EU-Sondergipfel am Donnerstag müssten entscheidende Schritte zur Bildung einer internationalen Kontaktgruppe kommen, ansonsten könnten Massnahmen ergriffen werden, sagte der deutsche Aussenminister Frank-Walter Steinmeier am Dienstag in Genf nach einem Gespräch mit UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon.

Lawrow: Territoriale Integrität wahren

Am Montagabend hatte Steinmeier in Genf auch den russischen Aussenminister Sergej Lawrow getroffen. Lawrow habe ihm versichert, dass Russland die territoriale Integrität der Ukraine wahren wolle.

Steinmeier will am Dienstag in Bern auch Gespräche mit dem Schweizer Aussenminister und Bundespräsident Didier Burkhalter führen, der derzeit den Vorsitz in der OSZE hat. Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa ist im Gespräch für eine internationale Vermittlungsmission, bei der sowohl Russland als auch die Ukraine mit am Tisch sitzen sollen.

Die USA verurteilten das russische Vorgehen auf der Krim als Verstoss gegen internationales Recht. Zudem stoppten die USA die militärische Kooperation mit der Regierung in Moskau und legten Gespräche auf Eis, die engere Handelsbeziehungen zwischen beiden Staaten zum Ziel haben.

US-Aussenminister John Kerry wurde am Dienstag zu Gesprächen mit der neuen ukrainischen Regierung in Kiew erwartet. Zudem beraten in Brüssel die Botschafter der 28 Nato-Staaten über die angespannte Situation. (sda)