Interview

Psychiater Josef Sachs: «Das Motiv könnte Rache an der Welt sein»

Psychiater Josef Sachs: «Die spektakuläre und verheerende Art und Weise, wie der mutmassliche Selbstmord begangen wurde, könnte eine Abrechnung mit der Welt sein.»

Psychiater Josef Sachs: «Die spektakuläre und verheerende Art und Weise, wie der mutmassliche Selbstmord begangen wurde, könnte eine Abrechnung mit der Welt sein.»

Die Vermutung liegt nahe, dass der Co-Pilot der Germanwings-Maschine Selbstmord begangen hat und die 149 Passagiere und Crewmitglieder mit in den Tod riss. Was bringt einen dazu, so etwas zu tun? Psychiater Josef Sachs im Interview.

Immer mehr deutet darauf hin, dass der Co-Pilot der Germanwings-Maschine, Andreas Lubitz, das Flugzeug mit der Absicht, Selbstmord zu begehen, zum Absturz brachte und die 149 Menschen an Bord mit in den Tod riss. Wie kann ein Mensch so etwas tun? Gerichtspsychiater Josef Sachs gibt Auskunft:

Herr Sachs, was treibt jemanden dazu, 149 Menschen mit in den Tod zu reissen? 

Das ist schwer zu sagen. Gut möglich, dass diesem Verhalten eine narzisstische Persönlichkeit zu Grunde liegt. Die spektakuläre und verheerende Art und Weise, wie der mutmassliche Selbstmord begangen wurde, könnte eine Abrechnung mit der Welt sein. Menschen, die sich so verhalten, sind relativ erfolgreiche, selbstsichere und durchaus ehrgeizige Typen, welche sich und ihre Leistung von ihrem Umfeld zu wenig geschätzt fühlen. Ihr Selbstwertgefühl ist nachhaltig gestört. Ihr Bestreben ist dann, es allen nochmals richtig zu zeigen. À la: «Schaut her. Jetzt räche ich mich für alles, was ihr mir angetan habt.»

Massenmord aus narzisstischen Motiven - kennt man dieses Phänomen in der Psychiatrie überhaupt?

Ja, man kennt es. Das Muster ähnelt jenem bei Menschen, welche an öffentlichen Orten oder generell spektakulär sterben wollen. Oder auch, wenn jemand beispielsweise mit dem Auto in eine Menschenmenge fährt. Diese wollen bei ihrem Tod Aufmerksamkeit generieren.

Was ist der Unterschied zum erweiterten Selbstmord, wie man ihn beispielsweise bei Familientragödien kennt?

In solchen Fällen geht es oft darum, dass die Familie möglichst perfekt erscheint. Diese Menschen sehen ihre Familienmitglieder nicht als eigenständige Persönlichkeiten, sondern als Teil ihrer selbst. Sie denken sich: «Ihr seid ohne mich nicht überlebensfähig. Ich will euch nicht zurücklassen.»

Hätte man dies erkennen müssen?

Das ist nur schwer zu bemerken. Diese Menschen sind Meister im Fassaden-Aufrechterhalten. Sie müssen nicht zwingend extrovertiert, sondern können durchaus unauffällig und ruhig sein. Auch sind sie oft in der Gesellschaft integriert und relativ erfolgreich und geschätzt. Sie sind nicht die typisch Depressiven, wie man sie sich vorstellt. Diese Art von Gefährdung ist auch bei Piloten, die regelmässig strenge psychologische Tests absolvieren, nur schwer feststellbar.

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