Debatte

Provokateur gegen Märchenonkel: Hochspannung vor dem TV-Duell zwischen Trump und Biden

Der letzte Schliff vor dem grossen Duell: In diesem Studio streiten in der Nacht auf Mittwoch Donald Trump und Joe Biden.

Der letzte Schliff vor dem grossen Duell: In diesem Studio streiten in der Nacht auf Mittwoch Donald Trump und Joe Biden.

Präsident Donald Trump und Herausforderer Joe Biden kreuzen in der Nacht zum Mittwoch (Start: 3 Uhr Schweizer Zeit) erstmals vor den Fernsehkameras die Klingen. Beide sind keine begnadeten Debattierer. Hier ihre drei grössten Schwächen.

Donald Trumps Schwächen:

Der Provokateur: US-Präsident Donald Trump.

Der Provokateur: US-Präsident Donald Trump.

1. Der Mann, der immer zurückschlagen muss

Der amerikanische Präsident kann keine Attacke, sei sie noch so lächerlich, unbeantwortet lassen. Seine Anhänger schätzen das an ihm. Er sei eben ein «Counterpuncher», sagen sie, ein Mann, der von der Verteidigung direkt zum Angriff übergehe. In der Praxis aber sorgt diese Strategie, die aus dem Boxsport bekannt ist, häufig für peinliche Momente. So sah sich Trump während einer Debatte mit republikanischen Parteikollegen im Jahr 2016 dazu veranlasst, öffentlich über die Grösse seines Penis zu sprechen – nachdem Kontrahent Marco Rubio einen Scherz über Trumps Hände gemacht hatte.

Aktuell behauptet der Präsident, dass sein Kontrahent Joe Biden Aufputschmittel nehme, weil der 77-Jährige derart gebrechlich sei, dass er nur mit chemischer Hilfe eine 90 Minuten dauernde Debatte überstehen könne. Als er am Sonntag nach Beweisen für diese Behauptung gefragt wurde, verwies der 74-jährige Trump auf das Internet.

2. Mit den Details ist er nicht wirklich vertraut

Trump beherrscht die Kunst der Repetition. Er wiederholt gewisse Sätze, Ansammlungen von Schlagworten und Beleidigungen, immer und immer wieder, bis Freund und Feind sie im Schlaf wiederholen können. Weniger gut beherrscht er aber die Kunst, komplexe politische Zusammenhänge zu erklären oder Auskunft über die Lösung drängender Probleme zu geben. Ein

Beispiel bloss: Am Sonntag wurde der Präsident in einer Pressekonferenz gefragt, ob er einen Kommentar zu den Scharmützeln zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Region Bergkarabach abgeben könne. Trumps Antwort: «Wir schauen es uns sehr genau an. Es ist gerade eben passiert. Ich habe heute davon erfahren, gestern. Wir versuchen, es zu stoppen.» Schwer vorstellbar, dass sich die Moderatoren der Fernsehdebatten mit solchen Worthülsen zufriedengeben werden, wenn die Sprache auf die Pandemie oder eine Reform des Gesundheitswesens kommt.

3. Trump kann sich nicht ändern

Und vielleicht ist dies das grösste Problem, mit dem sich Trump konfrontiert sieht: Er kann und will sich nicht ändern. Der Präsident wird also am Dienstag einmal mehr 90 Minuten lang seinen Kontrahenten beleidigen, das Blaue vom Himmel versprechen und abstruse Verschwörungstheorien weiterverbreiten.

Seine Anhänger werden sich darüber freuen. Trump lässt sich eben nicht verbiegen. Seine Gegner hingegen werden die Augen verdrehen und sagen: Trump wird sich nicht mehr ändern. Das Problem für den Präsidenten? Er hat mehr Gegner als Anhänger. Dies zeigen sämtliche Meinungsumfragen seit dem Beginn seiner Amtszeit im Jahr 2017.

Joe Bidens Schwächen:

Der Märchenonkel: Herausforderer Joe Biden.

Der Märchenonkel: Herausforderer Joe Biden.

1. Er lebt in der Vergangenheit

Joe Biden ist ein altgedienter Politiker. Er wurde 1972 erstmals in den Senat in Washington gewählt. Altgediente Politiker können auf einen grossen Erfahrungsschatz zurückgreifen. Sie laufen aber auch Gefahr, ständig über die gute alte Zeit zu sprechen und damit den Anschluss an die Moderne zu verpassen.

Biden hat die Tendenz, ­Anekdoten über seinen Vater Joseph (1915–2002) und seine Mutter Jean (1917–2010) zu erzählen. Auch spricht er oft über seinen Sohn Beau, seinen politischen Erben, der 2015 an einer Krebserkrankung starb. Das ist zwar jeweils herzzerreissend, und in solchen Momenten wird nachvollziehbar, warum Biden nicht von der Politik lassen kann – aber diese Geschichten verdeutlichen auch, wie alt der Präsidentschaftskandidat der Demokraten ist.

Wenn er über seinen Geburtsort spricht, die Arbeiterstadt Scranton im politisch umkämpften Bundesstaat Pennsylvania, dann darf man nicht vergessen, dass Biden zuletzt im Jahr 1953 dort wohnte.

2. Biden hat die Tendenz, den Faden zu verlieren

In Porträts über Joe Biden fehlt selten das Wort «langatmig». Der ehemalige Senator und ­Vizepräsident ist berüchtigt für seine wortreichen Erklärungen. Bisweilen sind diese derart lang, dass er den Faden verliert und sich verspricht. Dann sagt er «Anyway», oder er greift auf eine seiner Standard-Formulierungen zurück («Ich spreche zu viel…») und man merkt, dass er kein begnadeter Redner ist.

Beobachter, die seine Karriere von Beginn weg verfolgt haben, sagen: Biden verdanke seinen politischen Aufstieg der Tatsache, dass sein Heimatstaat Delaware klein sei und er damit seine Defizite im direkten Kontakt mit den Wählern wettmachen konnte. Immerhin: Biden ist sich seiner Schwächen bewusst. 2007, als er während einer Fernsehdebatte gefragt wurde, ob er garantieren könne, dass er für das Amt des Präsidenten diszipliniert genug sei, antwortete Biden mit einem einzigen Wort: «Ja.» Dann stand er, zur Freude des Publikums, hinter seinem Podium und verzog keine Miene.

3. Er lässt sich provozieren

Dieser Moment war allerdings eher die Ausnahme als die Regel. Biden hat die Tendenz, dass er sich provozieren lässt – auch weil er Zeit seines Lebens der Meinung war, dass sich seine Gegner über ihn lustig machen. 2019, als in Washington über das Amtsenthebungsverfahren gegen Trump diskutiert wurde, nannte er einen Wähler in Iowa einen «verdammten Lügner», weil dieser seinen Sohn Hunter attackiert hatte.

Es ist anzunehmen, dass der Präsident den Versuch unternehmen wird, Biden zu provozieren – indem er sich zum Beispiel über das Geschäftsgebaren seines Sohnes Hunter lustig macht.

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