Frankreich

Protest gegen den Protest: Gegen die «Gelbwesten» formiert sich Widerstand – die «roten Schals»

Die «roten Schals» sehen sich als Gegenbewegung zu den «Gelbwesten». Tausende gingen gestern in Paris auf die Strasse, um gegen ein Ende der Gewalt und für die Politik der französischen Regierung zu demonstrieren.ETIENNE LAURENT/Keystone

Die «roten Schals» sehen sich als Gegenbewegung zu den «Gelbwesten». Tausende gingen gestern in Paris auf die Strasse, um gegen ein Ende der Gewalt und für die Politik der französischen Regierung zu demonstrieren.ETIENNE LAURENT/Keystone

In Paris haben am Sonntag mehrere Tausend «Rotschals» gegen die Protestbewegung der «Gelbwesten» demonstriert. Die Kundgebung setzte sich am Nachmittag bei Regenwetter von der Place de la Nation aus in Bewegung.

Warum ihr Schal rot ist, vermögen sie selbst nicht zu sagen. Vielleicht geht ihr Erkennungszeichen auf ein Volksfest im baskischen Bayonne zurück, wo die Teilnehmer rote Halstücher tragen. Rein politisch ist die Farbe jedenfalls nicht. Denn links stehen die «foulards rouges» nicht. Sie geben sich eher bürgerlich und wollen die schweigende Mehrheit verkörpern.

Die «roten Schals» haben genug von den Gewaltszenen der Gelbwestenproteste, die in Frankreich seit Wochen für böses Blut sorgen. «Stopp, jetzt reicht es!», wetterte der Macron-Anhänger Laurent Soulié, ein Ingenieur aus Toulouse, schon im Dezember, als ein paar «gilets jaunes» den Triumphbogen enterten und in dem nationalen Monument erhebliche Verwüstungen anrichteten. Sein Facebook-Aufruf erhielt im Nu tausendfache Unterstützung.

Soulié, 51, tat sich mit einem Komitee zusammen, das von einem Bäcker aus der Bretagne angeführt wurde und ebenfalls gegen die Gewalt auf den Pariser Champs-Élysées mobilisierte. Die Gruppe gab sich den Namen «Rotschals» und verkündete den ausdrücklich apolitischen Appell, am 27. Januar in Paris gegen die Gewalt auf die Strasse zu gehen. Politiker waren an dem Protestmarsch explizit nicht willkommen.

Angeführt von «nützlichem Idiot»

An den «republikanischen Umzug für die Freiheit» kamen am Sonntag nur rund 7000 Teilnehmende. Doch auch die Gelbwesten bringen nicht mehr die ganz grossen Massen auf die Strasse: Am Samstag zogen noch rund 4000 «gilets jaunes» durch die Hauptstadt, weitere 65 000 nahmen an Protestmärschen in anderen französischen Städten teil.

Der Umzug der Rotschals verlief schweigend; Schirme ersetzten Transparente, und die einzige Losung lautete: «Stopp mit der Gewalt und den Blockaden.» Auf Anfrage meinte ein Umzugsteilnehmer, er handle «nicht gegen die Gelbwesten und nicht für Macron, sondern für die Demokratie». Dass die «foulards rouges» nicht mehr Leute auf die Strasse brachten, hat wohl auch damit zu tun, dass sie zumindest unfreiwillig einem unpopulären Präsidenten in die Hand spielen. In den sozialen Medien gelten die Rotschals als verlängerter Protestarm der Regierung. Rotschal-Initiant Soulié wird nicht von ungefähr als «Kollaborateur» und «nützlicher Idiot» beschimpft.

Ungünstig aus Sicht der Rotschals war zudem, dass an diesem Wochenende weniger die Gewalt der Gelbwesten zu reden gab, sondern vielmehr ein Polizeieinsatz. Der prominente und pazifistische Gelbwesten-Vertreter Jérôme Rodrigues wurde dabei schwer an einem Auge verletzt. Er war gerade dabei, am Bastille-Platz die Samstagsdemo zu filmen, als ihn ein Gummigeschoss oder ein ähnliches Objekt einer Polizeigranate traf. Im Verlauf der letzten Wochen haben schon über zehn Demonstranten Augenverletzungen erlitten. Innenminister Christophe Castaner hatte deshalb die Polizei angewiesen, nicht mehr auf Höhe des Kopfes oder der Genitalien zu zielen.

Gelb, Rot, Grün: alle protestieren

Nach Rodrigues’ Verletzung prangerte die Rechtspopulistin Marine Le Pen die «Verstümmelung von Oppositionellen» an. Linkenchef Jean-Luc Mélenchon verlangte den Rücktritt von Innenminister Castaner. Der zur radikalen Fraktion zählende Gelbwesten-Vertreter Eric Drouet rief zu einem «noch nie da gewesenen Aufstand mit allen Mitteln» auf. Die Pariser Präfektur ordnete eine interne Untersuchung an. Sicherheitsexperte Guillaume Farde erklärte am Sonntag, es sei mobilen Einheiten fast unmöglich, beim Anrennen mit Schutzschildern genau zu zielen. Nicht weit von diesem äusserst gespannten Geschehen demonstrierten am Sonntag auch Grüne an der Place de la République friedlich gegen die Klimaerwärmung. Greenpeace rief dabei zu mehr «klimatischer Gerechtigkeit» auf, was auch als Solidarisierung mit den sozialpolitischen Anliegen der Gelbwesten zu verstehen war.

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