PRO von Samuel Schumacher, Reporter

«Wenn der Wandel je kommt, dann dank dem Tourismus»

Samuel Schumacher, Reporter

Samuel Schumacher, Reporter

Das Business mit ausländischen Besuchern ist eine der wenigen friedlichen Perspektiven, die das bitterarme Land überhaupt noch hat.

Der sowjetische Diktator Josef Stalin soll sie als «nützliche Idioten» bezeichnet haben; die Touristen, die in den 50er-Jahren sein kommunistisches Terrorreich besuchten. Sie liessen sich von seiner Propaganda täuschen und polierten sein Image in ihren Herkunftsländern auf, glaubte der mächtige Schnauzträger.

Im Fall von Kim Jong Uns Nordkorea ist das anders. Kaum einer der 5000 westlichen Touristen, die sein Land jährlich besuchen, fällt auf die erfundenen Heldengeschichten über den Staatsführer herein. Wer Nordkorea besucht, der weiss, dass sich hinter den potemkinschen Fassaden und hinter dem aufgesetzten Lächeln der Bevölkerung düstere Abgründe verbergen. «Nützlich» sind die zu Besuch kommenden «Idioten» in Kims Fall also einzig wegen der Devisen. Seine Propagandatricks, die ziehen nicht.

Die Frage scheint daher berechtigt: Wieso soll man nach Nordkorea gehen, wenn man vor Ort ja doch nur Zeuge eines falschen Schauspiels wird und einem die wahren Zustände im Land ja trotzdem verborgen bleiben? Die Antwort liegt (wie so oft) in der Gegenfrage: Warum eigentlich nicht? Schaden tut der Besuch ausländischer Gäste der nordkoreanischen Bevölkerung nicht. Finanziell vom Tourismus profitieren tun zwar die wenigsten. Langfristig aber könnten sich die Lebensumstände in jenem Land, das immer noch rund 200 000 Menschen in Arbeitslagern gefangen hält, dank dem Tourismus zum Guten wenden. Das zeigt etwa das Beispiel Myanmars. Das Land wurde fast 50 Jahre lang von einer brutalen Militärdiktatur regiert und hat sich – wie die Menschenrechtsorganisation Amnesty International sagt – nicht zuletzt dank dem Austausch mit ausländischen Besuchern gesellschaftlich geöffnet. Auch die Oppositionspolitikerin Aung San Suu Kyi, die während der Diktatur lange unter Hausarrest stand, beschien dem Tourismus einen positiven Effekt auf die Zustände in ihrem Heimatland.

Ob Nordkorea eine ähnliche Wandlung durchmachen wird, ist offen. Eine Revolution wird es in Kims Reich kaum je geben. Wenn überhaupt ein Wandel eintritt, dann kommt er langsam und sachte – und vielleicht ja dank dem aufblühenden Tourismus, der dem bitterarmen Land neue, friedliche Perspektiven aufzeigt.

Kontra von Christoph Bopp, Autor

«Die Nordkoreaner dürften sich wie ausgestellt vorkommen»

Christoph Bopp, Autor

Christoph Bopp, Autor

Weil Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un nicht mal den Anschein aufrechterhalten will, sollte man sein Spiel nicht mitmachen.

Wenn einer eine Reise tut, kann er nicht nur nachher etwas erzählen, sondern er sollte sich auch vorher überlegen, in welcher Haltung er das tut. In der Regel rechnet der Tourist damit, dass er im Zielland willkommen ist. Er weiss, dass man es auch auf sein Geld abgesehen hat. Man bietet ihm etwas, aber er soll auch bezahlen. Der Tourist ist wohlgelitten, wenn er fleissig konsumiert, denn so funktioniert Tourismus. Die Leute dort leben von den Fremden. Meistens geben sie sich ja auch Mühe.

Man weiss auch, wie man sich manchmal fühlt, wenn Besuch kommt. Da wäre es doch besser, wenn etwas aufgeräumt ist und die Wohnung gebohnert und die Küche poliert ist. Das gehört sich aus Respekt vor dem Gast.

Die Tourismus-Beziehung ist nicht immer ganz einfach und nach dem Gastgeber-Gast-Muster gestrickt. Die nach ihm benannten Dörfer hat Fürst Potjomkin (oder Potemkin) zwar im eigenen Land für die eigene Zarin herrichten lassen. Aber üble Regimes haben den Trick kopiert. Sie haben ein schlechtes Gewissen und zeigen den Fremden eine Fassade ohne Inhalt.
Dabei haben sie immerhin ein schlechtes Gewissen. Sie möchten, dass der Fremde das Gefühl hat, es sei besser, als es aussieht. Und den Leuten gehe es besser, als es ihnen wirklich geht.

Tourismus beim Tyrannen unter Potjomkin-Vorzeichen ist deshalb weniger schlimm als Tourismus beim Zyniker-Tyrannen. Und so einer ist Kim Jong Un. Er weiss genau, dass sein Volk unter Umständen lebt, die beklagenswert sind. Aber es ist ihm gleich. Er lässt die Touristen zwar ins Land, aber nicht richtig zu den Leuten. Er erspart sich sogar die Potemkin-Fassaden.

Der durchschnittliche Nordkoreaner, den wir nicht kennen, dürfte aber trotzdem ein bisschen Bescheid wissen, dass es nicht ganz unproblematisch ist, wenn die Touristen kommen. Schliesslich muss man sie von ihm ja abschirmen. Oder ihn von ihnen. Ich kann mir vorstellen, dass sie sich ein bisschen ausgestellt fühlen. Sie dürften auch mitbekommen, dass sie vom Tourismus selbst nicht profitieren. Die ganzen Devisen gehen in die Taschen von Kim und seiner Entourage. Irgendwie stimmt da etwas mit dem Respekt des Gastes vor dem Gastgeber nicht.