Alles begann mit einem Bild. Es zeigt die damalige Aussenministerin Hillary Clinton, wie sie in einem Flugzeug der US-Streitkräfte auf ihr Blackberry starrt. Aufgenommen wurde die Fotografie im Jahr 2011. Ein Jahr später machten sich die Anhänger der Demokratin im Internet einen Spass daraus, Nachrichten zu erfinden, die Clinton angeblich verschickt habe.

«Texts from Hillary» heisst die entsprechende Seite, die auch heute noch amüsanten Lesestoff hergibt. Diese Parodie stiess auch einem Archivar des Aussenministeriums ins Auge. Er stutzte, weil er anscheinend wusste, dass die amerikanische Chefdiplomatin nicht über eine
offizielle E-Mail-Adresse verfügte. Also fragte er intern nach.

Indirekt brachte der Archivar damit eine Lawine ins Rollen: Denn später sollte sich herausstellen, dass die Aussenministerin ihre virtuelle Kommunikation vollumfänglich über einen privaten E-Mail-Server abgewickelt hatte. Was gemäss einem Bericht der Revisionsbehörde gegen die Auflagen verstiess. Seit dem vorigen Jahr ermittelt zudem die Bundespolizei FBI. Die Agenten wollen herausfinden, ob Clinton und ihr Umfeld es in Kauf nahmen, mit diesem Arrangement gegen amerikanische Strafgesetze zu verstossen, die sich um die Geheimhaltungspflicht von Regierungsangestellten drehen.

Weil es bequemer war

Clinton hat sich zwar dafür entschuldigt, dass sie sich aus Bequemlichkeit weigerte, auf ihr privates Blackberry zu verzichten. (Hochrangigen Regierungsangestellten ist es verboten, über ihr Smartphone gleichzeitig private und dienstliche E-Mails zu verschicken.) Ihre politischen Gegner nehmen im Wahlkampf aber immer wieder Bezug auf die E-Mail-Affäre. Sie dient ihnen als Beweis dafür, dass es die Demokratin mit Vorschriften nicht sehr genau nehme.

Gestern Freitag berichtete das «Wall Street Journal» nun erstmals darüber, welche E-Mails im Zentrum der FBI-Ermittlungen stehen. Es handelt sich dabei um Botschaften, in denen über den Drohnenkrieg des Auslandgeheimdienstes CIA auf pakistanischem Staatsgebiet diskutiert wurde. Dazu muss man wissen: Der Feldzug der CIA gegen die Taliban ist in den USA derart geheim, dass selbst Präsident Barack Obama öffentlich nicht darüber sprechen mag.

Vor jedem Angriff eine Warnung

Weil die amerikanischen Schläge gegen die Kämpfer in Pakistan zudem höchst umstritten sind und die zwischenstaatlichen Beziehungen belasten, trafen die CIA und das Aussenministerium während Clintons Amtszeit eine Abmachung. Demnach erhielten die Chefdiplomaten jeweils eine Vorwarnung vor jedem CIA-Drohnenangriff; und die amerikanische Botschafterin in Pakistan konnte ihre Meinung über mögliche politische Folgen des Militärschlages abgeben. Ein eigentliches Vetorecht besass das Ministerium aber nicht.

Bisweilen blieb für die Debatte über die Auswirkungen des klandestinen Drohnenkriegs aber wenig Zeit. Manchmal musste ein Entscheid in 30 oder 40 Minuten fallen, heisst es im «Wall Street Journal». In solchen Fällen sei es nicht immer möglich gewesen, auf das stark geschützte interne Computer-Netzwerk des Aussenministeriums zurückzugreifen, heisst es aus dem Umfeld von Clinton.

Deshalb kommunizierten die Berater der Aussenministerin mit Codewörtern über ihre normalen Dienstadressen. Das Resultat dieser Debatten, in denen die Wörter «Drohne» oder «CIA» wohl nicht fielen, wurden dann Clinton über die E-Mail-Adresse hdr22@clintonemail.com mitgeteilt.

Die Frage stellt sich nun, ob dieser Meinungsaustausch legal war. In den Augen des Aussenministeriums handelt es sich bei einigen E-Mails immer noch um Staatsgeheimnisse: Im Januar weigerte sich die Behörde, 22 Botschaften selbst in zensurierter Form zu veröffentlichen. Andererseits sagen informierte Quellen, dass virtuelle Gespräche in Codewörtern in Regierungskreisen üblich seien.

Ein Sprecher des Clinton-Wahlkampfes wies darauf hin, dass die meisten dieser Botschaften von Karrierediplomaten verfasst wurden. Clinton selbst sagte diese Woche, sie rechne nicht damit, dass ihr ungewöhnliches E-Mail-Arrangement strafrechtliche Folgen haben werde.