Gut ein halbes Jahr vor den Parlamentswahlen steht die politische Zukunft des Premierministers damit mehr denn je infrage.

Der Rückzug der populären wie kompetenten Haushaltsministerin Jane Philpott ist für Trudeau ein weiterer Tiefschlag. Philpott erklärte, sie habe das Vertrauen in das Krisenmanagement Trudeaus verloren und könne der Regierung nicht mehr guten Gewissens angehören. «Auf dem Spiel steht die Integrität unseres Justizsystems», warnte sie in einem Schreiben an Trudeau.

Philpott gilt in Kanada als enge Vertraute der ehemaligen Justizministerin und Chefanklägerin Jody Wilson-Raybould, die bereits im Februar zurückgetreten war. Bei einem denkwürdigen Auftritt im Parlament in Ottawa hatte diese dem Premier letzte Woche vorgehalten, die Unabhängigkeit der kanadischen Justiz gefährdet zu haben. Die konservative Opposition fordert seitdem seinen Rücktritt.

Feminist, der Frauen mobbt?

Hintergrund der Affäre sind Ermittlungen gegen den Baukonzern SNC-Lavalin. Dem kanadischen Unternehmen wird vorgeworfen, zwischen 2001 und 2011 Schmiergelder in zweistelliger Millionenhöhe an die Familie des libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi gezahlt zu haben. Im Fall eines Schuldspruchs würde SNC Lavalin womöglich zehn Jahre lang von öffentlichen Ausschreibungen ausgeschlossen.

Bei der mehrstündigen Anhörung vor dem Justizausschuss in Ottawa hatte die Ex-Justizministerin kritisiert, Trudeau und seine Mitarbeiter hätten sie monatelang unter Druck gesetzt, mit Blick auf Arbeitsplätze zugunsten des Konzerns zu intervenieren. Nachdem sie sich geweigert habe, sei sie unterschwelligen Drohungen ausgesetzt gewesen und schliesslich aus dem Amt entfernt worden.

Politisch schädlich sind die Vorwürfe für Trudeau, weil sie seinem Saubermann-Image zuwiderlaufen, mit dem er 2015 angetreten war. Auch sein Image als selbst erklärter «Feminist» hat gelitten. Trudeau hatte vor gut drei Jahren als einer der ersten Regierungschefs weltweit sein Kabinett paritätisch mit Männern und Frauen besetzt und war dafür in Kanada, aber auch international hoch gelobt worden.

Dass sich nun ausgerechnet zwei der stärksten und prominentesten Frauen an seinem Kabinettstisch öffentlich gegen Trudeau gewendet haben und ihm Mobbing vorwerfen, ist für ihn eine Katastrophe. Die Rücktritte werfen ein schlechtes Licht auf seinen Führungsstil und bestärken Trudeaus Kritiker, die ihm schon länger vorhalten, er sei ein politisches Leichtgewicht und ein verwöhnter Emporkömmling.

Immer mehr Frauen in Kanada sind der Auffassung, Trudeau habe die zwei Ministerinnen schäbig behandelt und mit Wilson-Raybould eine der einflussreichsten Politikerinnen Kanadas politisch kaltgestellt. Mitte Januar war die damalige Justizministerin von Trudeau zunächst auf den weniger einflussreichen Posten als Veteranenministerin versetzt worden, bevor sie später ganz zurücktrat.

Auch die Indigenen verärgert

Die Vorfälle belasten auch Trudeaus delikates Verhältnis zu den Ureinwohnern, das der Regierungschef eigentlich verbessern wollte. Wilson-Raybould war zuletzt die einzige Ministerin indigener Abstimmung im Kabinett in Ottawa und Philpott amtierte in Kanada lange als Ministerin für indigene Angelegenheiten. Beide Politikerinnen sind bei den Stammesführern im Land sehr respektiert.

Trudeau hat bislang jegliches Fehlverhalten abgestritten und die Vorfälle als «politische Differenzen» abgetan. Bei einer Rede in Toronto am Montag zeigte er sich enttäuscht über den abermaligen Rücktritt und betonte, er nehme die Angelegenheit sehr ernst. Die Vorfälle zwingen ihn nunmehr zur bereits dritten Kabinettsumbildung in nur zwei Monaten. Sein engster politischer Berater in der Staatskanzlei hatte wegen der Affäre ebenfalls schon seinen Posten aufgegeben.

Kanadas konservativer Oppositionsführer Andrew Scheer sprach von einer Regierung im Chaos und forderte strafrechtliche Ermittlungen gegen Trudeau. In Kanada ist umstritten, ob sich der Premier durch seine Einflussnahme womöglich illegal verhalten hat. Während Kritiker ihm dies vorwerfen, hatte seine Ex-Justizministerin ausgesagt, Trudeau habe sich unsauber, aber wohl nicht gesetzeswidrig verhalten.

Die Zustimmungswerte Trudeaus fallen im Zuge der Krise weiter: Bei einer neuen Umfrage des Ipsos-Instituts ist seine Liberale Partei auf 31 Prozent abgestürzt, die Konservativen liegen bei mittlerweile 40 Prozent. Mehr als die Hälfte der Befragten gab an, die Affäre werde ihre Wahlentscheidung beeinflussen, zwei Drittel der Kanadier glauben, der Premier habe sich falsch verhalten.