751 Abgeordnete hat das EU-Parlament. Um deren Mandate bewerben sich europaweit Tausende von Kandidaten. Darunter finden sich altgediente Politfüchse, Prominente und Sprösslinge einflussreicher (und manchmal auch zwielichtiger) Familiendynastien.

Politrentner

Yanis Varoufakis: Als griechischer Finanzminister kam der motorradfahrende Wirtschaftsprofessor 2015 zu Berühmtheit. Vor allem im Machtkampf mit dem damaligen deutschen Finanzminister Wolfgang Schäuble. Varoufakis verlor den Schuldenstreit und musste zermürbt abtreten. Nun will der Marxist mit seiner paneuropäischen Bewegung «DiEM25» zurück auf die Polit-Bühne. Und zwar ausgerechnet als EU-Abgeordneter für Deutschland. Das geht dank eines Wohnsitzes in Berlin. Sein Programm: Ein «neuer grüner Deal» für Europa mit jährlichen Investitionen von 500 Milliarden Euro in erneuerbare Technologien.

Silvio Berlusconi: Italiens viermaliger Ministerpräsident («Bunga-Bunga») will es nochmals wissen. Im Alter von 82 Jahren tritt Silvio Berlusconi als Spitzenkandidat für Forza Italia an. Dies, nachdem sein 6-jähriges Ämterverbot als verurteilter Steuerbetrüger ausgelaufen war. Der «Cavaliere» begründet die Kandidatur damit, dass in Europa ein «tiefgehender Gedanke zur Zukunft der Welt» fehle. Spekulationen, dass er gesundheitlich nicht fit sei, erhielten erst letzte Woche wieder Auftrieb: Wegen eines akuten Darmverschlusses musste er einen Wahlkampfauftritt absagen und im Krankenhaus operiert werden.

Familiendynastien

Nicolas Barnier: Der 33-jährige Franzose ist der Sohn von Brexit-Verhandler Michel Barnier und tritt für die belgischen Liberalen an. Eigentlich hätte er für Frankreichs Präsidenten-Partei La République en Marche kandidieren wollen. Der belgische Premier Charles Michel konnte den prominenten Politneuling aber von sich überzeugen. Mit dem ausdrücklichen Wohlwollen von Macron, wie Barnier betont. Immerhin ist die belgische Hauptstadt Brüssel so etwas wie seine zweite Heimat, seit sein Vater im Jahr 1999 erstmals EU-Kommissar wurde.

Caio Giulio Cesare Mussolini: Einen bekannten Namen trägt auch Caio Giulio Cesare Mussolini. Nicht nur, dass sein Urgrossvater Benito der faschistische Diktator Italiens war. Sein Vorname ist auch die direkte Ableitung von «Gaius Julius Cäsar», dem römischen Feldherrn. Der Urenkel des «Duce» tritt für die postfaschistischen Fratelli d’Italia an und hat gute Chancen, gewählt zu werden. Dabei ist der Rückgriff auf die Familie für den 50-Jährigen selbstverständlich: Mussolini sei «eine starke Marke» und «viele möchten den Namen auf ihren Wahlzettel schreiben». Übrigens: Im EU-Parlament dürfte er auf ein weiteres Familienmitglied treffen: Allessandra, die Enkelin des Duce, wurde 2014 für Berlusconis Forza Italia gewählt.

Rachel Johnson: Um «mehr Zeit mit ihrer Familie zu verbringen» wolle sie in die Politik einsteigen, sagte Rachel Johnson. Das war nur halb scherzhaft gemeint. Denn Vater Stanley sass schon im EU-Parlament und ihre beiden Brüder Boris und Jo vertreten die Familie aktuell im britischen Unterhaus. Im Gegensatz zu Brexit-Boris ist Rachel aber eine vehemente Verfechterin des britischen Verbleibs in der EU und tritt für die neue Partei Change UK an. In der Öffentlichkeit fällt Rachel wie Bruder Boris schon mal durch exzentrisches Verhalten auf. So zeigte sie im Februar live im TV als Brexit-Protest ihre Brüste oder nahm im Jahr 2018 an der Reality-TV-Serie «Big Brother» teil.

Prominente

Ilie Nastase: Die ehemalige Tennis-Nummer-1 und rumänische Sportlegende tritt für die Kleinpartei Nationale Union für den Fortschritt Rumäniens an. Der 72-Jährige hat in der letzten Zeit allerdings für etwas Negativ-Schlagzeilen gesorgt: Im vergangenen Jahr wurde er in Bukarest von der Polizei nach einer Rauferei abgeführt. Am selben Tag wurde ihm wegen Trunkenheit am Steuer der Führerschein abgenommen und kurz darauf wurde er wegen Fahren ohne Führerschein gebüsst.

Francis Lalanne: Der beliebte Sänger und Liedermacher kandidiert für die Gillets jaunes. Sein Engagement für die Gelbwesten sieht er als «Dienst am Land». Lalanne, der zugleich Dichter, Schauspieler, Maler, Lebenskünstler und Öko-Aktivist ist, gilt in Frankreich als Original und lebendiges Kulturgut. Seine grossen Zeiten hatte er in den 80er Jahren. Nach etlichen Streitereien mit den Steuerbehörden lebt er heute ohne Besitz und feste Wohnung.

Sarah Wiener: Die TV-Köchin, Gastronomin und Autorin tritt als Spitzenkandidatin für die Wiener Grünen an und setzt sich für eine «Lebensmittelwende» ein. Für die künftige Ernährung der Menschen sei ökologische Vielfalt unabdingbar. Mit Partnern betreibt sie selbst eine 800 Hektaren grosse ökologische Landwirtschaft im Nordosten Deutschlands. Neben dem Schutz der Natur will sich die 56-Jährige dem «Aufschwung der Rechtspopulisten» entgegenstellen. Sarah Wiener ist die Tochter des österreichischen Schriftsteller Oswald Wiener.