Jetzt wolle auch noch die niederländische Regierung die Fussball-EM in der Ukraine boykottieren, vermeldeten polnische Medien gestern aufgeregt. Die EM-Boykottdrohungen der Politiker nehmen kein Ende. Und in Warschau macht man sich ernsthafte Sorgen um den gemeinsam mit der Ukraine ausgetragenen Sportanlass. So reagierte das polnische Aussenministerium bereits am Dienstag nervös auf die EM-Boykottdrohungen der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel und EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso.

Ein solch grossartiger Sportanlass sollte nicht mit den Misshandlungen Julia Timoschenkos in Verbindung gebracht werden, sagte Ministeriumssprecher Marcin Bosacki. Er forderte die europäischen Politiker auf, von weiteren Boykottdrohungen gegen die Ukraine Abstand zu nehmen.

Drohung: EM absagen

Für Unverständnis sorgt in der polnischen Öffentlichkeit vor allem die Ankündigung von EU-Justizkommissarin Viviane Reding, die Einladung zum EM-Eröffnungsspiel in Warschau auszuschlagen. Dies zeigt, dass die Boykottaufrufe gegen die 16 Spiele in der Ukraine schnell auch Polen treffen können.

Mit Genugtuung vermerkt wurde dafür der Vorschlag der deutschen Staatssekretärin im Entwicklungsministerium, Gudrun Kopp, die in einem Interview mit dem «Westfalen-Blatt» angeregt hatte, Polen solle doch einfach die in der Ukraine vorgesehenen Fussballspiele bei sich organisieren. Die Drohung des Uefa-Turnierverantwortlichen Martin Kallen, das ganze Turnier zu verschieben, falls es in der Ukraine zu gefährlich würde, nehmen die Polen vorerst noch gelassen. «Dies wäre ein sehr grosses Missverständnis», wehrte Aussenministeriumssprecher Bosacki ab.

In einer Fernsehdiskussion kamen der Sportfunktionär Michal Listkiewitsch und der einstige Dissident und heutige Präsidentenberater Henryk Wujec zum Schluss, statt die Spiele in der Ukraine zu boykottieren, sollten Merkel und Barroso erst recht hinfahren, um vor Ort Pressekonferenzen einzuberufen, in denen die Inhaftierung und Haftbedingungen Timoschenkos lautstark verurteilt würden.

Nur um des Wahlkampfs willen?

Die «Gazeta Wyborcza» kommentierte, die Boykottdrohungen deutscher Politiker seien einzig dem beginnenden Wahlkampf geschuldet. Sigmar Gabriel, der mit seinen Boykottforderungen vorgeprescht sei, habe sich bisher weder an Chodorokowskis Inhaftierung in Russland noch Schröders Lob für Putin gestört. «Zum Boykott der Eishockey-Weltmeisterschaften in Weissrussland hatte einzig und erst noch halblaut ein unbekannter SPD-Politiker aufgerufen», schreibt die Zeitung. Auch Boykottaufrufe gegen die Winterolympiade in Sotschi seien unter deutschen Politikern unbeliebt.