Italien

Pier Lugi Bersani: Der Anti-Berlusconi vor grossem Wahlsieg?

Pier Luigi Bersani: Die Pose des Siegers beherrscht schon.

Pier Luigi Bersani: Die Pose des Siegers beherrscht schon.

Heute Abend werden in Italien die Resultate der Parlamentswahlen bekannt. Favorit ist Pier Luigi Bersani, Chef des linke Partito Democratico. Alleine wird der gemässigt linke Politiker aber nicht regieren können.

Pier Luigi Bersani ging gestern im frisch eingeschneiten Piacenza wählen, begleitet von Gattin Daniela und den Töchtern Elisa und Margherita. Im Wahllokal seiner Heimatstadt war bereits eine Schar von TV-Reportern und Fotografen versammelt, die den «segretario» bei der Stimmabgabe ablichten wollten. Der 61-jährige Chef und Spitzenkandidat des sozialdemokratischen Partito Democratico (PD) liess das Blitzlichtgewitter geduldig über sich ergehen und quälte sich sogar ein Lächeln ab. Dann verliess er das Lokal, ohne Kommentare abzugeben.

So ist er, der mögliche neue Premier: Eher scheu und linkisch, wenn er vor Kameras steht, aber im Kreise seiner Genossen und bei Wahlauftritten in der Provinz bodenständig und volkstümlich. Der Sohn eines Tankwarts und Mechanikers aus der Po-Ebene hat wie Berlusconi am 29. September Geburtstag, ist aber das genaue Gegenteil des schrillen Mailänder Multimilliardärs: ganz und gar uncharismatisch, dafür ein verlässlicher, stiller Schaffer. Während Berlusconi den Italienern angeblich die Immobiliensteuer aus der eigenen Tasche zurückzahlen will, Beppe Grillo den Arbeitslosen ein monatliches «Bürgereinkommen» von 1000 Euro vorgaukelt und sogar der scheidende Premier Mario Monti Steuersenkungen in Aussicht stellt, ist Bersani der einzige Kandidat, der in seinem Wahlkampf ohne eine leere Versprechung ausgekommen ist.

Bersani ist geprägt von seiner Region, der «roten» Emilia-Romagna mit ihren zahlreichen Genossenschaftsbetrieben und Coop-Läden. Obwohl seine Eltern Anti-Kommunisten waren, trat er früh dem lokalen Partito Comunista (PCI) bei und vollzog mit diesem alle Wandlungen bis zum heutigen sozialdemokratischen PD. 1980 wurde Bersani als 29-Jähriger in die Regierung der Emilia-Romagna gewählt, 1993 wurde er Regionalpräsident. Drei Jahre später holte ihn der linkskatholische Romano Prodi – auch ein Spross der Emilia-Romagna – in seine Regierung und machte ihn zum Industrieminister. In der zweiten Regierung Prodi (2006–08) war Bersani Minister für wirtschaftliche Entwicklung.

Als Minister tat sich Bersani als Reformer hervor: Mit zwei Liberalisierungspaketen versuchte er schon 2006/07, das verkrustete «System Italien» aufzubrechen. Auch heute steht Bersani zu Montis Reformkurs – der aber «sozialer ausgestaltet und mit Wachstumsimpulsen versehen werden müsste». Nur in einem Punkt lässt Bersani nicht mit sich reden: beim Abbau von Arbeiterrechten und dem Kündigungsschutz. Das neue Arbeitsgesetz der Regierung Monti ist unter der Regie Bersanis bis zur Unkenntlichkeit verwässert worden. Da schlägt das Herz des PD-Chefs dann doch links.

Erneut graue Maus gegen Cavaliere

Noch im Dezember, als er die internen Vorwahlen gewonnen hatte, sah Bersani wie der sichere Wahlsieger aus: Der PD kam in Umfragen auf 33 Prozent, zusammen mit dem Bündnispartner SEL kam die Linke auf bis zu 40 Prozent, während Berlusconis PDL zwischen 12 und 15 Prozent dümpelte. Inzwischen ist der Vorsprung auf Berlusconi gefährlich geschrumpft; hinter vorgehaltener Hand sagen einige im PD, dass die «graue Maus» Bersani zwar ein guter Premier wäre, aber dass man mit ihm keine Wahlen gewinnen könne. Was die Skeptiker vergessen: Der Einzige, der Berlusconi bisher geschlagen hat – gleich zwei Mal, 1996 und 2006 – war eine noch viel grauere Maus gewesen: Romano Prodi.

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