Südkorea

Perfide zweite Welle: Wie eine einzige Partynacht das Musterschülerland erneut in die Krise stürzen könnte

Der «King»-Club im Seouler Ausgehviertel Itaewon könnte zum Ursprungsort einer zweiten Coronawelle werden.Der «King»-Club im Seouler Ausgehviertel Itaewon könnte zum Ursprungsort einer zweiten Coronawelle werden.

Der «King»-Club im Seouler Ausgehviertel Itaewon könnte zum Ursprungsort einer zweiten Coronawelle werden.Der «King»-Club im Seouler Ausgehviertel Itaewon könnte zum Ursprungsort einer zweiten Coronawelle werden.

Die Schwulenszene in Seoul kommt unter Beschuss. Der Grund: Die Partynacht eines 29-Jährigen.

«Homo-Hill» wird der leichte Anstieg in Seouls Stadtviertel Itaewon genannt, auf dem gleich drei Subkulturen aufeinandertreffen: Am südlichen Ende hat sich die muslimische Diaspora niedergelassen. Ein Steinwurf entfernt locken Prostituierte die Kundschaft. Und dazwischen wird ein Strassenzug von Schwulen- und Transgenderbars gesäumt: Ein Ort der Freiheit, an dem die strengen Zwänge der koreanischen Gesellschaft weit entfernt sind.

Seit Freitag jedoch sind die hier ansässigen Clubs King, Queen und Trunk weiträumig abgesperrt. Der Homo-Hill ist zum Symbol dafür geworden, wie schnell es in den überall anbrechenden Lockerungsphasen gehen kann, bis die Angst vor einer zweiten Ansteckungswelle die Gesellschaft wieder zum Stillstand zwingt.

Junger Partygänger steckt potenziell Tausende an

Auslöser der neuen Coronapanik im bisherigen Musterschülerland Südkorea ist der exzessive Ausgang eines 29-Jährigen. Der Mann hat die Freitagnacht vor einer Woche in den gerade wiedereröffneten Clubs in Itaewon durchgefeiert. Am Donnerstag wurde er schliesslich positiv auf das Coronavirus getestet. Am folgenden Morgen hat das koreanische Zentrum zur Seuchenprävention bestätigt, dass 14 Kontakte des jungen Koreaners infiziert seien. Das dürfte nur die Spitze des Eisbergs sein. Schliesslich hat der junge Mann insgesamt fünf Clubs und Bars aufgesucht und potenziell bis zu 2000 Menschen angesteckt.

Besonders heikel in der homophoben Gesellschaft Südkoreas: Die Lokale, die nun zum Herd der zweiten Viruswelle im Land werden könnten, sind allesamt einschlägige Schwulen-Clubs. In den Augen des südkoreanischen Künstlers Heezy Yang, der sich in der Homoszene engagiert, birgt das ein zusätzliches Risiko: Wer sich bei den zuständigen Stellen melde, riskiere ein Zwangs-Outing, sagt Yang. Schliesslich werden persönliche Daten jedes Neuinfizierten von den Behörden veröffentlicht – anonymisiert zwar, jedoch mit Angabe des Alters, der Nationalität, des Wohnbezirks und der Bewegungsabläufe während jener Nacht. «Die Betroffenen könnten ihre Arbeit, Familie, Freunde verlieren», sagt Homo-Aktivist Yang. Man könne sich glücklich schätzen, wenn sich keiner von ihnen das Leben nehme.

In Südkoreas Schwulenszene hat der Fall «regelrechte Panik» ausgelöst, erzählt Heezy Yang: «Wir wissen darum, welche Folgen etwa die HIV-Epidemie in unserer Community hatte. Und auch während Mers haben verschiedene Gruppen versucht, Stimmung gegen Homosexuelle zu machen.» Yang befürchtet, dass einflussreiche Kreise nun versuchen würden, den Homosexuellen auch die Schuld an einer möglichen zweiten Coronawelle in die Schuhe zu schieben.

Südkorea ist eine ausgesprochen homophobe Gesellschaft. Sexuelle Minderheiten werden nicht durch ein Anti-Diskriminierungsgesetz geschützt. Die grösste Diskriminierung gegen Schwule kommt ausgerechnet von den grossen Freikirchen des Landes – jenen Organisationen also, die selbst Opfer von Hassattacken wurden, nachdem sie sich zu Beginn der Coronakrise trotz mehrmaliger Aufforderung des Staates weigerten, Gottesdienste abzusagen.

Südkorea hatte vier Tage lang keine Neuansteckungen

Südkorea gilt bislang als Musterschüler bei der Virusbekämpfung. Dank koordinierten Handelns der Regierung, aggressiven Trackings sowie radikaler Transparenz über Neuansteckungen hat es das Land geschafft, das Virus de facto einzudämmen. Bis zum Freitag gab es in der 51-Millionen-Nation vier Tage lang keine einzige Infektion mehr, nur noch importierte Fälle aus dem Ausland.

Nun jedoch sieht sich auch die Hightech-Nation mit einer möglichen zweiten Infektionswelle konfrontiert. In einem ersten Schritt sind die Behörden die Namenslisten der betroffenen Lokalitäten durchgegangen, auf denen sich seit dem Virusausbruch jeder Gast mit seiner Telefonnummer eintragen muss. Die Regierung hat Massen-SMS an alle möglicherweise Infizierten geschickt, um sie zu Coronavirus-Tests aufzufordern.

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