Vor dem Wahltag richten sich normalerweise alle Augen auf Ohio. Der industriell geprägte Bundesstaat im Mittleren Westen mit den Ballungsräumen Columbus, Cleveland und Cincinnati gilt als Trendsetter im amerikanischen Wahlzirkus. Weil Ohio seit 1896, dem ersten modernen Wahlkampf um das Weisse Haus, bloss zweimal (1944 und 1960) auf das falsche Pferd setzte und dem Verlierer der Präsidentenwahl die Stimmenmehrheit gab. 28 Mal hingegen lag Ohio richtig. Nur gerade New Mexiko bringt es unter den 50 Bundesstaaten auf eine ähnlich hohe Erfolgsquote.

Dieses Jahr allerdings ist alles anders. Ohio hat die Rolle des traditionellen Leithammels eingebüsst. Kurze Zeit sah es gar danach aus, als gäben die Demokraten den Staat und seine 18 Wahlmänner-Stimmen kampflos preis. Für diese überraschende Entwicklung gibt es zwei Gründe. Zum einen hinkt die demografische Entwicklung in Ohio dem landesweiten Trend nach. So ist die Bevölkerung im Schnitt schlechter ausgebildet als im Rest des Landes und weniger durchmischt. Dies komme Donald Trump zugute, sagt der Politologe Kyle Kondik, der an der University of Virginia forscht und den Politbetrieb Ohios wie seine Westentasche kennt. So gibt es Hinweise darauf, dass der republikanische Präsidentschaftskandidat in den Gewerkschafts-Hochburgen Youngstown und Warren einen Achtungserfolg erzielen könnte – auch weil weisse Stammwähler der Demokraten mit seiner demokratischen Kontrahentin wenig anfangen können.

Clinton braucht Ohio nicht

Allein: Clinton ist, im Gegensatz zu Trump, auf einen Sieg in Ohio nicht angewiesen. Die Polarisierung in der amerikanischen Politik und demografische Veränderungen in wichtigen Staaten wie Florida (29 Elektoren), North Carolina (15), Virginia (13) und Colorado (9) haben dazu geführt, dass die Demokraten nun im Ringen um eine Mehrheit im «Electoral College» über die besseren Karten verfügen – und eine siegreiche Koalition von Staaten auch ohne Ohio auskommt.

Die Rolle des Leithammels hat deshalb in diesem Jahr Pennsylvania (20 Elektoren) übernommen. Wahlbeobachter sagen übereinstimmend, dass Trump das Rennen im etwas müde wirkenden Bundesstaat für sich entscheiden müsse, will er denn ins Weisse Haus einziehen. Der Republikaner scheint sich dessen bewusst zu sein: Er reist auffällig oft nach Pennsylvania und besitzt dort auch ein Netz von Wahlhelfern. Dabei legt der populistische Republikaner seinen Fokus aber nicht auf die grösste Stadt – Philadelphia an der Ostküste –, sondern auf kleinere Zentren wie Wilkes-Barre, Altoona, Lancaster und die Vororte von Pittsburgh. Im Volksmund heisst diese Gegend «Pennsyltucky» oder «The T», weil die Bevölkerung dort ähnlich strukturkonservativ denkt wie im ländlichen Kentucky. Treffend formulierte es einst der demokratische Wahlkampf-Guru James Carville: Die Gegend zwischen den beiden Grossstädten Philadelphia und Pittsburgh erinnere ihn an den Bundesstaat Alabama. Der einzige Unterschied bestehe darin, dass es in «Pennsyltucky» keine Schwarzen gebe, sagte Carville.

Clinton hingegen wirbt fast ausschliesslich in Pittsburgh, Philadelphia und den reichen Vororten der Millionen-Metropolen um Stimmen. Dabei geht sie geschickt vor. So trat Präsident Barack Obama im September in Philadelphia auf – einer Stadt, in der mehr als 40 Prozent der 1,6 Millionen Einwohner eine dunkle Hautfarbe haben und die Demokraten deshalb Erdrutschsiege erzielen. In den mehrheitlich weissen Vororten von Philadelphia, in denen das Durchschnittseinkommen deutlich höher liegt, machen Clinton und ihr Vize Tim Kaine hingegen selbst Wahlkampf – um dort die Stimmen von moderaten Republikanern zu sammeln, denen Trump suspekt ist.