Donald Trumps Einstieg in die Politik war ein Abstieg. Wortwörtlich. Am 16. Juni 2015 liess sich der milliardenschwere Tycoon und Realityshow-Star auf einer goldenen Rolltreppe von der ersten Etage seines New Yorker Trump Towers ins Foyer hinuntertragen und verkündete dort, er kandidiere für das Präsidentschaftsamt. Was in den Ohren vieler Beobachter tönte wie ein schlechter Witz, entpuppte sich als bitterer Ernst: Trump hat sich gegen 16 Mitkandidierende in den Vorwahlen der Republikanischen Partei durchgesetzt und ist in der Endrunde des Präsidentschaftswahlkampfes angekommen. Zwischen ihm und dem Oval Office steht nur noch die demokratische Kandidatin Hillary Clinton, die «betrügerische Hillary», wie Trump sie nennt.

Dass Trump am 8. November tatsächlich zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wird, ist für viele aber immer noch unvorstellbar. Vor allem wegen seiner krassen verbalen Fehltritte. Den tragischen Tiefpunkt erreichte Trumps Abstieg in die schmutzigen politischen Niederungen am Freitag, als ein elf Jahre altes Video auftauchte, in dem der heute 70-Jährige damit prahlt, dass er Frauen einfach «an die Pussy greifen» könne, wenn ihm danach sei. Als «Star» sei das für ihn kein Problem. Ein unerwarteter Paukenschlag? Nein, eher der vorläufig lauteste Hit eines krassen Crescendos, dessen erste Misstöne mit dem Moment zusammenfielen, als Trump am 16. Juni im Foyer von der goldenen Rolltreppe in die politische Realität hinüberstolperte. Der blonde republikanische Elefant hat in den vergangenen 16 Monaten unglaublich viel Porzellan zerschlagen. Ein Rückblick in zehn Episoden.

16. Juni 2015 - «Die Mexikaner sind Vergewaltiger»

Wenige Augenblicke nachdem Trump Mitte Juni im Foyer seines Mega-Turmes das Wort ergriffen hatte, lancierte er seinen ersten verbalen Angriff auf Mexiko. Die Menschen, die von dort illegal über die Grenze einreisten, brächten Drogen und Kriminalität mit sich, sagte Trump. «Sie sind Vergewaltiger.» Einen Monat später erklärte Trump, Amerika müsse an der Grenze eine Mauer bauen und Mexiko durch die Androhung von Sanktionen dazu bringen, den Mauerbau zu bezahlen. Die «Bau die Mauer!»-Rufe seiner Anhänger waren ab diesem Moment überall zu hören, wo Trump sprach.

Die Mauer als Schutz vor den vergewaltigenden Mexikanern wurde zum Fundament seiner Aussenpolitik. Doch die Mauer allein reicht Trump nicht. Seine verachtende Haltung gegenüber den in Amerika lebenden Ausländern ohne gültige Papiere geht so weit, dass er verspochen hat, nach seiner Wahl die Deportation von rund elf Millionen Menschen anzuordnen. Erstaunlich war dann Trumps Besuch beim mexikanischen Präsidenten Peña Nieto im September 2016: An der Pressekonferenz nach dem Gespräch erwähnte Trump die Mauer und die Deportation mit keinem Wort. Fern der schreienden Hundertschaften seiner Wahlkampfevents scheint «The Donald» offenbar an Selbstvertrauen einzubüssen.

18. Juli 2015 - «John McCain ist kein Kriegsheld»

Amerika ehrt seine «Prisoners of War» (POW) – also jene Soldaten, die im Krieg gefangen genommen worden sind – wie kaum ein zweites Land der Erde. Überall wehen schwarz-weisse «POW»-Fahnen, die die amerikanische Öffentlichkeit stets daran erinnern sollen, welches Leid die Tausenden verschollenen Kriegsgefangenen in den Kerkern dieser Welt ertragen müssen.

Der bekannteste ehemalige Kriegsgefangene Amerikas ist der Republikanische Senator John McCain, der zwischen 1967 und 1973 mehr als fünf Jahre in vietnamesischer Gefangenschaft verbrachte. McCain, der 2008 gegen Barack Obama ins Rennen ums Weisse Haus stieg, gilt als unantastbarer Kriegsheld. Nicht aber für Donald Trump. Angesprochen auf McCain sagte Trump am 18. Juli 2015 an einer Wahlveranstaltung in Iowa: «Er ist kein Kriegsheld. Er wurde gefangen genommen. Ich mag Leute, die sich nicht fangen lassen.» Trump selber übrigens drückte sich mit Verweis auf ein Knochenproblem in einem seiner Füsse vor dem Marschbefehl für den Vietnam-Krieg.

24. November 2015 - «Schaut euch den armen Typen an»

Nach seinen Verbalattacken auf die Mexikaner und den Kriegshelden McCain dachten viele, der Tiefpunkt des Trump’schen Trashtalks sei erreicht. Doch dann trat der Multimilliardär am 24. November in South Carolina vor seine Anhänger und äffte den körperlich behinderten Zeitungsreporter Serge Kovaleski nach, der in einem Artikel über die Reaktionen amerikanischer Muslime auf den 11. September schrieb. Trump zitierte den Artikel. Kovaleski, der an Gelenksteife leidet und einen verkrüppelten Arm hat, betonte, dass er sich nicht erinnern könne, die von Trump zitierten Stellen je so geschrieben zu haben. «Ihr müsst euch den armen Typen mal anschauen», rief Trump. Dann verkrümmte er seine Arme, schielte in die Kamera und sagte in zynischem Tonfall: «Aaaaaaaah, ich kann mich nicht erinnern!»

7. Dezember 2016 - «Muslime müssen draussen bleiben»

Mitten im Advent mutierte Trump zum Islamkritiker. Kurz zuvor hatte ein muslimisches Ehepaar in Kalifornien 14 Menschen erschossen. Trump nutzte das Attentat für seine Forderung nach strengeren Grenzkontrollen und sagte: «Ich verlange ein komplettes Einreiseverbot für Muslime in die Vereinigten Staaten.» Die Aussage, ein Angriff auf die in der Verfassung festgeschriebene Religionsfreiheit, brockte Trump den ersten Hitler-Vergleich einer Parteikollegin ein. Die ehemalige Gouverneurin Christine Todd Whitman fühlte sich – wohl nicht zu Unrecht – an die Rhetorik der Nazis erinnert.

19. Februar 2016 - «Papstäusserung ist schändlich»

Nachdem Papst Franziskus sagte, ein Mensch, der nur Mauern bauen wolle, sei kein Christ, reagierte Trump mit einer deftigen Retourkutsche. «Es ist schändlich für einen religiösen Führer, den Glauben einer Person anzuzweifeln», sagte Trump. Und: Wenn der Vatikan dereinst vom IS angegriffen werden sollte, dann könne Franziskus nur dafür beten, dass er, Trump, Präsident sei.

3. März 2016 - «Schaut euch meine Hände an»

Donald Trump ist ein grosser Mann. 1,88m, um genau zu sein. Und für seine stolze Grösse hat er verhältnismässig kleine Hände. Das zumindest fand sein republikanischer Kontrahent Marco Rubio im März. Trump fühlte sich in seinem männlichen Stolz tief verletzt und sagte im Rahmen einer live übertragenen Vorwahldebatte vor einem Millionenpublikum: «Schaut euch meine Hände an. Sind das kleine Hände? Und er (Marco Rubio) hat über meine Hände gesprochen und angetönt, dass wenn die klein sind, dass dann auch etwas anderes klein sein muss.

Ich garantiere euch aber, da gibts kein Problem. Ich garantiere es.» Damit hat Donald Trump am 3. März dieses Jahres etwas getan, was noch nie vorher in der Geschichte der Vereinigten Staaten jemand getan hat: Er hat seinen Penis zum Thema gemacht und seinen Mitbürgerinnen und Mitbürgern «garantiert», dass er gut bestückt ins Weisse Haus einziehen würde. Was ihm das als Präsident nützte, liess Trump offen. Marco Rubio, der stets bestritt, mit seinen Aussagen Bezug auf Trumps Penis genommen zu haben, erhielt von Trump einen neuen Spitznamen. Statt ihn weiterhin mit «Marco» oder «Herr Senator» anzusprechen, betitelte Trump Rubio fortan konsequent als «Little Marco». 

23. März 2016 - «Bilder sagen mehr als tausend Worte»

Nachdem die Sache mit dem Penis geklärt war, konnte sich Trump im März dem zweiten wichtigen Thema widmen: den schönen Frauen. Melania Trump, Donalds dritte Ehefrau, entspricht offenbar dem Schönheitsideal ihres Gatten bis ins letzte Detail. Um den Unterschied zwischen seiner Frau und der Frau seines Mitbewerbers Ted Cruz (des «lügenden Ted») klarzumachen, postete Trump auf Twittter zwei Fotos. Eines zeigte Melania, das andere Cruz’ Ehefau Heidi. «Bilder sagen mehr als tausend Worte», schrieb Trump dazu und deutete an, dass ihn Heidi Cruz’ Gesicht nicht eben verzücke. Im September 2015 hatte er etwas Ähnliches schon über seine Mitkonkurrentin Carly Fiorina gesagt. «Schaut euch nur dieses Gesicht an. Könnt ihr euch vorstellen, dass unser zukünftiger Präsident so aussieht?» Übrigens: Trump findet nicht nur seine Frau wunderschön, sondern auch seine Tochter Ivanka. 2006 sagte er in einem Fernsehinterview: «Sie hat eine sehr gute Figur. Wenn Sie nicht meine Tochter wäre, würde ich sie vielleicht daten.»

20. Juli 2016 - «Verteidigt euch doch selber»

Trump kann aber nicht nur Frauen beleidigen, sondern auch internationale Sicherheitsbündnisse ins Wanken bringen. Das bewies er Mitte Juli, als er ankündigte, die Nato-Staaten müssten den USA in Zukunft mehr bezahlen, wenn sie weiterhin auf militärische Unterstützung zählen wollten. Wer dazu nicht bereit sei, dem sage er: «Gratuliere, ihr verteidigt euch ab jetzt selber.» Präsident Obama sah sich dadurch dazu veranlasst, die verunsicherten Vertreter der Nato-Staaten zu beruhigen und ihnen zu versichern, dass Amerika sie nicht im Stich lassen würde. Trump aber hatte nicht vor, zu beruhigen. Eine Woche später forderte er russische Hacker dazu auf, nach den verschollenen 33 000 E-Mails aus Hillary Clintons Zeit als Staatssekretärin zu suchen. Ein indirekter Aufruf zu einem Cyberangriff auf die USA. 

9. August 2016 - «Vielleicht könnt ihr ja Hillary stoppen»

Dass nicht nur russische Hacker, sondern auch amerikanische Waffenbesitzer aktiv werden sollten, tönte Trump im August an. Damals warnte er vor den katastrophalen Konsequenzen, wenn Hillary gewählt würde und Richter ans höchste Gericht bestellen könnte. Niemand könne sie daran hindern, das zu tun, sagte Trump. «Ausser vielleicht die Anhänger des Zweiten Verfassungszusatzes (der jedem das Recht zusichert, eine Waffe tragen zu dürfen). Die können ja vielleicht etwas tun.» Trump bestritt relativ erfolglos, damit direkt zur Gewalt gegen Clinton aufgerufen zu haben. 

7. Oktober 2016 - «Ich greife ihnen an die Pussy»

Den (vorläufigen?) Tiefpunkt erreichte Trumps Wahlkampfkampagne am Freitag, als ein Video auftauchte, in dem Trump wörtlich sagt: «Ich stehe automatisch auf attraktive Frauen. Sie ziehen mich an wie einen Magneten. Ich küsse sie, ich warte gar nicht ab. Wenn du ein Star bist, kannst du alles machen. Ihnen an die Pussy greifen. Alles.»

Video von Donald Trump mit vulgären Äusserungen

Video von Donald Trump mit vulgären Äusserungen