Porträt

Peer Steinbrück: Der «Su-Peer»-Selbstdarsteller

Bundesfinanzminister Peer Steinbrück auf dem Dach des Finanzministeriums in Berlin. Frank Zauritz

Bundesfinanzminister Peer Steinbrück auf dem Dach des Finanzministeriums in Berlin. Frank Zauritz

Für viele Schweizer ist Peer Steinbrück ein rotes Tuch. Aber auch im eigenen Land ist er umstritten. Morgen Sonntag wählt der Parteitag den früheren Wirtschaftsminister zum SPD-Kanzlerkandidaten.

Für Banker aus der Schweiz und Deutschland war das natürlich schade. Am Donnerstag dieser Woche hätten sie im exklusiven Kreis Peer Steinbrück lauschen können. Der Kanzlerkandidat der SPD hätte – gegen Honorar natürlich – in Frankfurt bei der Schweizer Privatbank Sarasin einen Vortrag gehalten. Doch dann hat Steinbrück kurzfristig abgesagt, weil die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung gegen die Bank ermittelt.

Jetzt nur keinen Fehler machen. Am Sonntag will Steinbrück nämlich in Hannover von einem Parteitag der SPD offiziell zum Herausforderer der deutschen Kanzlerin Angela Merkel für die Bundestagswahl 2013 gewählt werden. Ein Wortgemisch aus «Schweizer Privatbank, Honorar, Vortrag, Steuerhinterziehung» wäre diesem Unterfangen nicht sehr förderlich geworden. Steinbrück ist vorsichtig geworden und auch dünnhäutig.

Das ist neu bei einem Mann, der das Risiko schätzt, die «klare Kante», wie er selber sagt. Der Nashörner sammelt, weil sie seine Lieblingstiere sind: furchtlos und angriffslustig. Über sie sagt er: «Die kommen langsam in Gang, aber wenn sie einmal in Fahrt sind, hält sie nichts mehr auf.»

Geprägt hat den 1947 in Hamburg Geborenen seine Grossmutter. Sie bringt dem siebenjährigen Peer das Schachspielen bei, das er bis heute so liebt. Nicht einmal lässt sie den Enkel dabei gewinnen, jahrelang schenkt sie ihm nichts. «Als ich mit 13 das erste Mal gewonnen habe, war das eine Riesensache. Nichts hat meinem Selbstbewusstsein so gut getan wie dieser ehrliche, hart erarbeitete Sieg», zeigt sich Steinbrück noch Jahrzehnte später von Omas Erziehungsmethoden angetan. Kämpfen, durchbeissen, hart sein –- so schafft Steinbrück auch sein Studium in Kiel (Volkswirtschaftslehre und Soziologie). Er arbeitet als Parkwächter und sortiert in einem Ehe-Anbahnungsinstitut Karteikarten, um Geld zu verdienen. Weniger abwechslungsreich ist der Speiseplan in der Kieler Studentenwohngemeinschaft. Wenn Steinbrück beim Kochen dran ist, gibt es meist «Toast Hawaii».

Seine Karriere in der Politik startet er 1974. Er ist im Bundesverkehrsministerium tätig, wird wissenschaftlicher Mitarbeiter im Kanzleramt von Helmut Schmidt, der bis heute sein väterlicher Freund und Förderer geblieben ist. Der von den Deutschen verehrte Altkanzler war es auch, der Steinbrücks Kanzlerkandidatur einfädelte. Leiter im Büro des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Johannes Rau, Wirtschaftsminister in Schleswig-Holstein, Wirtschafts- und Finanzminister von Nordrhein-Westfalen lauten seine nächsten Karriere-Schritte.

Am 6. November 2002 wird er Ministerpräsident des grössten deutschen Bundeslands, Nordrhein-Westfalen – nicht nach einer gewonnenen Landtagswahl, sondern weil der amtierende Regierungschef Wolfgang Clement als Minister nach Berlin geht. Vor dem neuen Amt hat Steinbrück keine Scheu: «Ich hatte 24-Stunden Bedenkzeit und habe mich in fünf Minuten entschieden». Kein Zaudern, kein Zögern. Ein Mann, eine Mission.

Gleich zu Beginn seiner Amtszeit gibt es einen Vorfall, der Steinbrücks Image nachhaltig schädigt. Bei einer Besprechung mit dem grünen Koalitionspartner nimmt die grüne Landtagsabgeordnete Barbara Steffens ihr Baby mit, da sie keine Betreuung hat. Der Kleine ist still, doch Steinbrück fühlt sich gestört und fordert Steffens auf, zu gehen. Der Vorfall wird publik, auch die ewigen Scharmützel Steinbrücks mit Bärbel Höhn verfestigen das Bild vom Macho, der mit Frauen nur schwer zusammenarbeiten kann – mit einer Ausnahme, doch dazu später.

Überhaupt die Grünen. Sie werden von Steinbrück mit beissendem Spott überzogen. «Ich mache mich doch lächerlich, wenn ich 2005 vor die Wähler trete und als Bilanz Ackerrandsteine und Osterfeuer verkaufen will», sagt der wirtschaftsliberale Steinbrück und macht mehr als einmal deutlich, dass er eigentlich auch mit der FDP oder der CDU regieren könnte.

Doch im Mai 2005 ist es mit dem Regieren an Rhein und Ruhr ohnehin schon wieder vorbei. Nach 38Jahren wird die SPD in ihrer roten Herzkammer abgewählt. Das liegt nicht bloss an Steinbrück, sondern am Zorn der Genossen über die Arbeitsmarktreformen von Kanzler Gerhard Schröder, die als Agenda 2010 oder «Hartz IV» bekannt wurden und deren tiefe Einschnitte ins Sozialsystem der SPD noch heute Probleme bereiten.

Das politische Aus trifft Steinbrück hart, doch er fällt weich. Im Herbst 2005 wird Angela Merkel deutsche Kanzlerin, und sie beruft Steinbrück als Finanzminister in ihr Kabinett, wo er bis 2009 bleibt.

In der SPD will man das natürlich nicht so gerne hören, zumal die Nebentätigkeiten mit den üppigen Honoraren ohnehin für genug Verstimmung sorgen. Doch Steinbrücks Bilanzen sind nicht so toll, wie er selbst gerne glauben machen möchte. Das beginnt in Nordrhein-Westfalen, wo er zweieinhalb Jahre Ministerpräsident und zuvor schon Wirtschafts- und Finanzminister gewesen war. Er lässt das Land mit seinen 18Millionen Einwohnern bei der Abwahl 2005 hoch verschuldet zurück, die Pro-Kopf-Verschuldung liegt mit 5860Euro mehrere hundert Euro über dem Bundesdurchschnitt. Als Finanzminister legte er zwei verfassungswidrige Haushalte vor, die Neuverschuldung ist höher als die Summe der Investitionen.

Ein Kapitel für sich ist auch die West LB, jene mittlerweile zerschlagene und als «Rest LB» verspottete Landesbank von Nordrhein-Westfalen, in deren Aufsichtsrat Steinbrück sass. «Lustreisen» für wichtige Kunden wurden von einer Tochter der West LB als Betriebsausgaben deklariert. Schon 2003 muss sich Steinbrück vorwerfen lassen, dass er als Mitglied des Kreditausschusses bedenkenlos riskanten Milliarden-Krediten zugestimmt hat, die der Bank dann Milliarden-Verluste bescherten. Seine Antwort ist verblüffend: Er sei zwar Mitglied im Ausschuss gewesen, habe aber zwischen 1998 und 2002 nie an einer Sitzung teilgenommen.

Kurz sprachlos ist auch so mancher, als Steinbrück in einem «Zeit»-Interview erklärt, «das nüchterne Ergebnis der Finanzkrise» sei, «dass ich weitgehend richtig gelegen habe». Irgendwie muss Steinbrück da vergessen haben, dass er den taumelnden Münchner Immobilienfinanzierer HRE (Hypo Real Estate) zunächst «nicht im Traum» verstaatlichen wollte – und dann doch genau das machen musste. Vergessen machen möchte «Su-Peer», wie er sich von seinen Freunden nennen lässt, auch, dass er nicht immer dafür war, Banken an die Leine zu legen. Deregulierung hiess das Schlüsselwort in seiner Zeit als Bundesfinanzminister. Mittlerweile jedoch sagt Steinbrück in seiner unverwechselbaren Art über nicht durchschaubare Produkte von Banken: «In Wirklichkeit ist das eine Wundertüte, wo Sie nicht wissen, wo der Knallfrosch drinnen ist.»

Und dennoch: Es ist die Bewältigung der Finanzkrise, die Steinbrück in den Augen vieler und vor allem seiner eigenen für Höheres qualifiziert. Unvergessen ist der Sonntagnachmittag, 5. Oktober 2008. Die deutsche Regierung hat – drei Wochen nach der Pleite der US-Bank Lehman – Hinweise, dass die Deutschen beginnen, ihre Gelder vor lauter Angst von deutschen Banken abzuziehen. Da stellen sich Merkel und Steinbrück, um «14.30 Uhr, kurz bevor der Heinz-Rühmann-Film im Fernsehen begann», wie sich Steinbrück später trocken erinnert, vor die Kameras und garantieren: Die deutschen Spareinlagen sind sicher.

Eigentlich hatte Merkel alleine auftreten wollen, doch Steinbrück reklamiert sich beinhart dazu – wohl wissend um seine Chance zur Profilierung. Apropos Merkel: Sie ist die Ausnahme. Mit ihr kann Steinbrück gut zusammenarbeiten, sie ist die Politikerin, die er respektiert.

Andere bekommen regelmässig ihr Fett weg. Der Schweiz droht Steinbrück mit der Kavallerie, Österreich stellt er im Steuerstreit auf eine Stufe mit Ouagadougou in Burkina Faso, die Parteilinken in der SPD sind für ihn «Heulsusen».

Überhaupt das Verhältnis zur Partei, es ist nicht friktionsfrei. Zwar ist Steinbrück seit 1969 SPD-Mitglied, doch in Berlin kursierte bis vor seiner Nominierung immer noch der Witz, dass die meisten Sozialdemokraten das gar nicht wüssten. Sie halten Steinbrück eher für eine Ich-AG oder verorten ihn bei der CDU. Es sind nicht nur Steinbrücks politische Positionen, mit denen vor allem die Parteilinke schwer zurechtkommt. Rente mit 67, Einschnitte für Langzeitarbeitslose, all die «Grausamkeiten» der Schröderschen Reformen hat Steinbrück mitgetragen und verteidigt sie bis heute.

Als sein Hauptproblem sieht Eckart Lohse, dass Steinbrück sich so erkennbar schwertut, das Korsett der SPD anzuziehen. Lohse ist Leiter des Berlin-Büros der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung» und hat zusammen mit seinem Kollegen Markus Wehner eine Biografie über Steinbrück verfasst. Darin wird erwähnt, dass Steinbrück keinen Mannschaftssport mag. «Und wenn, dann nur in einer kleinen Gruppe, die so denkt wie er selbst», ergänzt Lohse. Das erleichtert die Zusammenarbeit mit einer 150 Jahre alten Partei, in der es so viele Strömungen und Interessengruppen zu beachten gilt, natürlich nicht.

Andererseits: Steinbrück zeigt seit seiner Nominierung durchaus Ansätze zur Demut. Als die Missbilligung über seine hoch dotierten Nebenjobs immer lauter wird und die Partei ihn stützt, sagt er: «Die Solidarität, die ich aus der SPD erfahre, ist bemerkenswert und auch berührend.» Steinbrück dankbar – mancher in der SPD staunt darüber wie ein Eskimo beim ersten Anblick von Wüstensand.

Dass der Merkel-Herausforderer den Wahlkampf weichgespült bestreiten wird, ist jedoch nicht zu erwarten. Er wolle sich «nicht verbiegen», sagt er. Und: «Ich werde mir treu sein müssen, ohne borniert zu sein.» Es klingt ein bisschen wie eine Drohung.

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