US-Wahlen

Paul Ryan ist weit mehr als die Nummer zwei

Der Vizepräsidentschafts-Kandidat Paul Ryan bringt neuen Schwung in den Wahlkampf des Republikaners Mitt Romney. Ein Augenschein in Manassas, vor den Toren der US-Hauptstadt

Es ist heiss, richtig heiss, an diesem Samstagnachmittag in der Agglomeration der amerikanischen Hauptstadt: Das Thermometer zeigt 31 Grad Celsius an, die Luft dampft vor Feuchtigkeit. Jeder Schritt ist schweisstreibend. Tausende haben sich von diesen misslichen Bedingungen aber nicht abschrecken lassen: Sie wollen mit eigenen Augen sehen, mit wem der republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney im November die Demokraten Barack Obama und Joe Biden aus dem Amt jagen will. Und sie lassen sich auch nicht von den langen Warteschlangen abschrecken, obwohl die Menschenmassen das herausgeputzte Stadtzentrum von Manassas regelrecht in Beschlag genommen haben.

Hauptattraktion Paul Ryan

Im Gegenteil: Die Stimmung ist derart enthusiastisch, dass eine ältere Dame spontan das Lied «God Bless America» anstimmt, die patriotische Liebeserklärung aus der Feder von Irving Berlin. Aus dem Stegreif vereinigen sich konservative Aktivisten und Schaulustige zu einem Chor, der den Zuhörern eine Gänsehaut über den Rücken jagt.

Derart beschwingt geht es weiter, bis dann gegen 17 Uhr endlich die Hauptattraktion eintrifft: Der neue Mann an der Seite von Romney. Der 42-jährige Paul Ryan, Abgeordneter im Repräsentantenhaus aus dem Bundesstaat Wisconsin und finanzpolitischer Vordenker der Konservativen, war am Morgen als republikanischer Kandidat für das Vizepräsidium vorgestellt worden. Er ist aber, dies zeigt sich bereits nach wenigen Minuten, weit mehr als bloss die Nummer zwei. Denn zum einen bringt Ryan neuen Schwung in den Wahlkampf der Republikaner. Der Abgeordnete wird dank seinen umfassenden Umbauplänen für den amerikanischen Sozialstaat - die von seinen Parteifreunden als «mutig» bezeichnet werden und von den Demokraten als «extrem» - an der Basis verehrt. «Ich freue mich schon richtig auf die Fernsehdebatte zwischen Paul Ryan und Joe Biden», sagt ein fahnenschwingender Zuschauer. Zum andern scheint das sonnige Gemüt des Technokraten ansteckend zu sein: Auch Romney lässt seine übliche Zurückhaltung fallen. Anstelle von technokratischen Ausführungen über seine Wirtschaftspolitik hält der 65-Jährige eine Brandrede gegen Präsident Obama, in der er das neue republikanische Gespann als «Amerikas Comeback-Team» anpreist. Das Publikum reagiert mit tosendem Jubel und Ryan sagt anerkennend: «Awesome» («fantastisch»), ein besonders unter College-Studenten beliebter Ausdruck. Sein Gesichtsausdruck zeigt dabei, dass er seine Beförderung immer noch nicht recht fassen kann. Auch Gattin Janna wirkt verdutzt.

Tatsächlich ist die Ernennung von Paul Ryan zur Nummer zwei auf dem republikanischen Präsidentschaftsticket ein riskanter Schritt. Gestern hiess es deshalb in Washington, dass sich Berater von Mitt Romney dagegen ausgesprochen hätten. Sie warnten vor harten Attacken der Demokraten, in denen Romney und Ryan als kaltherzige Sozialabbauer porträtiert würden.

Romney wurde vor Ryan gewarnt

Tatsächlich verschickte David Axelrod, ein hochrangiger Wahlkampfberater und Vertrauter von Obama, bereits am Samstag einen Videozusammenschnitt, in dem Ryan als Feind der amerikanischen Mittelklasse bezeichnet wird. Romney aber schlug diese Warnungen in den Wind und ging aufs Ganze. Er entschied sich bereits zu Monatsbeginn für den jungenhaften Abgeordneten aus Wisconsin, weil er den Wählerinnen und Wähler verdeutlichen wollte, dass am 6. November eine Richtungswahl ansteht: Die Wahl zwischen «Freiheit und Staatsgläubigkeit», zwischen Kapitalismus und Sozialismus, wie Romney und Ryan es - leicht zugespitzt - formulieren.

Damit wärmt Romney nicht nur das Herz der eingefleischten Aktivisten, die Obama unbedingt aus dem Weissen Haus vertreiben wollen und trotz des schwül-heissen Wetters stundenlang in Manassas ausharrten. Dank der Wahl Ryans kehrt nach Wochen der Schlammschlacht die Substanz zurück in den US-Präsidentenwahlkampf. Im Idealfall werden die beiden Grossparteien nun in den nächsten drei Monaten über ihre unterschiedlichen Visionen debattieren - und den Wählerinnen und Wählern in aller Deutlichkeit aufzeigen, welche Konsequenzen ihre Stimmenabgabe haben könnte.

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