Wurde Angela Merkel gestern von den Wählern abgestraft?

Gero Neugebauer: Das kann man so sehen. Die Flüchtlingsfrage war der dominierende Aspekt im Wahlkampf. Viele CDU-Wähler sind zur AfD abgewandert.

Was wird die Kanzlerin nun tun – ihren Kurs wechseln?

Sie wird so weitermachen wie bisher. Ihr Vorteil: Sie ist zuletzt ohnehin von einigen Positionen abgerückt, die Asylgesetze wurden verschärft. Die Steuerung der Zuwanderung übernehmen die Staaten im Balkan. Trotzdem: Sie setzt weiterhin auf die europäische Lösung unter Einbezug der Türkei.

Wird es nach der gestrigen Wahlschlappe nicht zur Revolte in der CDU kommen?

Die CDU hat überall verloren, selbst dort, wo sie dank Arithmetik an der Regierung bleiben kann. Nun wächst in der CDU die Debatte, ob Frau Merkel die richtige Kandidatin für die Bundestagswahlen 2017 ist. Momentan ist niemand zu sehen, der es wagen würde, sich als Kandidat gegen Merkel zu stellen. Fakt ist: Die CDU hat keine Alternativen zu Merkel.

Die AfD ist in 8 von 16 Landesparlamenten vertreten – wie wird sich die Politik Deutschlands verändern?

Deutschland hat nun eine Rechtspartei im Parteiensystem. Das ist eine Angleichung an die Systeme in anderen europäischen Staaten. In der politischen Diskussion werden mehr Themen aufkommen, in denen es um Fragen rund um Überfremdung, die Rolle der Nation, um Patriotismus und Abgrenzung nach aussen gehen wird.

Deutschland rückt also nach rechts?

Der in der deutschen Gesellschaft latent vorhandene Trend nach rechts hat in der AfD einen organisatorischen Ausdruck gefunden. Insofern hat es einen Rechtsruck gegeben. Aber: Die AfD ist nicht rechtsextrem. Ob sie sich auf lange Dauer halten kann, wird sich zeigen. Ihre Anhängerschaft ist nur in wenigen Punkten einer Meinung – bei der Flüchtlingspolitik oder der Kritik am Euro. Ansonsten fehlt der Partei die innere Konsistenz.

Ein Debakel erlebte – mit Ausnahme von Rheinland-Pfalz – auch die SPD. Ist sie Opfer vom Linksrutsch der CDU?

Die Ergebnisse von Sachsen-Anhalt und Baden-Württemberg wirken auf die Bundes-SPD ein. Sie hat in der Bundesregierung viel zu spät eine Ergänzung zu Merkels Flüchtlingspolitik aufgebaut, welche die Leute hätte erkennen lassen, dass die SPD über ein eigenständiges Profil verfügt. Merkel sagt: «Wir schaffen das» – warum ergänzt die SPD diesen Satz nicht dahin gehend, dass sie aufzeigt, wie man das schafft? Sie hätte die Möglichkeiten dazu gehabt. Das gelegentliche Aufbäumen von Parteichef Sigmar Gabriel wirkte daher eher deplatziert. Ein Grossteil der SPD-Wähler wusste schlicht nicht, welche Position die Partei in der Flüchtlingskrise einnimmt.

Muss Gabriel um seinen Posten bangen?

Schwer zu sagen. Fakt ist: Die Sozialdemokraten von heute sind noch immer schwer geschädigt durch die Nachwirkungen von Gerhard Schröders Agenda-Politik. Viele Repräsentanten dieser Politik – Andrea Nahles, Frank-Walter Steinmeier, Sigmar Gabriel – sind noch heute in führenden Funktionen. Die Wähler erkennen kein Signal des Aufbruchs.