Vielleicht ist es ein Drogenhändler, der den auswärtigen Besucher verscheuchen will. Vielleicht erlaubt er sich auch nur einen Spass. Wie ein Stier in der Arena rast sein weisser Peugeot auf dem Parkplatz vor dem Einkaufszentrum auf den Fremden zu. Haarscharf fährt er an ihm vorbei, durchs offene Wagenfenster laut lachend. Ein älterer Herr in einer Gruppe schüttelt den Kopf: «Immer diese kleinen Delinquenten!»

Willkommen in der Wohnblocksiedlung Le Chêne Pointu – zu Deutsch «Die spitze Eiche». Hier im Zentrum von Clichy-sous-Bois, das gar kein richtiges Stadtzentrum hat, ragen statt Bäumen 15-stöckige Wohnblocks in den Himmel. Im Einkaufszentrum ist die Armut mit Händen zu greifen. Jeans kosten 2.99 Euro, Frauenschuhe 5 Euro. Der Kiosk mit dem gelben Signet «Presse» verkauft seit Jahresbeginn keine Presse mehr, sondern Pferdewetten. Das ist der Zeitvertreib der älteren Bewohner, während Jugendliche an den Eingängen herumhängen. «Sie halten die Mauern», nennt das Lamy Monkachi, Sprecherin der Stadtbehörden, ohne jedes Augenzwinkern. 40 Prozent der Bewohner sind hier ohne Job, 70 Prozent leben unter der Armutsschwelle.

Das soll nun anders werden. Le Chêne Pointu, ein Ensemble von Wohnblöcken à la DDR, wurde in den 1960er-Jahren für die aus Nordafrika zuströmenden Arbeiter auf die grüne Wiese gepflanzt und gilt heute als eines der «heissesten» von 750 Problemvierteln Frankreichs – Zones Urbaines Sensibles (ZUS) genannt. Jetzt wird Le Chêne Pointu von Grund auf renoviert, wie Monkachi im Rathaus erzählt: 1500 Wohnungen in Gebäuden, in denen oft nicht einmal der Lift funktioniert, würden in den nächsten 15 bis 20 Jahren abgerissen oder aufgefrischt. Eine Herkulesarbeit.

Geld für bessere Durchmischung

Premierminister Manuel Valls hat vergangene Woche ein Programm für die bessere «soziale Durchmischung» dieser Einwanderergettos vorgestellt und dafür eine zusätzliche Milliarde Euro bereit gestellt. Die Terroranschläge auf «Charlie Hebdo» und den jüdischen Supermarkt im Januar haben Frankreich aufgerüttelt. Valls will reichere Gemeinden mit neuen Bussen zwingen, auf ihrem Gebiet 25 Prozent Sozialwohnungen zu errichten; in ärmeren Orten sollen sie hingegen nicht mehr als 50 Prozent der Wohnfläche umfassen.

Clichy-sous-Bois hat nicht auf diese Ankündigung gewartet. Die Gemeinde lebt mit dem Stigma, die landesweiten Vorstadtkrawalle von 2005 ausgelöst zu haben. Damals waren die beiden Chêne-Pointu-Kids Bouna (15) und Zyed (17) nach einer Verfolgungsjagd mit der Polizei durch Stromschläge in einem lokalen Trafo gestorben. Die Banlieue explodierte über Nacht, 10 000 Autos gingen in Flammen auf; die Regierung musste erstmals seit dem Algerienkrieg den nationalen Notstand ausrufen.

Der sozialistische Bürgermeister des Ortes, Claude Dalian, kämpfte seit langem für eine «urbanistische Revolution», wie er sagte. Nach der Banlieue-Revolte drang sein Aufruf bis in den 15 Kilometer nahen und doch so fernen Elysée-Palast. Heute verfügt Clichy über ein Arbeitslosenamt und eine Polizeiwache. «Die meisten Einwohner sind sehr froh über die regelmässigen Polizeipatrouillen. In fünf Jahren ist die Kriminalitätsrate stark zurückgegangen», sagt Monkachi. Die Wache wurde mit einem riesigen Schutzschild überdacht, damit Anwohner der umliegenden Wohntürme keine Objekte auf die ungeliebten Flics werfen können.

Vor allem aber setzte der kürzlich verstorbene Bürgermeister durch, dass die ältesten Wohnblöcke geschleift werden. In der Siedlung mit dem bukolischen Namen La Forestière (Försterei) ist ein grosser Teil der Türme bereits gefallen. Südlich davon bringen Arbeiter den letzten Schliff an drei- und vierstöckigen Gebäuden an. Sie sind hübsch getüncht und weisen sogar etwas Grünfläche auf. Hunderte von Forestière-Bewohnern werden hierhin umgesiedelt. Der Wohnraum ist nicht grösser, aber wie eine Anwohnerin mit Kopfschleier sagt: «Es verschafft ein wenig Luft. Man fühlt sich nicht mehr wie ein Huhn in Käfighaltung.» Und erstmals erhalte sie wieder Post im Briefkasten, ergänzt sie.

Wie viel die Renovation der Forestière kostet, weiss wohl nicht einmal der Staat, der via diverse Budgetposten dafür aufkommt. «100 Millionen Euro», schätzt Mehdi Bigaderne vom lokalen Verein «AC le feu» (frei übersetzt: genug vom Feuer). Der junge Kämpfer für Migrantenrechte begrüsst das Bauprogramm, stört sich aber daran, dass die Anwohner umgesiedelt wurden, ohne dass es auch nur einen Informationsabend gegeben hätte. Geschweige denn ein Mitspracherecht. «Dabei müsste man die Leute einbinden, beteiligen, zum Mitmachen anhalten», sagte Bigaderne.

Zweistündiger Arbeitsweg

Noch wichtiger findet es der junge Maghrebiner, dass Clichy endlich Anschluss an die Aussenwelt erhält. Derzeit hat die Vorstadtenklave weder eine Schnellstrasse noch eine Zuglinie. Wer in Paris arbeitet, nimmt morgens um 4.57 Uhr den vollgestopften Bus der Linie 601 in den Nachbarort und braucht gut zwei Stunden für den Weg. Das hält auf Dauer niemand durch. Nun haben die Bauarbeiten für eine Tramlinie begonnen, die Clichy-sous-Bois ab 2018 an das Schienennetz im Grossraum Paris knüpfen wird. «Viele Einwohner werden erstmals eine Chance erhalten, andernorts einen Job zu finden», sagt Bigaderne.

An eine bessere soziale Durchmischung glaubt er hingegen kaum. «Valls will die Mittelklasse nach Clichy bringen. Wenn auch nur eine Pariser Familie hierher kommt, würde mich das aber sehr wundern.» Wie auch umgekehrt. Laut einer Studie verlassen 22 Prozent der Migranten-Kids ihr Banlieue-Viertel nicht einmal für die Ferien. «Wie sollen diese armen Familien in bürgerliche Orte umziehen, wenn sie ihre Kinder nicht einmal in die Ferien schicken können?» fragt Bigaderne. Trotzdem begrüsst er die Massnahmen, um die Banlieue-Viertel aufzubrechen. Endlich bewege sich etwas, meint der junge Aktivist. Bauliche Massnahmen genügten aber längst nicht: «Auch das Schulversagen und die Diskriminierung der Jugendlichen bei der Job- und Wohnungssuche müssen bekämpft werden», ist er überzeugt. «Diese Kinder brauchen Zukunftsperspektiven. Sonst wird sich in 20 Jahren, wenn die neuen Mietshäuser wieder alt und baufällig sind, überhaupt nichts geändert haben.»