Die Franzosen wurden gestern Zeugen eines doppelten Showdowns. In Dammartin-en-Goële nordöstlich von Paris gelang es dank einem riesigen Polizeiaufgebot, die zwei «Charlie Hebdo»-Attentäter, Chérif und Said Kouachi, zu «neutralisieren», wie Innenminister Bernard Cazeneuve sagte. Auf Deutsch: zu töten.

Die Geiselnahmen
Nach einer zweitägigen Treibjagd durch das flache Land östlich der Hauptstadt wurden sie am Morgen an einer Polizeisperre gestellt; darauf flüchteten sie in eine industrielle Druckerei. Die beiden Spezialeinheiten Raid und GIGN glaubten zuerst, die Gebrüder hätten eine Geisel genommen. Was sie nicht wussten: Der fragliche Fabrikmitarbeiter versteckte sich im ersten Stockwerk vor den Terroristen, die sich gegenüber der Polizei offenbar telefonisch als Vertreter des Netzwerkes al-Kaida ausgaben.


Um die Mittagszeit kam es in Paris zu einer wirklichen Geiselnahme: Ein Gesinnungsgenosse der Kouachis, Amedi Coulibaly, hielt ein Dutzend Kunden eines jüdischen Supermarktes an der Porte de Vincennes am südöstlichen Stadtrand von Paris fest. Der 32-jährige Franko-Afrikaner hatte am Vortag nach einem Verkehrsunfall eine Polizistin im Vorort Montrouge erschossen und wurde seither gesucht.

Der Befehl zum Sturm
Gegen 17 Uhr gab die Polizei, zweifellos nach dem grünen Licht durch Staatschef François Hollande, das Zeichen zum doppelten Sturm. In Dammartin verliessen die beiden Brüder darauf ihre geschützte Position und eröffneten mit Sturmgewehren das Feuer. Bei einem kurzen, aber heftigen Gefecht erschossen die Eliteeinheiten beide Attentäter. Der versteckte Mitarbeiter kam frei.
Fast gleichzeitig beendete die Polizei auch die Geiselnahme in dem koscheren Laden in Paris-Vincennes. Sie hörte über ein Handy, das Coulibaly nach einem Polizeikontakt offenbar aus Versehen nicht abgestellt hatte, dass der sechsfach verurteilte Kriminelle zu beten begann, drang in das Geschäft ein, wobei sie Coulibaly ebenfalls niederstreckte. Ausser ihm gab es vier weitere Todesopfer. Vorerst war unklar, ob sie schon bei der Geiselnahme oder erst beim Polizeisturm ihr Leben lassen mussten.

Das ist für die polizeiliche wie auch die politische Erfolgsbilanz bedeutsam. Die Behörden machten aber vorerst keine Angaben dazu. Vereinzelt hiess es in Pariser Medien, die Polizei suche im Viertel nach einem entwichenen Komplizen Coulibalys. Und auch, dass unter den Toten Coulibalys Freundin Hayat Boumeddiene sei.

Die Erstürmung des koscheren Lebensmittelladens.

Die Erstürmung des koscheren Lebensmittelladens.


Gut zwei Stunden später gab Präsident François Hollande am Fernsehen das Ende der Grossfahndung und der Geiselnahme bekannt. Er zeigte sich «stolz» über den Polizeierfolg, fügte aber auch an: «Wir sind mit den Bedrohungen noch nicht am Ende.» Auch Premierminister Manuel Valls erklärte: «Wir können noch weitere Angriffe erleiden.»

Coulibaly kannte die Kouachis

Während der Lebenslauf der Kouachi-Brüder zwischen Waisenheimen und Banlieue-Stationen mittlerweile bekannt ist, wurde erst gestern publik, dass Coulibaly mit den beiden jahrelang gemeinsame Sache gemacht hatte.

Der 32-jährige Sportlehrer und Kleinkrimininelle hatte in Haft Kontakt mit Salafisten geknüpft, die ihn von Drogen und Rapmusik abbrachten und zum Dschihad anhielten. 2010 erhielt er eine Haftstrafe, weil er versucht hatte, einen anderen Islamisten aus dem Gefängnis zu befreien. Chérif Kouachi wurde vom gleichen Vorwurf freigesprochen, obwohl der Staatsanwalt auch von seiner Schuld überzeugt war. Zum Schluss lebte Coulibaly mit der – ebenfalls polizeilich gesuchten – Hayat Boumeddiene in einem Wohnblock südlich von Paris. Nachbarn schilderten ihn als «ruhig, lächelnd und freundlich». Nur manchmal habe er sich darüber erregt, dass seine afrikanischen Eltern «kouffars» (Ungläubige) seien. Kurioserweise hatte er 2009 den damaligen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy im Rahmen eines Ausbildungstages in einer Coca-Cola-Fabrik getroffen, wie Presseberichte bezeugen.

Hollande empfing gestern im Élysée-Palast die Parteichefs, um gemeinsam den grossen Trauer- und Solidaritätsmarsch für die zwölf am Mittwoch ermordeten Zeichner und Mitarbeiter von «Charlie Hebdo» von morgen Sonntag in Paris zu organisieren. Ungeklärt bleibt die Frage, in welcher Form der rechtsradikale Front National mitmachen wird.

Lesen Sie die Ereignisse des gestrigen Tages in unserem Liveticker nach:

Scribblelive: Terror in Paris2