Lokführer Cedric Grumiaux fährt seit Tagen im Schneckentempo über die Schienen in Südbelgien. «Operation Schnecke» nennt er seine Aktion. Einmal kommt er 37 Minuten zu spät am Zielbahnhof an, ein anderes Mal sind es fünfzehn oder zwanzig Minuten, die der von Grumiaux gesteuerte Zug verspätet am Bahnhof einläuft. Zum Leidwesen der in Belgien per Zug reisenden Passagiere. Und zum Entsetzen der belgischen Eisenbahnen NMBS, die versuchen, ihre Züge pünktlich fahren zu lassen.

Doch Cedric Grumiaux will mit seiner Protestaktion weitermachen und noch länger im Schneckentempo über die belgischen Gleise fahren, so lange, bis er endlich entlassen wird.

Kündigungsfrist bremst ihn aus

Er will entlassen werden, weil er von einer privaten Eisenbahnlinie ein viel besseres Angebot erhalten hat. Dort kann er als Lokführer viel mehr Geld verdienen als bei der NMBS. Cedric Grumiaux will daher zur Konkurrenz wechseln, und zwar schnell. Doch die NMBS wollen ihn nicht so schnell gehen lassen. «Er muss eine Kündigungsfrist von einem Jahr einhalten. So steht es in seinem Arbeitsvertrag», sagt Timitri Temmerman von den NMBS. «Ausserdem muss Herr Grumiaux einen Teil der Kosten seiner Ausbildung zurückbezahlen», so der NMBS-Sprecher. Dieser «Teil der Ausbildung» ist eine stattliche Summe. Rund 10 000 Euro sind fällig, wenn Cedric Grumiaux seinen Arbeitsvertrag vorzeitig aufkündigt und seinen Arbeitgeber, die NMBS, verlassen will.

Doch Cedric Grumiaux lässt nicht locker. «Vielleicht entlassen sie mich fristlos, ich hätte nichts dagegen.» Denn er hat bei der privaten Eisenbahnlinie, die ihn viel besser bezahlen will, bereits einen neuen Arbeitsvertrag unterschrieben. «Ein Jahr warten, das kann ich nicht mehr», so Grumiaux.

Der Fall Grumiaux ist kein Einzelfall. Rund zehn Prozent aller 3500 belgischen Lokführer sowie anderes NMBS-Personal wollen die NMBS derzeit verlassen, weil sie von privaten Eisenbahnlinien höhere Gehälter angeboten bekommen. Die NMBS indes fürchtet, ein solcher Aderlass werde den gesamten Fahrplan der NMBS-Eisenbahnen völlig durcheinanderbringen. Daher die lange Kündigungsfrist von einem Jahr in den NMBS-Arbeitsverträgen.

Auf der Zielgeraden

Das NMBS-Management jedenfalls zeigt sich im Fall Grumiaux gesprächsbereit. Man will mit ihm über seine vorzeitige Entlassung reden.

Cedric Grumiaux frohlockt schon: «Ich habe mein Ziel schon fast erreicht.»