Die Sonne schüttet ihr goldenes Morgenlicht grosszügig über die Steppe am Fusse der Perija-Berge im Osten Kolumbiens aus. Da tauchen an einer Einfahrt in den Feldweg nach Pondores plötzlich vier Panzer auf. Sie wirken einschüchternd, genauso wie die schwer bewaffneten Soldaten im Kampfanzug daneben. Aber die jungen Männer winken dem vorbeifahrenden Schulbus genauso freundlich zu wie dem Auto mit dem grossen Presse-Schild. Keine Ausweiskontrolle, keine Fragen. Er sei froh, dass er in diesem Krieg nicht mehr den Kopf hinhalten müsse, sagt ein junger Soldat lächelnd.

Der älteste Bürgerkrieg Lateinamerikas ist zu Ende, seit vor einem Jahr Vertreter der Regierung und der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (Farc) ihre Unterschriften unter einen Friedensvertrag setzten. Aber die Umsetzung läuft alles andere als flüssig, neue Gefahren ziehen bereits am Horizont auf.

Schusswechsel mit Kriminellen

Auf die Soldaten folgt ein Camp der Polizei. Dort findet gerade ein Fussballmatch statt. Bei der UNO ein paar hundert Meter weiter werden die ersten schwarzen Zelte schon abgebaut. Mit der Übergabe der letzten Waffen der Farc vor einigen Tagen ist ihre Mission offiziell zu Ende. Wochenlang war ein UN-Offizier, der seinen Namen nicht nennen will, mit den ehemaligen Kämpfern unterwegs, um geheime Waffenlager auszuheben. Es war wie die Jagd auf den Piratenschatz. Ganze Arsenale hob er aus, versteckt in Plastiktonnen, vergraben fernab der Zivilisation.

Die Guerilleros hatten GPS-Koordinaten, aber von da aus ging es noch bis zu zwei Kilometer weiter in die Wildnis, und irgendwo neben einem Felsen oder zwischen einer Baumgruppe trieben sie einen Eisenstab ins Erdreich. Machte es «klack», fanden wir unter einer Metallplatte die Fässer», erzählt er. Nicht immer hatte er Erfolg. Mal waren die Waffenlager schon ausgehoben, mal gab es Schusswechsel mit irgendeiner der kriminellen Banden, die immer noch die Teile Kolumbiens kontrollieren, in denen illegal nach Gold oder Smaragden geschürft oder Koka angebaut wird.

Zwei Kilometer weiter schliesslich beginnt das Übergangslager der Farc, deren Abkürzung nun für die Alternative Revolutions-Partei des Gemeinwohls steht. In Pondores und 25 weiteren Lagern im ganzen Land gewöhnen sich 7000 Dschungelkämpfer an einen Alltag ohne Waffen und Gefechte. Auch an der Einfahrt nach Pondores winken die ehemaligen Kämpfer – nun in Zivil – den Neuankömmlingen freundlich und neugierig zu. Eigentlich dürfe er ja ohne Autorisierung nichts sagen, erzählt ein gedrungener Kämpfer namens «Rafael» und fährt dann leutselig fort. Aber ganz einfach sei ihm die Umstellung ins zivile Leben nach 20 Jahren nicht gefallen. «Als ich mein Gewehr abgab, habe ich geweint und mich tagelang nackt und schutzlos gefühlt», sagt der 37-Jährige und wirft Kochbananenschnitze in das siedende Fett.

Der Schatz der Revolutionäre

Das Gewehr war für einen Revolutionär der grösste Schatz; drastische Strafen drohten dem, der seines verlor. «Deshalb durften wir nicht schwanger werden», fällt die 20-jährige Sandra ein, die im offenen Speisesaal eine Hängematte aufgehängt hat und in ihr den vier Monate alten Albert in den Schlaf wiegt. «Denn wenn uns die Soldaten angriffen, hätte man sonst vor der Wahl gestanden, ob man das Baby oder das Gewehr schnappt.» Jetzt geniesst sie ohne weitere Zukunftspläne erst einmal ihre Mutterschaft, wie Dutzende anderer junger Guerillera-Mütter.

Andere denken bereits an die Zukunft. Im Unterrichtssaal schwitzen zwei Dutzend ehemalige Kämpferinnen und Kämpfer über Bruchrechnen und spanischer Grammatik. «Meine Eltern waren arm, ich konnte nicht zur Schule und bin noch als Kind zur Guerilla gegangen», sagt José Duma alias «Boris». «Jetzt lerne ich lesen und schreiben, um zusammen mit den Kameraden eine landwirtschaftliche Kooperative aufzubauen und die Papiere zu verstehen, die mir vorgesetzt werden», sagt der 43-Jährige. Er ist noch ganz in Olivgrün gekleidet, mit Springerstiefeln, während viele seiner Klassenkameraden angesichts der Hitze bereits auf Shorts und Badeschlappen umgestellt haben. Die Kurse organisiert eine kolumbianische Universität, der Staat bietet Fortbildungen an, bei denen man von Coiffeur über Schneider bis Fischzucht und organischen Ackerbau einiges lernen kann.

«Ich bin beeindruckt, wie wissbegierig und straff organisiert die Guerilleros sind», sagt Darío Puerta, der für die Nationale Reintegrationsagentur das Lager betreut. Noch aber fehlt für die praktische Umsetzung der Pläne Land. Zehn Hektaren hat ein Unternehmer aus Fonseca den Guerilleros zur Verfügung gestellt, damit sie dort Bananen und Maniok anbauen können. Doch für eine Kooperative brauchten sie deutlich mehr Land und vor allem einen Titel, der ihnen Rechtssicherheit gewährleistet.

Wie zu Zeiten der Guerilla

Die Kurse fingen mit einem halben Jahr Verzögerung an. Die Bauten waren noch nicht früher fertig, und die Guerilleros mussten selbst Hand anlegen. «Als wir aus den Bergen hierher kamen, wurden gerade erst die Fundamente gegossen», sagt Joaquín Gómez, einer der Comandantes aus der Führungsriege der Farc und Chef des Lagers Pondores. «Die Fertighäuser hat ein Konsortium nach Plänen aus der Hauptstadt gemacht. Sie sind klein, unter den Wellblechdächern wird es drückend heiss, und man kann nicht einmal die Fenster aufmachen», schimpft der 70-Jährige, der deshalb sein Lager im Gebüsch aufgeschlagen hat, auf Holzplanken unter Plastikplanen, ganz wie zu Zeiten des Guerillakampfes.

Die Verzögerung bereitet ihm Sorgen. Denn im kommenden Jahr sind Präsidentschaftswahlen, und rechte Kandidaten machen gegen den Friedensvertrag mobil. Die Farc wollten Kolumbien in eine linke Diktatur nach kubanischem Modell verwandeln, so ihre Kritik. Er werde wesentliche Punkte des Abkommens rückgängig machen und die Guerilleros ins Gefängnis stecken, drohte beispielsweise Rafael Nieto in einem Gespräch mit Korrespondenten. Der smarte Anwalt ist einer der Anwärter auf die Kandidatur des «Demokratischen Zentrums», der Partei des ultrarechten, den paramilitärischen Todesschwadronen nahestehenden Ex-Präsidenten Alvaro Uribe. Auch wenn das bedeute, dass Kolumbien international zur Lachnummer werde und die Farc wieder zu den Waffen griffen.

«Wissen, dass die Elite uns hasst»

Die Ungewissheit, was bei den Wahlen passieren wird, lastet wie eine dunkle Wolke über dem Lager. «Die Guerilleros misstrauen dem Staat zutiefst, und wenn der seine Versprechen nicht einhält, fürchte ich, dass einige wieder in den Busch gehen und sich bewaffneten Gruppen anschliessen», sagt Puerta. «Wir wissen, dass die Elite uns hasst und vieles nicht einhalten wird», sagt Gómez. «Wir bereiten uns darauf vor.»

Wie, das kann man in dem Veranstaltungssaal sehen. Unter einem Blechdach auf Plastikstühlen sitzend, lauschen rund drei Dutzend Bauern aus dem nahegelegenen Ort Fonseca dem Vortrag eines Exkämpfers über Landbesitz und Agrarreform. 0,4 Prozent der Bevölkerung in Kolumbien besitzen 46 Prozent des landwirtschaftlich nutzbaren Landes, schildert der hagere Mann. Die Landbevölkerung verdiene weniger als den Mindestlohn, die Analphabetenrate liege bei 15 Prozent, 80 Prozent der Bauernkinder schlössen die Schule nicht ab, 60 Prozent hätten kein sauberes Trinkwasser. Die Zuhörer pflichten nickend bei.

An der Landfrage und der brutalen Niederschlagung liberaler Bauern- und Arbeiterbewegungen hatte sich der Bürgerkrieg vor über 50 Jahren entzündet. Die Probleme sind noch immer nicht gelöst. Kolumbien ist ein Beutestaat, der von wenigen Familienclans und Regionalfürsten beherrscht wird, Korruption und Vetternwirtschaft sind gang und gäbe, die Institutionen sind schwach, Infrastruktur, Bildungs- und Gesundheitssystem miserabel. Statt mit den Waffen wollen die Farc nun aber über die Urnen an die Macht kommen. Fünf Sitze im Senat und fünf im Abgeordnetenhaus sind ihnen laut Abkommen die nächsten beiden Amtsperioden reserviert – auch ohne die dafür nötigen Stimmen. Bis zur Revolution durch die Urnen ist es aber noch ein weiter Weg. Umfragen zufolge liegt die Popularität der Farc derzeit bei bestenfalls fünf Prozent.