Für ein Zigarettchen muss man auch als Präsidentschaftskandidat heute vor die Tür. Wer wüsste das besser als Alexander Van der Bellen? Man ist nicht umsonst elf Jahre lang Vorsitzender einer notorischen Nichtraucherpartei. So steht der schlanke alte Herr dann an einem kühlen Mai-Tag gemeinsam mit den Angestellten der Firma Paar in Graz auf der Aussentreppe. Friert, qualmt, hört zu, wagt dann und wann ein Scherzchen und sucht nach einem korrekten Platz für die Kippe – während drinnen der gesundheitsbewusste Vorstand wartet, bis die Zigarettenlänge um ist.

Bei Alexander Van der Bellen weiss man nie, wo er eigentlich hingehört – in den Festsaal oder auf die Treppe. Nur selbst ist er ganz bei sich. Einfach «Heimat» hat der listige Professor auf seine Wahlplakate geschrieben. Zur Verblüffung seiner Anhänger und zum Entsetzen seiner Gegner, die das Wort brauchen, um die Enge ihres Horizonts zur Tugend zu machen. Gern hätte er darüber gesprochen, was Heimat eigentlich heisst. Aber der atemlose Wahlkampf hat ihn nicht gelassen. So lächelt er wieder ein bisschen spöttisch und zieht an seiner Zigarette. Man ahnt, dass «VdB», wie er in Österreich genannt wird, etwas Substanzielles zu sagen gehabt hätte.

Nur ein wenig Toleranz

Zu den frühen Grünen, der neuen, alternativen Milieupartei, passte der Österreicher mit der leisen Art und dem zurückhaltenden Auftreten anfangs schlecht. Während aber zur gleichen Zeit in Deutschland ein Otto Schily im nadelgestreiften Dreiteiler angewidert durch die Reihen strickender Parteifreundinnen stolzierte, bat der freundliche «Sascha» sich für seine bürgerlichen Eigenheiten bloss ein wenig Toleranz aus.

Aller Eifer perlt an ihm ab. Moralpredigten hört er sich geduldig an, pariert sie an passender Stelle mit einer schlichten Frage. Weil er selbst niemanden überzeugen will, wirkt er besonders überzeugend. Als «neoliberal» hat ihn die prinzipienfeste grüne Jugend vor dem Wahlkampf qualifiziert – und bekam ein freundliches und etwas schüchternes Lächeln dazu.

Die Herzen des liberalen Wien sind ihm von Beginn an zugeflogen. Seit 15 Jahren beginnt jedes seiner Interviews mit einem offenen Blick, kurzem Schweigen, einem trockenen, etwas nervösen Lachen. Eine Masche ist es nicht geworden. Als Geheimtipps wurden seine Auftritte im Parlament gehandelt, besonders dann, wenn der Grüne auf einen lauten Kollegen von der rechten Hälfte des Hauses antworten darf – und der Wirtschaftswissenschafter ganz ohne Hohn, nur in milder Resignation die vielen Denkfehler seines Vorredners aufführt. Als «Herr Professor» oder «Herr Doktor» spricht ihn nach Wiener Sitte nur an, wer ihn als Besserwisser blossstellen will. Es klappt nicht; er ist keiner.

Die Milde im Urteil, die historische Tiefe, die Gelassenheit hat der heute 72-Jährige schon in der Wiege mitbekommen. Sie stand 1944 in Wien und gehörte einer russisch-estnischen Bürgerfamilie, die alle Turbulenzen Mitteleuropas im 20. Jahrhundert durchlitten hat und wieder einmal auf der Flucht war. Schon der Grossvater, Spross einer vor 300 Jahren nach Russland zugewanderten Handwerkerdynastie, war mit der Familie vor den Bolschewiken aus Pskow, der russischen Stadt an der Grenze zu Estland, nach Estland geflohen. Der Vater liess sich – wiederum mit der Familie – nach dem Einmarsch der Sowjets 1940 als vorgeblicher Deutscher «heim ins Reich» evakuieren.

Vom «von» zum «van»

Nicht einmal das niederländisch klingende «van» im Namen deutet auf einen Ursprung: Ein Vorfahre war geadelt worden. Und nach der Revolution liess der kluge Grossvater das adlig-deutsche «von» ins holländisch-bürgerliche «van» ändern. Selbstverständliche Zugehörigkeit kannten die Van der Bellens nicht – örtliche so wenig wie ideologische. Bald nach der Geburt des kleinen Alexander verschlug es die evangelische Familie von der Ostsee ins Kaunertal in den Ötztaler Alpen. Erst 1958 – Alexander war 14 Jahre alt – bekamen sie die österreichische Staatsbürgerschaft.

Es folgte eine klassisch bildungsbürgerliche Karriere: Gymnasium in Innsbruck, Studium der Volkswirtschaft – wie der Vater. Diplom mit 22, Promotion mit 26, anschliessend Lehrtätigkeit an der Uni Wien. Als Fellow am Berliner Wissenschaftszentrum geriet der junge Ökonom in die Nachwehen der 68er-Jahre. Träumereien waren seine Sache nie, der Forschungsschwerpunkt lag auf öffentlicher Wirtschaft und Finanzplanung. Zurück in Wien, trat der junge Professor in die damals noch faszinierende SPÖ unter Bruno Kreisky ein. Als Kreisky fort war, überredete ihn schliesslich ein politisch aktiver Doktorand, zu den Grünen zu gehen.

Was ist typisch österreichisch?

Ehrgeiz, an dem es ihm nicht gefehlt haben kann, hat der lässige Parteichef sich nicht anmerken lassen. Das ist der Grund dafür, warum seine Freunde ihn so lieben und nicht einmal seine Gegner ihn so richtig hassen können. Der scheinbar so Fremde zielt genau ins Herz der Nation. «Zwei echte Österreicher» hatte einst Jörg Haider auf Plakate geschrieben, die ihn und seinen damaligen Spitzenkandidaten zeigten – dessen Mutter allerdings eine Deutsche war. Was ein «echter Österreicher» ist, war nie richtig klar. Für Van der Bellen ist es das Gebrochene, Schillernde, vielfach Ausdeutbare, das dem Land seit den Tagen des Vielvölkerstaats seinen hintergründigen Humor geschenkt hat. Was denn typisch österreichisch sei, hat ihn ein Journalist gefragt. «Hart arbeiten», antwortete VdB, «aber so tun, als wäre es nicht so.»