Die Hektik in den Verhandlungen zwischen Griechenland und seinen Geldgebern steigt. Erwarten Sie ein baldiges Ende?

Alexander Kritikos: Ein Ende der aktuellen Runde schon – aber eine Ende von Verhandlungen mit Griechenland sehe ich auf Jahre hinaus nicht. Derzeit drehen sich die Gespräche um die Auszahlung der restlichen Hilfsgelder aus dem zweiten Hilfsprogramm. Das wird langsam passieren müssen, weil Griechenland ganz einfach kein Geld mehr hat. Aber die Restgelder reichen nicht, um die weiteren Milliardenkredite zu decken, welche in den nächsten Monaten fällig werden.

Warum ist eine definitive Lösung nicht möglich?

Das Hauptproblem liegt darin, dass die derzeitige griechische Regierung nur noch in Konfrontation mit den Gläubigern verhandelt. Dadurch werden die laufenden und alle weiteren Gespräche erheblich erschwert. Die Gläubiger werden Griechenland darum vorerst nur gerade genug Geld geben, um die im Juni fälligen Kredite beim Internationalen Währungsfonds abzulösen, also einen alten Kredit durch einen neuen zu ersetzen. Danach werden die Geldgeber weiterhin versuchen, auf die griechische Regierung einzuwirken, damit sie endlich weitere Reformen unternimmt. Leider ist diese gar nicht davon überzeugt, dass das Land diese braucht.

Der griechische Premierminister Alexis Tsipras hat die Verhandlungen wohl bewusst monatelang verschleppt, um die Geldgeber unter Zeitdruck zu setzen und zu Zugeständnissen zu zwingen. Diese Strategie scheint nun aufzugehen.

So sieht es aus. Aber das ist ein Pyrrhus-Sieg. Die Regierung von Alexis Tsipras fährt das Land an die Wand, damit es gerettet wird. Sie kann so vielleicht kurzfristig einige Milliardenzahlungen freipressen, aber die langfristigen Kosten dafür sind enorm. Die griechische Wirtschaft ist seit einigen Monaten erneut im Sinkflug, die Regierung hat das Vertrauen der Geldgeber und vieler ihrer Bürger verspielt, die Milliarden von Kapital lieber im Ausland parken. Das lässt sich mit ein paar Milliarden nicht wettmachen.

Wie lange wird es dauern, bis die Griechen eine Verbesserung spüren?

Das hängt davon ab, wie lange die Regierung ihre Hängepartie weiterführt. Solange nicht alle Zweifel ausgeräumt sind, dass es doch noch zum Austritt Griechenlands aus dem Euro kommen könnte, werden keine neuen Investitionen im Land getätigt. So lange wird auch die Wirtschaft auf ihrem sehr niedrigen Niveau verharren.

Tsipras könnte ein Verhandlungserfolg helfen, bei den eigenen Wählern Reformen durchzusetzen.

Für Tsipras mag ein Erfolg vielleicht das Überleben in seinem Parteienbündnis sichern. Aber für das Land wird daraus kein positiver Schub entstehen. Die nächsten Probleme mit Kreditrückzahlungen werden unweigerlich kommen – alle Kassen wurden geplündert. Die Strategie von Tsipras ist ausgemachte politische Folklore.

Namhafte Ökonomen kritisieren, das Spardiktat der Geldgeber habe die griechische Wirtschaft tiefer in die Krise gestürzt als nötig. Warum soll Griechenland nun noch mehr sparen?

In der Tat darf es nicht um weiteres Sparen gehen. Aber: Der wichtigste Teil der Reformen hat gar nicht stattgefunden: Entbürokratisierung, Förderung des Unternehmertums, Abbau der Überregulierung. Die Reformen wurden sehr einseitig zum Leid von Angestellten und jener Minderheit durchgeführt, die jetzt Tsipras gewählt hat. Die erzwungenen Lohn- und Rentensenkungen waren für die Betroffenen eine Katastrophe, sie hätten sich aber nicht so schlimm ausgewirkt, wenn eine Deregulierung gleichzeitig neues Wirtschaftswachstum ausgelöst hätte.

Die Geldgeber bieten Tsipras jetzt Kompromisse an. Findet Griechenland vielleicht doch noch aus dem Schlamassel?

Was die Gläubiger derzeit machen, ist reine Symbolpolitik. Sie wollen von der griechischen Regierung irgendwelche Versprechungen erhalten, damit sie eine ausreichende Begründung haben, um die restlichen Zahlungen aus dem zweiten Hilfspaket auszulösen. Aber ich rechne nicht mehr damit, dass sich unter der amtierenden Regierung die Situation noch substanziell verbessern wird. Man kann nur noch hoffen, dass eine neue Regierung den Staatsklientelismus und Staatsdirigismus beenden wird.

Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem die Parlamente der Euro-Länder Nein sagen zu weiteren Hilfsmilliarden für Griechenland.

Es wird schwieriger werden, in den nationalen Parlamenten Mehrheiten dafür zu finden. Aber ein Grexit wäre noch viel schlimmer, als weitere Kredite zu versprechen.

Schlimm für Griechenland, nicht für die Euroländer.

Das weiss eben niemand. Die bisherigen Hilfskredite von 270 Milliarden Euro wären dann weg. Was mit dem Euro passieren würde, ist völlig offen. Hier gibt es Szenarien von ganz Weiss bis ganz Schwarz.

Früher oder später werden die europäischen Politiker ihren Wählern ohnehin erklären müssen, dass Griechenland seine Schulden nicht zurückzahlen kann.

Das muss nicht unbedingt so sein. Es wird darum gehen müssen, die Schulden für Griechenland tragfähig zu machen, mit niedrigeren Zinsen und längeren Laufzeiten. Griechenland kann in Zukunft durchaus in der Lage sein, diese Staatsschulden zu bedienen, wenn es dem Land gelingt, auf einen Wachstumspfad einzuschwenken und es noch ein wenig Inflation gibt.