China

Oberster Notenbanker warnt vor Crash: «Das Land muss sich vor zu viel Optimismus schützen»

Ein für chinesische Verhältnisse ungewöhnlicher Vorgang spielte sich am Donnerstag am Rande des 19. Parteikongresses in Peking ab.

Ein für chinesische Verhältnisse ungewöhnlicher Vorgang spielte sich am Donnerstag am Rande des 19. Parteikongresses in Peking ab.

Mitten im Jubel der KP warnt Pekings Zentralbanker vor einem Crash. Schuld seien die rekordhohen Schulden.

Ein für chinesische Verhältnisse ungewöhnlicher Vorgang spielte sich am Donnerstag am Rande des 19. Parteikongresses in Peking ab: Inmitten des Jubels für die überraschend robusten Konjunkturdaten im dritten Quartal grätschte Chinas oberster Notenbanker, Zhou Xiaochuan, mit einer Warnung dazwischen. Das Land müsse sich vor zu viel Optimismus schützen, mahnte er. Andernfalls steuere China auf einen «Minsky-Moment» zu.

Wahrscheinlich schlug diese Warnung nur deswegen nicht wie eine Bombe ein, weil auch viele KP-Kader nicht wussten, was es mit dem Minsky-Moment auf sich hat. Der Begriff geht zurück auf den US-Ökonomen Hyman Minsky, der schon in den 1990er-Jahren davor warnte, dass jeder kreditgefüllte Boom den Kern des Kollapses in sich trägt. «Kapitalistische Ökonomien tendieren in wirtschaftlich guten Zeiten zu Finanzierungsformen, die Pyramidenspielen ähneln.» Kreditnehmer und Kreditgeber seien in der Zeit gleichermassen blind für die drohende Gefahr. Er sollte recht behalten. Als 2008 die US-Investmentbank Lehman Brothers kollabierte und die ganze Welt in eine tiefe Finanzkrise stürzte, wurde Minsky postum zum Krisenpropheten befördert. Nun warnt Chinas Zentralbankchef vor einem ähnlichen Zusammenbruch in seinem Land.

Staatschef äussert sich nicht

Und er ist nicht der Einzige. Trotz des robusten Wirtschaftswachstums von 6,8 Prozent allein im dritten Quartal warnt auch der Internationale Währungsfonds (IWF) vor einer drohenden Schuldenkrise. Zwar hat Staats- und Parteichef Xi Jinping am Mittwoch in seiner Rede zum Auftakt des 19. Parteikongresses auf «Unzulänglichkeiten» hingewiesen. «Unser Problem ist, dass unsere Entwicklung unausgewogenen und unangemessenen ist», sagte Xi. Doch das Schuldenproblem sprach er in seiner mehr als dreieinhalbstündigen Rede nicht an. Andere Regierungsangehörige hatten zuvor schon abgewiegelt und den Ratingagenturen vorgeworfen, sie würden China nicht verstehen.

Tatsächlich hat die Volksrepublik einen Vorteil. Das Riesenreich ist praktisch nicht im Ausland verschuldet. Probleme machen allerdings die sich häufenden Schulden im Inland – und zwar vor allem in den Bilanzen der Staatsbetriebe. Um sich gegen eine seit Jahren drohende Verlangsamung des Wachstums zu stemmen, haben zahlreiche Provinzregierungen die ihnen unterstellten Unternehmen angewiesen, gigantische Summen an Krediten aufzunehmen. Genau vor diesen Krediten warnt etwa die US-Ratingagentur Fitch. Sie befürchtet, dass viele chinesische Firmen ihre Darlehen nicht mehr zurückzahlen können.

Doch eine Bankenkrise erscheint nach Ansicht des chinesischen Ökonomen Yu Yongding von der Chinese Academy of Social Sciences dennoch unwahrscheinlich. Die Kreditinstitute gehören mehrheitlich dem Staat. Der wiederum führt ihnen immer wieder frisches Kapital zu, sobald das nötig wird. In der Vergangenheit habe sie das bereits mehrfach getan.

Ein Crash dürfte in der Volksrepublik zwar ausbleiben. Die Optimisten, die China eine Ausnahme von den Gesetzen der Wirtschaft zutrauen, werden jedoch ebenfalls enttäuscht. Eine schwierige Bilanzrezession wird Chinas Staatsunternehmen auf Jahre beschäftigen und sie von neuen Investitionen abhalten. Das wiederum geht zulasten des Wachstums.

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