Auf der gefährlichsten Strasse im Irak Richtung Falludscha wären beinahe zwei seiner Soldaten bei einem Angriff ums Leben gekommen – wegen seiner Fehleinschätzung. Die Männer überlebten. Doch Jeff Eggers hat das zum Umdenken bewegt. Der ehemalige Elitesoldat der Navy Seals und Kommandant einer Sondereinheit im Irak beschäftigt sich intensiv mit Führungsstrukturen – im Militär, aber auch in der Politik und anderen gesellschaftlichen Bereichen.

Eggers kämpfte 20 Jahre lang in der wohl berühmtesten Spezialeinheit der Welt, den Seals, bevor er ins Weisse Haus wechselte. Von 2010 bis 2015 beriet er US-Präsident Barack Obama in strategischen Fragen der Aussenpolitik und der Nationalen Sicherheit. Als «Special Assistant» des Präsidenten war der heute 45-Jährige zuständig für die Region Südasien, zu der Irak wie auch Afghanistan gehören. Mit der «Nordwestschweiz» sprach Eggers am Rande des Worldwebforums in Zürich über Obamas Erfolge und Misserfolge, die Trump-Administration und die Gefahr von «Fake News».

Herr Eggers, warum braucht ein US-Präsident Berater mit Kampferfahrung?

Jeff Eggers: Für Leute, die in strategischen Angelegenheiten der Aussenpolitik und der Nationalen Sicherheit Empfehlungen abgeben, ist es wichtig, dass sie verstehen, was politische Entscheide in der Praxis bedeuten. Taktische und operative Erfahrung am anderen Ende des Spektrums ist da sehr hilfreich. Damit wir nicht nur in abstrakten Begriffen über den Einsatz von Soldaten sprechen, die Familien haben. Wir sprechen von ihnen nicht nur als «boots on the ground» (ein Ausdruck für Bodentruppen, d. Red.).

Was war aus Ihrer Sicht Obamas grösste Niederlage?

Eines der Dinge, von denen ich gehofft hatte, dass sie erreicht und abgeschlossen werden, ist die Schliessung des US-Gefängnisses in Guantanamo. Es mangelte nicht an Anstrengungen. Der Präsident hat sich diesem Ziel fest verschrieben und war engagiert, vom ersten Tag an.

Der Kongress aber nicht.

Das stimmt. Ich hätte das gern abgeschlossen gesehen. Das ist nicht unbedingt als Kritik gemeint. Es ist eher eine gewisse Enttäuschung, dass das Ziel in den beiden Amtsperioden, die der Präsident hatte, nicht erreicht wurde.

Wie fällt Ihre Bilanz zu Obamas Aussenpolitik insgesamt aus?

Das können Historiker in einigen Jahren besser beantworten. Viele Dinge werden erst mit der Zeit klarer. Allgemein lässt sich jedoch sagen, dass Präsident Obama in der Art und Weise, wie Amerika seine Konflikte im «Post-9/11-Umfeld» angeht, viel erreicht und zum Positiven gewendet hat. Das ist jedoch immer noch nicht abgeschlossen, es gibt noch «unfinished business».

Wo genau?

Der Übergang von al-Kaida im Irak zum «Islamischen Staat» ist ein Beispiel, dass dieses schwierige Umfeld auch nach Obamas Amtszeit weiter besteht. Ich bin sicher, er hätte gerne eine deutlichere Schliessung des «Post-9/11-Kapitels» gesehen. Insgesamt wird die Veränderung des aussenpolitischen Narrativs der USA unter Obama jedoch positiv bewertet.

Sie sprechen vom Rückzug der USA aus gewissen Bereichen.

Richtig. Davon, zu akzeptieren, dass amerikanische Interessen, vor allem auch Sicherheitsinteressen, mit Blick auf Konflikte im Ausland limitiert sind. Die Art und Weise, wie Amerika seine Interessen militärisch verfolgt, musste neu definiert werden. Nicht mit gross angelegten Einsätzen von Bodentruppen. Sondern mit anderen Mitteln. Etwa mit Sicherheits-Unterstützung für unsere Alliierten und Partner.

War der Atomdeal mit Iran der grösste aussenpolitische Erfolg Obamas?

Falls er unter der Trump-Administration bestehen bleibt, was eine offene Frage ist, dann ist das ganz sicher ein grosser Durchbruch. Ein unvollkommener Durchbruch zwar. Aber so etwas wie eine perfekte Lösung gibt es in diesen komplexen Themen oft nicht. Das Beste, was man erreichen kann, ist ein bedeutsamer Durchbruch, auch wenn er nicht perfekt ist.

Die neue US-Regierung hat die Arbeit aufgenommen. Wie bewerten Sie das Verhalten von Donald Trump über die letzten Wochen und Monate hinweg?

Die Kampagne war negativ und spaltend. Das gilt jedoch nicht nur für Trump. Es gibt einen grösseren Trend zu diesem Politik-Stil. In Amerika und weltweit. Wir erleben eine Verlagerung hin zu populistischer Politik.

Das gilt auch für Europa, etwa für Frankreich und Deutschland, wo dieses Jahr gewählt wird.
Die populistischen, Anti-Globalisierungs-Trends sind nicht auf Trump limitiert – sie greifen derzeit überall um sich. Ich hoffe, dass sich diese politischen Botschaften bald wieder mässigen, dass es weniger spaltend, dafür integrativer zugeht. Wir müssen abwarten, wie es sich entwickelt.

Die Präsidentschaft von Barack Obama in Bildern:

Macht Donald Trump die Welt zu einem unsicheren Ort?

Ich möchte nicht spekulieren. Die Welt wird komplexer. Die Effekte von gewissen Entscheiden werden heute in einer Art und Weise verstärkt, die sich deutlich vom 20. Jahrhundert unterscheidet. Digitales Zeitalter heisst, dass sich die Natur von Information ändert. Auch, wie Statements des Präsidenten interpretiert und wie sie kommuniziert werden und welche Effekte sie haben. All das verändert sich. Hier müssen wir sehr vorsichtig sein.

In Sachen Information haben wir es aktuell besonders mit einem Phänomen zu tun: «Fake News». Wie denken Sie darüber?

«Fake News» sind ein spezielles Beispiel dafür, wie wir heute Informationen verarbeiten. Das Versprechen von mehr Transparenz, mehr Vernetzung, höherer Geschwindigkeit von Informationen war ursprünglich sehr hoffnungsvoll und sehr positiv. In der Theorie sollten Demokratien mit einem grösseren Informationsfluss, mit leichterem Zugang zu Informationen besser funktionieren. In der Theorie sollte das Demokratien stärken.

Im Moment erleben wir das Gegenteil.

Was wir in der Praxis sehen, ist, dass die Art, wie sich das Internet organisiert, eine Schattenseite hat. Die sozialen Medien können polarisieren, sortieren und anonymisieren. Das trägt zu der Spaltung bei, die wir gerade erfahren. Es entsteht eine Situation, in der jeder zum Journalisten werden kann – und «Fake News» zur Normalität werden. Es gibt Vorteile, aber eben auch sehr reale Nachteile. In der frühen Phase der digitalen Transformation erfahren wir die negativen Effekte, bevor wir das positive Potenzial erleben.