Wenn es jetzt wirklich zur Apokalypse kommt, dann nahm sie ihren Anfang in einem Golf Club in New Jersey. Da sass Donald Trump am Dienstag, die Arme verschränkt, vor ihm eine Plastikflasche Wasser. Der Satz, den Trump in seinem Feriendomizil in Bedminster von sich gab, schockte die Welt: Wenn Nordkorea seine Drohungen gegen Amerika fortsetze, sagte der US-Präsident, werde man diesen «mit Feuer und Wut begegnen, wie die Welt es noch nie gesehen hat». Trump hat nicht unrecht: Einen militärischen Konflikt zwischen zwei Atommächten, wie er ihn anzudeuten schien, das hat die Welt tatsächlich noch nicht gesehen.

Der Hintergrund der aktuellen verbalen Entgleisung: Kim Jong Un, der Diktator Nordkoreas, hat jetzt alle Komponenten zur Hand, um das Festland der USA mit einem Atomsprengkopf anzugreifen, auch wenn Trump noch vor kurzem auf Twitter versprach, dass das «nie passieren wird». Das meldete die «Washington Post» unmittelbar vor der Feuer-und-Wut-Drohung des US-Präsidenten. Kim, auf der anderen Seite, liess verlauten, er überlege sich einen Angriff auf die zu Amerika gehörende Insel Guam.

Beunruhigender als diese riskante Situation ist einzig die Unberechenbarkeit der beiden Spieler, die sich in diesem atomaren Trauerspiel gegenüberstehen. Trump und Kim reagieren angesichts der angespannten Lage äusserst impulsiv. Der Aggressionslevel ist so hoch wie nie zuvor. Das sagt der amerikanische Autor Mark Bowden, der die Situation kürzlich für das Magazin «The Atlantic» analysiert hat. Bowdens Fazit nach Gesprächen mit mehreren Dutzend Militärexperten und Kennern von Kims Regime ist ernüchternd: «Es gibt keine guten Optionen, mit Nordkorea umzugehen.»

Bowden hält vier «schlechte Optionen» für möglich: Die schlimmste davon wäre ein amerikanischer Präventivschlag, wie Trump ihn am Montag in Bedminster angedeutet hat. Die USA wären militärisch in der Lage, Kims Atomwaffenarsenal zu zerstören und das Regime zu stürzen. «Das käme bei Trumps Wählern sehr gut an», glaubt Bowden. Allerdings wäre ein solcher Schachzug verheerend für Nordkoreas Nachbarn Japan und Südkorea. Tokio und Seoul liegen locker innerhalb der Reichweite von Kims Chemiewaffen. Die Gefahr, dass dem Präventivschlag einer der schlimmsten Massenmorde der Menschheitsgeschichte folgte, wäre gross. Trotzdem, meint Bowden, würde ein Präventivschlag zu Trumps «America First»-Strategie passen. Solange der Schaden am anderen Ende der Welt entstehe, kümmere ihn das kaum. Die 30'000 US-Soldaten in Südkorea kämen bei diesem Zug allerdings «second».

Mord oder Obama-Style?

Weniger verheerend wäre laut Bowden Option zwei: ein gezielter Militärschlag gegen Kims Waffenarsenal. Ein Schuss vor Kims Bug, mit dem Trump seine militärische Übermacht demonstrieren und Pjöngjang zu einer Kurskorrektur zwingen könnte. Das Problem bei dieser Option: «Wenn der Schlagabtausch einmal anfängt, wird es extrem schwierig, sich rechtzeitig zurückzuziehen.» Kim sei einer der wenigen Menschen, deren Ego dasjenige von Trump noch übersteige, sagt Bowden. Dass er klein beigeben und zur Vernunft kommen werde, hält der Autor für unmöglich.

Die dritte Option, die Trump spielen könnte, wäre ein gezielter Angriff auf Kim selbst; ein Mordkommando mit einer Drohne oder einer Spezialeinheit, wie sie die Amerikaner etwa in Afghanistan oder in Syrien immer wieder einsetzen. Unrealistisch ist das laut Bowden nicht, auch wenn ein solches Mordkommando im Fall Nordkoreas ungleich schwieriger wäre. Das Regime überwacht den eigenen Luftraum penibel und kann kaum mit Drohnenangriffen überrascht werden. Und die Sicherheitsblase rund um den «höchsten Führer» ist so undurchdringlich wie kaum eine zweite auf der Welt. Zudem wäre es naiv zu glauben, auf Kim würde ein vernünftiger, weltoffener Regent folgen, der mit sich über die atomare Zukunft Nordkoreas diskutieren liesse. Es sei durchaus denkbar, dass sich ein noch brutalerer Herrscher an die Macht setzen liesse, wenn Kim einmal weg wäre.

Nach neusten Erkenntnissen des japanischen Verteidigungsministeriums und des amerikanischen Militärgeheimdiensts hat Nordkorea einen atomaren Sprengkopf entwickelt, den das Regime mit seinen Langstreckenraketen auf das amerikanische Festland schiessen könnte.

Nach neusten Erkenntnissen des japanischen Verteidigungsministeriums und des amerikanischen Militärgeheimdiensts hat Nordkorea einen atomaren Sprengkopf entwickelt, den das Regime mit seinen Langstreckenraketen auf das amerikanische Festland schiessen könnte.

Bleibt die vierte Option: «strategische Geduld» üben, wie Trumps Vorgänger Obama das von wirtschaftlichen Sanktionen begleitete Erdulden nannte. Trump kritisierte Obama mehrfach scharf für dessen «Passivität» gegenüber Nordkorea. Bowden hingegen sieht diese Option als die sinnvollste Vorgehensweise in der angespannten Situation. Amerika habe im Kalten Krieg mit einer wesentlich grösseren Bedrohung durch das sowjetische Atomarsenal zu leben gelernt. Neu wäre die Verdammnis zum Erdulden also nicht. Bloss: Wird Trump sich das eingestehen können, in Obamas «passive» Fussstapfen zu treten und nicht den starken Mann spielen zu können?

Bowden würde dem Präsidenten mindestens eindringlich dazu raten. Weiter Sanktionen – auch in Absprache mit China – und Geduld: einen anderen Weg gäbe es nicht. Zu einem atomaren Erstschlag werde Kim nicht ansetzen. Er habe in seinen knapp sechs Jahren an der Macht viel rationales Gespür und keine suizidalen Tendenzen gezeigt. Und er wisse genau: Wenn er angreift, dann wird sein Land dem Erdboden gleichgemacht. «Nordkorea ist ein Problem ohne Lösung – ausser der Zeit», sagt Bowden.

Und er meint das durchaus wörtlich. Kim Jong Un sei ein übergewichtiger Mann mit einer langen Krankheitsgeschichte und einer Familie, in der Herzprobleme gehäuft auftreten würden. Kim ist zwar 38 Jahre jünger als sein ebenfalls übergewichtiger Kontrahent in diesem Duell der Unberechenbaren. Die «strategische Geduld» könnte im optimalen Fall früher als gedacht doch noch zu einem Ausweg – oder mindestens zu einer Situation mit neuen, vernünftigeren Spielern – führen.

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