Nordkorea

Nordkoreas Eskalationsstrategie könnte aufgehen

Kim Jong Un brüskiert den Partner China – gleichzeitig steigt der Druck auf die USA, Gespräche mit dem Jungdiktator aufzunehmen

Jetzt beisst Nordkorea sogar in die Hand, die es füttert: Nach der «Empfehlung» an ausländische Regierungen, ihre Botschaften in Pjöngjang zu räumen, hat das Regime von Kim Jong Un auch seinem eigentlichen Partner China nahe gelegt, seine Landesvertretung zu evakuieren. Ab Mittwoch könne man die Sicherheit der Botschaftsmitarbeiter nicht mehr garantieren.

Natürlich steckt wieder Bluff dahinter, doch die öffentliche Brüskierung Chinas, an dessen Tropf Nordkorea hängt, könnte sich rächen. Gemäss US-Medienberichten spricht Washington bereits von Signalen aus Peking, dass
die Chinesen ihre jahrzehntelange standhafte Unterstützung Nordkoreas überdenken wollen.

Schon bei den Verschärfungen der UNO-Sanktionen gegen Nordkorea hatten die Amerikaner die Chinesen im gleichen Boot. In den vergangenen Tagen haben US-Präsident Barack Obama und der chinesische Regierungschef Xi Jinping eine Reihe von hektischen Telefongesprächen geführt. Das berichtete die «New York Times». Demnach will Obama, dass die Chinesen ihren tobenden Verbündeten zur Vernunft bringen. Andernfalls bleibe den Amerikanern nichts anderes übrig, als ihre Militärpräsenz im nordwestlichen Pazifikraum auszubauen, um den zunehmend rücksichtslos agierenden Jungdiktator Kim Jong Un in Schach zu halten.

Das mag nach einer erpresserischen Zuckerbrot-und-Peitsche-Politik klingen, doch auffälligerweise haben die Chinesen auch noch kein kritisches Wort über die jüngsten Machtdemonstrationen der Amerikaner südlich der koreanischen Demarkationslinie fallen lassen. Peking ist klar verärgert über Pjöngjangs kriegerische Provokationen.

Gleichzeitig misstraut China angeblichen Hegemonialansprüchen der USA in Asien zutiefst. Doch es schwieg zu den Manövern der nuklearfähigen amerikanischen B-52- und B-2-Tarnkappenbomber, die unweit von Chinas Gewässern Angriffsflüge übten.

Fakt ist dennoch, dass Chinas Einfluss auf Pjöngjang überschätzt wird. Trotz Nonstop-Horrormeldungen aus dem Eremitenreich haben in den vergangenen Jahren gerade in Pjöngjang gewisse Reformen gegriffen. Menschen sind modischer gekleidet und gut frisiert. Es gibt Hamburger-Shops, Boutiquen und mehr Verkehr, während die Sanktionen der UNO eher zahnlos sind, weil sich Peking nicht daran hält, Finanztransaktionen der Pjöngjanger Führung über chinesische Banken zu unterbinden.

Auch am wichtigsten Grenzübergang Dandong halten sich chinesische Zöllner kaum an die Auflagen der UNO-Resolutionen, verdächtige Güter zu konfiszieren, wozu auch weit harmlosere Dinge zählen als nur Raketen- oder Zentrifugenbauteile. Um Nordkoreas Regime ernsthaft in Bedrängnis zu bringen, müssten die Chinesen aber auch den Export von Treibstoff und bedeutender Hilfe stoppen.

Wenn US-Aussenminister John Kerry nächsten Samstag zu einem Besuch in Peking eintrifft, will er den Chinesen ins Gewissen reden, sich an die vereinbarten UNO-Resolutionen zu halten. Dennoch ist fraglich, wem die Chinesen mehr misstrauen: Nordkorea oder den Amerikanern.

Bisher verzichtete Peking auch auf harsche Kritik an Nordkorea. China äusserte das übliche «Bedauern» über das hysterische Säbelrasseln, als sei es von einer baldigen Rückkehr zum Status quo überzeugt. China sieht im Gegenteil die USA in der Pflicht, nach Jahren des «strategischen Ignorierens» Pjöngjangs auf dieses zuzugehen – womit die Eskalationsstrategie Nordkoreas voll aufgehen würde. Es liegt an den USA, einen gesichtswahrenden Ausweg aus diesem Dilemma zu finden. Doch schliesslich bleibt Washington wohl nichts anderes übrig als neue Gespräche.

Die Geschichte lehrt, dass Nordkorea die Provokationen noch steigern wird, bis die USA einlenken. Es zeichnet sich eine Wiederholung der Vorgänge von 2003 ab, als Nordkorea die USA mit Drohtiraden und dem Austritt aus dem Atomwaffensperrvertrag (NPT) dermassen unter Druck setzte und provozierte, bis sich der damalige US-Präsident George W. Bush dazu überwand, mit dem «Schurkenstaat» im Rahmen der Sechsergruppe Gespräche zu führen.

Nach aussen zeigen sich die USA weiterhin betont gelassen. Pjöngjangs Kriegsrausch sei «nur eine eskalierende Serie rhetorischer Stellungnahmen», sagte eine Sprecherin des US-Aussenministeriums. Doch Kim Jong Un scheint schon fast am Ziel.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1