Gipfeltreffen

Nordkorea vor dem grossen Aufbruch?

Ein Gipfeltreffen zwischen Kim (l.) und Moon (r.) steht bevor: Stampft Nordkorea tatsächlich sein Atombomben-Programm ein?

Ein Gipfeltreffen zwischen Kim (l.) und Moon (r.) steht bevor: Stampft Nordkorea tatsächlich sein Atombomben-Programm ein?

Nordkoreas Führer Kim Jong Un will der Weltgemeinschaft die Hand reichen – und spricht von Wirtschaftsreformen. Damit versucht Kim nichts Geringeres, als an das China der 80er-Jahre anzuknüpfen: An Deng Xiaopings «Reform und Öffnung», diesen «Sozialismus chinesischer Prägung», der China von Grund auf änderte.

Kim sprach erstmals am Samstag von den Reformen, als er das Ende von Nordkoreas Atom- und Raketentests ankündigte. China erwähnte er mit keinem Wort. Jahrelang hat Pjöngjang seinen mächtigen Nachbarn ignoriert. Doch nach Kims Überraschungsbesuch Ende März in Peking scheint der alte Verbündete wieder wachsenden Einfluss in Pjöngjang zu geniessen.

Peking drängt Nordkorea seit langem, seinem wirtschaftlichen Reformprogramm zu folgen. Kim sagte, dass die «neue strategische Linie» der regierenden Arbeiterpartei der «sozialistische Wirtschaftsaufbau» sei – ein Begriff, den die staatliche Nachrichtenagentur KCNA gleich 56 Mal im Bericht über Kims Rede erwähnte.

Mit der UdSSR endete die Hilfe

Der sozialistische Wirtschaftsaufbau mit deutlich chinesischen Merkmalen hat einen langen Weg vor sich. Das durch staatliche Misswirtschaft ruinierte Nordkorea liegt am Boden. Die Not begann in den 90er-Jahren, als mit dem Fall der Sowjetunion auch die finanzielle Unterstützung endete, die bislang den Kollaps des Eremitenreichs abzuwenden half.

Noch in den Jahren nach dem Koreakrieg war Nordkorea reicher als Südkorea. Es profitierte von einer Entscheidung der alten Kolonialmacht Japan, die Industrialisierung im Norden zu forcieren, wo es mehr Bodenschätze und Wasserkraftpotenzial gab als im weitgehend landwirtschaftlich geprägten, verarmten Süden. Mit dem Fall des Sowjetimperiums begann auch der Fall Nordkoreas, während Südkorea als Satellitenstaat der USA inzwischen zur viertgrössten Volkswirtschaft Asiens avancierte.

Heute sind Nordkoreas Wirtschaftsdaten dermassen desolat, dass Pjöngjang nicht einmal mehr Zahlen zum Bruttoinlandsprodukt veröffentlicht. Dennoch hat sich die Situation in den letzten Jahren besonders in Pjöngjang verbessert, einer Retortenstadt inmitten verwahrloster Provinzen.

Alles in Nordkorea zentriert sich auf Pjöngjang, wo unter dem 3. Führer der Kim-Dynastie gebaut wird, Verkehr herrscht, Konsumgüter aus China in Regalen stehen und – vor wenigen Jahren noch undenkbar – selbst Burger und Pizza zu haben sind. Dank Pjöngjang verzeichnete Nordkorea im Jahr 2016 die schnellste Expansion seit 17 Jahren, trotz scharfen UN-Sanktionen.

China und Vietnam machen es vor

Indem Nordkorea jetzt mit Friedensouvertüren den Anschluss an die Weltgemeinschaft sucht, scheint Kim auch Wirtschaftsreformen anzustreben, die im Wesentlichen dem chinesischen Vorbild folgen. Mit China und auch Vietnam hat Kim zwei Beispiele für kommunistische Parteien, die den Kapitalismus angenommen haben und deren Macht durch wachsenden Wohlstand nicht gefährdet, sondern gestärkt wurde.

Fabrikmanagern in Nordkorea ist es bereits erlaubt, mit Lieferanten und Kunden ihrer Wahl zu frei ausgemachten Preisen zu handeln, sobald sie die vom Staat zugeteilten Quoten erfüllt haben. Staatliche Unternehmen können Tochtergesellschaften gründen und sich in neuen Bereichen diversifizieren, wie etwa die nationale Fluggesellschaft Air Koryo, die neu auch mit Taxis und Softdrinks Geld verdient.

Bauern können auf eigenen Parzellen von fast 100 Quadratmetern anbauen, was sie wünschen, und auf den «Jangmadang»-Bauernmärkten verkaufen, die offiziell zwar verboten, aber in jeder Stadt und Ortschaft zu finden sind.

Unterernährtes Volk

Nordkoreas Aufholbedarf bleibt indes gigantisch. Es mangelt an Strom, Treibstoff, Maschinen, Ersatzteilen, Infrastruktur. Fast die Hälfte der Bevölkerung gilt als unterernährt. Weil der Staat versagt, setzt Kim auf begrenzte Privatisierung als Wirtschaftsmotor. Das erfordert auch, der eng kontrollierten Gesellschaft neue Freiheiten einzuräumen, ohne dabei an der Staatsideologie zu rütteln. In der Sowjetunion konnte Chruschtschow Stalin verurteilen, in China kritisierte Deng Mao. Für Kim ist dies unmöglich. Seine Macht beruht auf dem Familienerbe.

Der Dynast, Führer eines Henkerregimes, ist zugleich Nordkoreas beste Hoffnung. Seine Annäherung an die Kriegsfeinde Südkorea und USA markiert eine Zäsur mit Nordkoreas schwieriger Vergangenheit. Als der Jungdiktator im März in Peking auch die Technologiezone Zhongguancun besuchte, schrieb er ins Gästebuch: «Wir können die Mächtigkeit Chinas fassen.»

China hat Kim beeindruckt. Der «sozialistische Wirtschaftsaufbau» ist seine Antwort darauf.

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