Der Attentäter von Nizza war Muslim, er kam aus Tunesien. Klar, dass sofort fieberhaft nach Zusammenhängen mit dem internationalen islamistischen Terror gefahndet wurde und entsprechende Spekulationen die Runde machten. Frankreichs sozialistischer Regierungschef Manuel Valls sagte: «Das ist ein Terrorist, der zweifellos mit dem radikalen Islamismus verbunden war.» Und auch Präsident François Hollande legte sich relativ rasch auf die Terrorismus-These fest. 

Es gibt nur vage Indizien, welche diese Theorie stützen, allen voran das «Bekenntnis» der Terrororganisation «Islamischer Staat» (IS). Diese liess am Samstag über das Internet verbreiten, Mohamed Lahouaiej-Bouhlel sei «ein Soldat» des IS gewesen und habe die Anweisung befolgt, Bürger jener Staaten zu töten, welche Krieg gegen den IS führen.

Das Massaker von Nizza wirkt ausserordentlich primitiv

Vieles spricht jedoch gegen einen islamistischen Hintergrund. Verglichen mit den Attentaten letztes Jahr in Paris und im Frühling in Brüssel wirkt das Massaker von Nizza ausserordentlich primitiv. Die Schlächterei im Nachtlokal «Bataclan», in vielen Strassencafés und vor dem Stade de France mit 119 Toten und mehreren hundert zum Teil schwer Verletzten am 13. November 2015 war eine detailliert geplante Terroroperation mit diversen Akteuren, einem minuziösen Operationsplan und einem beträchtlichen Waffenarsenal. An den Anschlägen in Brüssel am 22. März 2016 gegen den Flughafen und eine U-Bahn-Station mit 33 Toten waren mindestens vier Terroristen beteiligt, von denen sich drei mit Sprengstoffgürteln in die Luft sprengten. Der Täter von Nizza hingegen besass, neben Waffenattrappen, nur den Renault-Lastwagen und eine Handfeuerwaffe von kleinem Kaliber.

Der Attentäter war offenbar kein gläubiger Muslim

Diverse Zeugenaussagen, unter anderem von Angehörigen in der Region Sousse in Tunesien, legen nahe, dass Mohammed Lahouaiej-Bouhlel kein gläubiger Muslim war: Er hielt sich nicht an religiöse Regeln, fastete während des Ramadan nicht, trank Alkohol und nahm Drogen (siehe Artikel unten). Innenminister Bernard Cazeneuve sagte im privaten französischen Fernsehsender TF1, der Mann sei «den Geheimdiensten nicht für Aktivitäten in Verbindung mit dem radikalen Islamismus bekannt» gewesen. Bis zum allfälligen Beweis des Gegenteils ist die Vermutung am plausibelsten, dass Lahouaiej-Bouhlel zwar im Sinn des IS zugeschlagen hat, aber ohne direkte Anweisung.

Dass sich der IS mit Taten brüstet, die nicht in seinem Auftrag und nicht von Islamisten begangen wurden, besagt allerdings gar nichts. Denn sie passen exakt in die Strategie der Terrororganisation ausserhalb «ihres» Territoriums in Syrien, im Irak und in Libyen: Demokratische Gesellschaften sollen destabilisiert, traumatisiert und zu extremen Reaktionen provoziert werden. Mit jedem Anschlag, ob mit den ausgeklügelten von Paris und Brüssel oder dem brutal-primitiven von Nizza scheint diese Strategie neue Früchte zu tragen: Dass Präsident Hollande den Ausnahmezustand nach dem Blutbad vom 14. Juli um drei Monate verlängerte, nachdem er wenige Stunden zuvor dessen Beendigung angekündigt hatte, ist eine nachvollziehbare, wenngleich untaugliche Reaktion. Viel schlimmer sind Entwicklungen wie jene, welche Patrick Calvar befürchtet, der Generaldirektor der französischen Inneren Sicherheit. Bei einer Befragung durch Parlamentarier malte er das Szenario eines Bürgerkriegs an die Wand, in welchem rechtsradikale Trupps gezielt Muslime massakrieren.

Terror erzeugt Angst und kann traumatische Folgen haben. Die Gefahr besteht, dass er, ganz im Sinn der radikalen Islamisten, demokratische Gesellschaften zu Handlungen veranlasst, die mit Demokratie unvereinbar sind. Schon werden in Frankreich Forderungen laut, alle Salafisten zu internieren (den Behörden sind rund 10 000 bekannt). Marine Le Pen, die Chefin des Front National, verspricht ein hartes Durchreifen und spürt Aufwind für die Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr. Und US-Präsidentschaftsanwärter Donald Trump will keine Muslime mehr ins Land lassen.

Man kann den zersetzenden Ideen der Islamisten nur durch Gelassenheit beikommen. Wir vermindern die Terrorgefahr nicht, indem wir in Panik geraten, unsere Institutionen schwächen und der Sicherheit zu viel unserer Freiheit opfern. Und man darf, auch in einem solchen Augenblick, getrost die Proportionen im Auge behalten: 84 getötete Frauen, Kinder, Männer sind eine schreckliche Bilanz; die Bilder aus Nizza wühlen auf; Hass- und Rachegefühle sind verständlich. Doch 2015 gab es in Frankreich 3461 Verkehrstote, ein Jahr zuvor in Belgien 727. Das nehmen wir in Kauf, ebenso, wie wir mindestens auf absehbare Zeit den Terrorismus in Kauf nehmen müssen.

Das heisst natürlich nicht, dass wir nicht in beiden Fällen alle demokratisch legitimierten Massnahmen dagegen ergreifen sollten.

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