Berlin, 13. August 1961

Die geheime Aktion «Rose» beginnt in der Nacht auf Sonntag um 1:00 früh mit dem Verdunkeln der Strassenlaternen. 30000 Sicherheitskräfte der DDR bilden entlang der Grenze zwischen Ost- und Westberlin eine Menschenkette und riegeln so den sowjetischen Sektor von den westlichen Sektoren Berlins ab. Mit einem weissen Pinselstrich wird der Verlauf der Grenze markiert.

Danach werden Barrikaden aus Holz errichtet und Stacheldraht ausgerollt. Vier sowjetische Divisionen haben Berlin umzingelt und schützen so die ostdeutsche Aktion. Um 6 Uhr morgens ist die Grenze geschlossen. Am Morgen sagt ein Polizist ausreisewilligen Ostberlinern an einem Bahnhof zynisch, es würden keine Züge mehr in den Westen fahren. «Es ist vorbei. Ihr sitzt alle in der Mausefalle!»

Die Berlinkrise von 1961 mit der Errichtung der Berliner Mauer ist einer der gefährlichsten Momente im Kalten Krieg. US-Aussenminister Dean Rusk gesteht 1961: «Wenn ich abends einschlafe, versuche ich, nicht an Berlin zu denken.» Sein Kollege im Pentagon, Paul Nitze, glaubt im Rückblick, das Risiko eines Atomkriegs sei während der Berlinkrise grösser gewesen als während der Kubakrise von 1962. Für Sowjetführer Nikita Chruschtschow ist die Enklave mitten im DDR-Territorium hingegen ein «Krebsgeschwür», das entfernt werden muss.

Ost-Berlin, 4. Januar 1961

Der Bau der Berliner Mauer im August 1961 ist aber keine Moskauer Idee, wie lange Zeit vermutet worden ist. Geheime Akten aus Moskau und Ostberlin belegen inzwischen, dass DDR-Führer Walter Ulbricht seit 1952 wiederholt darum gebeten hat, die Berliner Grenze dichtzumachen. Denn es ist nach der Teilung Deutschlands und der Abriegelung der innerdeutschen Grenze das letzte Schlupfloch für Menschen, die aus der DDR flüchten wollen. 1960 reisen so 200000 Ostdeutsche in den Westen aus. Ulbricht will die Berliner Grenzen schliessen. Doch Chruschtschow lehnt immer wieder ab.

Die Entscheidung zum Mauerbau fällt an einer Sitzung des Politbüros der DDR am 4. Januar 1961. Ulbricht macht klar, dass das Flüchtlingsproblem 1961 gelöst werden muss und dass die DDR sich dabei nicht auf Chruschtschow verlassen könne. Sicherheitssekretär Erich Honecker erhält den Auftrag, in einer kleinen Arbeitsgruppe konkrete Geheimpläne zu entwerfen, um den Flüchtlingsstrom «fundamental zu stoppen». Von diesem Moment an wartet Ulbricht auf das grüne Licht für die Grenzschliessung aus Moskau.

Pitsunda, Juli 1961

Chruschtschow zögert. Ulbrichts Plan ist äusserst riskant, denn Berlin ist immer noch eine offene Stadt unter der Kontrolle der vier Siegermächte des Zweiten Weltkriegs. Chruschtschow möchte das Berlinproblem lieber im direkten Gespräch mit dem neuen US-Präsidenten John F. Kennedy lösen.

Erst Anfang Juli entscheidet er sich, Ulbrichts Drängen nachzugeben, und erlaubt ihm den Mauerbau. In seiner Datscha auf der Krim-Halbinsel schaut Chruschtschow einen Stadtplan von Berlin an. Er hält die Grenzsperre für einen logistischen Albtraum. Doch Ulbricht beruhigt ihn: Honecker habe einen Plan erarbeitet, um mit Stacheldraht die Grenze abzuriegeln und später eine Betonmauer hochzuziehen.

Nach dem grünen Licht aus Moskau lässt Honecker sich von Geschäften in Westdeutschland und England tonnenweise Stacheldraht liefern für die 96 Kilometer lange Grenze um Westberlin herum. Am 3. August legen Ulbricht und Chruschtschow in Moskau das Datum für den Mauerbau fest. Chruschtschow ermahnt Ulbricht, die Mauer «keinen Millimeter» auf Westberliner Territorium zu errichten.

Denn die Kennedy-Regierung hat in den letzten Wochen betont, dass sie die westlichen Freiheiten und Rechte in Westberlin mit aller Macht verteidigen werden – notfalls mit der Atombombe. Beim Wiener Gipfel Anfang Juni – bei dem die Fetzen geflogen sind und Kennedy und Chruschtschow entgegen aller diplomatischen Gepflogenheiten einander mit Atomkrieg gedroht haben – und in seiner Berlin-Rede vom 25. Juli 1961 hat Präsident Kennedy immer nur von Westberlin gesprochen und Chruschtschow damit indirekt signalisiert, dass er in Ostberlin machen könne, was er wolle, solange die westlichen Zugangsrechte nach Westberlin unangetastet blieben.

Wieso gibt Chruschtschow Anfang Juli nach langem Zögern doch noch seine Zustimmung zum Mauerbau? Chruschtschow muss sich angesichts von Kennedys Entschlossenheit und der militärischen Stärke der USA von seinem Maximalziel verabschieden, die Amerikaner aus Berlin zu vertreiben. Einen Krieg um Berlin will er angesichts der militärischen Überlegenheit im strategischen Bereich nicht vom Zaun reissen. Die DDR steht aber inzwischen laut sowjetischen Geheimdienstberichten kurz vor dem Zusammenbruch – Chruschtschow willigt deshalb widerwillig in Ulbrichts Mauerbau-Plan ein.

Ost-Berlin, 16. Juni 1961

Die Aktion «Rose» wird in den frühen Morgenstunden des 13. August 1961 perfekt durchgeführt. Die US-Geheimdienste werden komplett überrascht. Dabei hat es schon länger Hinweise auf die Aktion gegeben. US-Botschafter Thompson hat im März 1961 in einem Telegramm aus Moskau gewarnt: «Wir müssen damit rechnen, dass die DDR die Sektorengrenze abschottet, um den Flüchtlingsstrom zu stoppen.» Am 16. Juni hat sich Ulbricht an einer Pressekonferenz gar verplaudert. Auf eine harmlose Frage antwortet er: «Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.» Der US-Geheimdienst CIA bekommt später Fotos von Stacheldraht und Betonblöcken zu Gesicht, glaubt aber, es wäre für Ulbricht «politischer Selbstmord», eine Mauer zu bauen.

West-Berlin, 26. Juni 1963

Die USA reagieren im August 1961 nicht auf die Provokation. Die Mauer stabilisiert die Lage an der Frontlinie des Kalten Krieges. «Eine Mauer ist verdammt viel besser als ein Krieg», soll Kennedy einem Berater gesagt haben. Bei seinem Besuch in Westberlin im Juni 1963 ist Kennedy dann aber sichtlich geschockt vom Anblick der Sperranlagen. In seiner berühmten «Ich bin ein Berliner»-Rede bezeichnet er die Mauer als «abscheulichste und stärkste Demonstration für das Versagen des kommunistischen Systems».

Doch Kennedy, das machen die historischen Akten klar, trägt eine Mitverantwortung am Mauerbau. Er hat im Vorfeld deutliche Signale nach Moskau ausgesandt, dass er auf eine Schliessung der Sektorengrenze nicht militärisch reagieren würde. Als sein Militärkommandant in Berlin, Lucius Clay, die Mauer im Oktober mit Bulldozern und Panzern niederreissen will, pfeift Kennedy ihn scharf zurück. Die Mauer bleibt über 28 Jahre stehen – bis zum 9. November 1989.

Buchtipp Frederick Kempe, Berlin 1961 (Berlin: Siedler, 2011), Fr. 47.90.