Wenn heute Schüler in adretten Uniformen die Gewinnzahlen der traditionellen spanischen Weihnachtslotterie «El Gordo» vorsingen, sitzen nicht wenige Spanier mit einem Los vor dem Fernseher, das sie in Katalonien gekauft haben. Tausende reisen Jahr für Jahr extra an, um ihr Weihnachtslos im Pyrenäenstädtchen Sort zu kaufen. «Sort» ist das katalanische Wort für Glück. In der Woche vor Weihnachten suchen die Spanier das Glück in Katalonien. Dies gilt in diesem Jahr besonders.

Gestern waren rund fünfeinhalb Millionen Bewohner der Region im Nordosten Spaniens an die Urnen gerufen, um die 135 Sitze des katalonischen Regionalparlaments neu zu besetzen. Die Wahlen waren von der Zentralregierung in Madrid angeordnet worden, nachdem sie das katalonische Regionalparlament und die Regierung (Generalitat) wegen einer einseitigen Unabhängigkeitserklärung abgesetzt hatte.

Sie verstiess gegen die Verfassung. Es war der Höhepunkt eines Machtkampfes zwischen Madrid und Barcelona. Madrid liess katalonische Minister und Parlamentarier verhaften. Ein Haftbefehl erging auch gegen den abgesetzten katalanischen Ministerpräsidenten Carles Puigdemont. Der entzog sich der Verhaftung durch eine spektakuläre Flucht nach Brüssel.

Madridtreue gewinnen die Wahl

Aus seinem Exil musste Puigdemont nun mit ansehen, wie seine Erzfeinde die Wahl gewinnen. Gemäss einer gestern um 20 Uhr veröffentlichten Umfrage konnten die Cuidadanos um die Kandidatin Inés Arrimadas 26 Prozent der Wähler für sich gewinnen. Das entspricht bis zu 37 Parlamentssitzen.

Trotzdem muss Puigdemont seine Hoffnung auf eine weitere Amtszeit noch nicht aufgeben. Denn die Separatisten erzielen laut der gleichen Umfrage wieder die absolute Mehrheit. Zwischen 67 und 71 Sitze könnten Parteien der Unabhängigkeitsbewegung erhalten.
Allerdings haben die Linksrepublikaner ERC (22,5%) Puigdemonts Partei «Junts pel Catalunya» (19%) übertrumpft. Zu den letzten Wahlen waren die Parteien noch in einem gemeinsamen Bündnis angetreten.

Die Zahlen beruhen auf einer telefonischen Umfrage bei 3200 Personen. Die Hälfte wurde per Mobiltelefon befragt. Ein offizielles Resultat lag bei Redaktionsschluss noch nicht vor. Bereits fest steht, dass die Katalanen zahlreich in die 2680 Wahllokale strömten.

Die Stimmbeteiligung lag gestern um 18 Uhr um fünf Prozentpunkte über dem Wert der letzten Wahl am 27. September 2015 um die gleiche Zeit. Und dies obwohl diesmal nicht wie sonst üblich an einem Sonntag gewählt wurde. Die Wahllokale waren gestern von 9 Uhr morgens bis 20 Uhr abends geöffnet. Gemäss «La Vanguardia» lag die Stimmbeteiligung bei Urnenschluss bei rekordhohen 80 Prozent.

Puigdemont und die 18-Jährige

Der Gang an die Urne wurde von Politikern aller Lager zur Inszenierung genutzt. Sie lächelten triumphierend in die Kameras und gaben sich siegessicher. Neben den Politikern hatten auch weniger bekannte Bürger ihren Auftritt, etwa ein Wähler, der mit der traditionellen katalanischen Barretina-Mütze auf dem Kopf (siehe Bild oben) an die Urne ging.

Viel Aufmerksamkeit erhielt auch die bisher unbekannte Laura Sancho. Sie durfte mit ihren 18 Jahren zum ersten Mal an einer Wahl teilnehmen, hatte dies aber eigentlich nicht vorgehabt. Vermittelt durch einen Freund entschied sie sich dafür, dem geschassten Präsidenten Puigdemont ihre Stimme zur Verfügung zu stellen. Sie reiste nach Brüssel, wo sie mit Puigdemont auf einem viel beachteten Selfie posierte.

Trotz einer intensiven Auseinandersetzung im Vorfeld – es ging zum Schluss vor allem um politische Propaganda in den Wahllokalen – kam es im Verlauf des Wahltages zu keinen Zwischenfällen, wie ein Sprecher der mittlerweile von Madrid gesteuerten Regionalbehörde an einer Pressekonferenz sagte.

Die ersten Resultate aus Katalonien zeigen eine gespaltene Region. In einem TV-Interview warnte Màrius Carol, Chefredaktor der Zeitung «La Vanguardia» aus Barcelona, die Separatisten davor, ihre Mehrheit wieder dazu zu nutzen, die Abspaltung der Region voranzutreiben.

Vertreter der Separatisten werteten die Resultate als Erfolg und betonten, dass ihre Kampagne wegen der Inhaftierung beziehungsweise Flucht ihrer Kandidaten erschwert worden war. Mit Wahlen ist es wie mit der Weihnachtslotterie. Am Schluss geht es um Zahlen. Für die einen bedeuten sie Sieg, für die anderen Niederlage.