Die Schusswunden der acht zum Teil schwer verletzten Migranten waren von den Ärzten kaum versorgt worden, da erklärte die neofaschistische Organisation «Forza Nuova» bereits, dass sie die Anwaltskosten für den Täter übernehmen werde. «Wir stehen auf der Seite von Luca Traini, dem jungen Mann, der gerade festgenommen worden ist», hiess es in einem Communiqué.

«Das ist es, was passiert, wenn sich die Bürgerinnen und Bürger verraten fühlen, wenn die Bevölkerung in ständiger Angst vor den illegalen Immigranten lebt und der Staat einzig daran denkt, die Patrioten zu unterdrücken und die Interessen der Einwanderer zu verteidigen.»

In zahlreichen Posts in sozialen Medien wird der 28-jährige Rechtsradikale seither geradezu zum Helden stilisiert. «Das ist der Beginn, sich nicht mehr minderwertig zu fühlen», schrieb etwa die Gruppe «Faschisten des Dritten Jahrtausends».

Jeder von ihnen, hiess es weiter, hätte dasselbe getan. Einige noch radikalere Gruppen riefen unverblümt dazu auf, «den Immigranten ins Gesicht zu schiessen und sie zu töten». Die meisten Einträge erfolgen dabei unter vollem Namen. Viele Posts enden mit dem Aufruf, bei den Parlamentswahlen vom 4. März «Forza Nuova» oder der ebenfalls rechtsradikalen Gruppe «Casa Pound» die Stimme zu geben.

Die grosse Basis des Hasses

Traini hatte am Samstag in der 42 000 Einwohner zählenden Kleinstadt Macerata in der Region Marken von seinem fahrenden Auto aus regelrecht Jagd auf dunkelhäutige Menschen gemacht; total hat er dabei aus seiner 9-Millimeter-Pistole 30 Schüsse abgegeben. Nach zwei Stunden fuhr er zu einem Denkmal für gefallene Soldaten, wickelte eine italienische Nationalflagge um die Schultern, reckte die Hand zum Faschistengruss und schrie «Viva l’Italia» und «Italien den Italienern!».

Dann liess er sich von der Polizei widerstandslos abführen. In seiner Wohnung fanden die Carabinieri später ein Exemplar von Hitlers «Mein Kampf» und andere Nazi-Devotionalien. Traini hatte vor einem Jahr bei Kommunalwahlen für die fremdenfeindliche Lega kandidiert, aber keine Stimmen geholt.

Der glattrasierte Täter ist geständig und bereut nichts. Er habe den Tod eines 18-jährigen drogenabhängigen Mädchens rächen wollen, für dessen Tod zunächst ein nigerianischer Flüchtling verantwortlich gemacht worden war, sagte er zur Polizei. Inzwischen hat der zuständige Untersuchungsrichter erklärt, es gebe «keine Beweise für eine Täterschaft des Nigerianers». Offenbar hatte er aber die junge Frau, die möglicherweise an einer Überdosis gestorben ist, mit Drogen versorgt.

Der Versuch, die Opfer vom Samstag zu Tätern und den Täter zum eigentlichen Opfer zu machen, beschränkt sich jedoch nicht auf die rechtsradikale Szene. Zwar verurteilten sowohl Ex-Premier Silvio Berlusconi als auch Lega-Chef Matteo Salvini die Gewalttat. Um dann praktisch im gleichen Atemzug die Migranten für die Terrorfahrt Trainis verantwortlich zu machen: Berlusconi bezeichnete die (angeblich) 600'000 Migranten, die unter der Regierung der «Linken» ins Land gekommen seien, als «soziale Bombe», da sie «bereit sind, Straftaten zu begehen».

Salvini wiederum hat die Zahl der sich illegal im Land aufhaltenden Migranten gleich noch um 200'000 erhöht: «Die Italiener sind keine Rassisten. Das Problem sind die 800 000 Migranten, welche die letzten Regierungen ins Land geholt haben.» In einem von ihm, Salvini, regierten Italien «würde jeder, der keine Aufenthaltsbewilligung hat oder von Drogenhandel lebt, umgehend zurückspediert».

Etwas verdeckter machte der Spitzenkandidat von Beppe Grillos Protestbewegung, Luigi Di Maio, Stimmung: Er bezeichnete Berlusconi des «Landesverrats», weil auch unter dessen Regierung schon unzählige Migranten nach Italien gekommen seien.

Das Rechtsbündnis von Berlusconis Partei Forza Italia, Salvinis Lega und der rechtsnationalen Kleinpartei «Brüder Italiens» führt in den Umfragen für die Parlamentswahlen, kommt aber bisher nicht auf eine regierungsfähige Mehrheit. Die «Grillini» sind zwar grösste Einzelpartei, liegen aber hinter Berlusconis Rechtsbündnis auf Platz zwei.

Die Immigration war in Italien von Beginn weg ein Wahlkampf-Thema gewesen – das konnte auch nicht anders sein in einem Land, wo seit der Schliessung der Balkanroute wieder die meisten Bootsflüchtlinge ankommen. Doch die Schiesserei in Macerata hat der Diskussion eine bisher ungeahnte Gehässigkeit verliehen. Angesichts der Welle der Solidarität für den Täter hat inzwischen sogar der Anwalt von Traini von einem «alarmierenden Signal» gesprochen. «Luca ist nur die Spitze eines Eisberges – der Hass hat offenbar eine sehr viel grössere Basis.»