Wie keine andere italienische Mafia zeichne sich die kalabresische ’Ndrangheta durch ihren «Hang zur Internationalisierung» aus, heisst es im neuen Jahresbericht der italienischen Direzione Nazionale Anti-Mafia (nationale Anti-Mafia-Direktion, DNA), der vor wenigen Tagen in Rom vorgestellt wurde. «Die ’Ndrangheta hat im Ausland Strukturen aufgebaut, welche die für Kalabrien typischen ‹locali› imitieren; mit ihren lokalen Zellen ist es der Organisation gelungen, einige Länder regelrecht zu kolonialisieren.»

Besonders durchdrungen von der ’Ndrangheta seien die Schweiz und Deutschland, betont die DNA. Aber auch in Holland haben sich die kalabresischen Clans eingerichtet.

Dass sich die Mafia und damit auch die ’Ndrangheta in der Schweiz eingenistet hat, ist an sich nicht neu – und auch nicht weiter verwunderlich. Die Schweiz werde von den Clans «wegen ihrer Wirtschaft und ihrem Finanzplatz, ebenso wegen ihrer Infrastruktur besonders geschätzt», hatte die Bundesanwaltschaft schon vor einigen Jahren gewarnt.

Wie in einem Pate-Film: Geheimes Treffen der Mafia in Frauenfeld im Sommer 2014.

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Die Schweiz sei eine Art «logistische Plattform», wo man Geld waschen könne, und zwar nicht nur via Banken und Treuhänder, sondern auch mit Investitionen in Immobilien.

Schon vor knapp 30 Jahren hatte der im Jahr 1992 von der Cosa Nostra ermordete sizilianische Antimafia-Richter Giovanni Falcone seine Schweizer Amtskollegen gewarnt, dass nach den Mafia-Geldern auch die Mafiosi selber ins Land kämen.

Die Entscheide fallen in Kalabrien

Die ’Ndrangheta-Zellen im Ausland geniessen bei ihren illegalen Aktivitäten zwar eine gewisse Autonomie. Die wichtigen Entscheide werden aber alle von den «Mutter-Clans» in Kalabrien gefällt.

Das Hauptbetätigungsfeld der Ausland-Ableger besteht im Drogenhandel. Auch Waffenschiebereien und Geldwäsche gehören zum traditionellen Business. Aber wie etwa das Beispiel Holland zeigt, unterwandern die ’Ndrangheta-Zellen auch immer mehr die legale Wirtschaft.

Besonders anfällig sind laut den Erkenntnissen der italienischen Ermittler der Immobiliensektor sowie Finanzdienstleistungen. «Es handelt sich um eine leise, heimliche Infiltration, die oft auch über unverdächtige Strohmänner erfolgt», betont der Bericht.

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Die straff organisierte ’Ndrangheta ist in den letzten Jahren zur gefährlichsten und internationalsten Mafia Italiens aufgestiegen. Die wichtigste Einnahmequelle bildet der Drogenhandel und dabei insbesondere der Handel mit Kokain: Laut dem DNA-Bericht haben die kalabresischen Clans in den letzten Jahren stabile Handelsbeziehungen zu den Kokain-Kartellen in Süd- und Mittelamerika aufgebaut.

Dank der zuverlässigen Lieferungen kontrolliere die ’Ndrangheta fast den gesamten europäischen Kokain-Markt. Selbst die Cosa Nostra und die Camorra sowie zahlreiche US-Drogensyndikate bezögen das Kokain inzwischen von den Kalabresen.

Brutaler als die Camorra

Trotz der Internationalisierung haben die Clans an ihren archaischen Riten festgehalten. Dazu gehören merkwürdig anmutende Ehrenkodexe und Treueschwüre gegenüber den mächtigen Familien-Paten.

Zumindest in der kalabresischen Heimat zeichnet sich die ’Ndrangheta aber auch durch eine Brutalität aus, die selbst in der neapolitanischen Camorra oder der sizilianischen Cosa Nostra ihresgleichen sucht. So haben ehemalige Clan-Mitglieder, die mit der Polizei zusammenarbeiten, berichtet, dass bestimmte Familien «Verräter» nackt und gefesselt halb verhungerten Schweinen zum Frass vorwerfen.

Die ’Ndrangheta schreckt auch nicht davor zurück, Kinder zu töten oder unbotmässige Priester oder Politiker niederzuschiessen. Auch Frauen werden nicht verschont – so erlebt Italien immer wieder Fälle, in denen vermeintlich untreuen Ehefrauen mit Salzsäure das Gesicht entstellt wird.

Im Ausland die netten Nachbarn

Im Ausland dagegen sind die Clans darauf bedacht, so wenig Aufsehen wie möglich zu erregen. Das Blutbad vom August 2007, bei dem Killer der ’Ndrangheta in Duisburg sechs Mitglieder eines rivalisierenden Clans erschossen hatten, gilt bis heute als krasse Ausnahme, welche die Regel bestätigt.

Gewöhnlich tarnen sich die ausgewanderten kalabresischen Mafiosi mit einer gutbürgerlichen Fassade: Sie treten als unauffällige Geschäftsleute mit Anzug und Krawatte auf, als Kleinunternehmer, Taxifahrer oder Pizzabäcker. Sie sind die sprichwörtlichen netten Nachbarn von nebenan.