Gemässigte aller Länder – eigentlich vor allem aber Deutsche – werden nicht müde, die Auflösung der «Zwangsgemeinschaft des Euro» und seine «Rückabwicklung» zu fordern. In Zeiten der Krise rücken die Leute enger zusammen, könnte man sagen, und einigen sich auf einen Sündenbock, der an allem schuld ist. Und da bieten sich halt die EU und die Eurokraten in Brüssel optimal an.

Schlecht gemanagte Aussenpolitik

Spontan fallen einem da zwei Buchtitel ein. «The Great Illusion», 1910 erschienen, aus der Feder des britischen Publizisten Norman Angell. Kernthema war, dass in einer Welt der Vernetzung und der Globalisierung, wie sie Angell vor dem Ersten Weltkrieg antraf, militärische Macht nicht mehr von grossem Nutzen sei. Denn ihm schien es offensichtlich, dass ein Krieg auch dem Sieger nicht mehr Vorteile bieten würde als ein Frieden. Die 1914 handelnde oder eben passive Politik hat sich – wie wir wissen – diesem Gedanken nicht geöffnet. Die Welt war militaristisch eingestellt damals, ohne Zweifel. Trotzdem war der Erste Weltkrieg auch eine Folge von schlecht gemanagter Aussenpolitik, verantwortet von inkompetenten und überforderten Politikern.

Und das führt zum zweiten Titel. «Die Torheit der Regierenden», 1984 publiziert von der amerikanischen Historikerin Barbara Tuchman. Neben dem Trojanischen Pferd ist natürlich auch der Erste Weltkrieg ein Musterbeispiel für die im Titel angedeutete These.

Heute ist die Demokratie die bevorzugte Regierungsform in Europa. Alle Bürger sind eigentlich Regierende und einige von ihnen sind für Torheit ziemlich anfällig. Vor allem, wenn es Politiker gibt, die ihr «Wir-zuerst!»-Gefühl noch bestärken.

Man pflegt den Stil derer, die jetzt auf der Anti-EU-Welle reiten, «populistisch» zu nennen. Ob man das Volk griechisch als «demos» betitelt oder lateinisch als «populus», was soll daran falsch sein, im Namen des Volkes zu politisieren?

Schwäbische Hausfrau als Vorbild

Den Zorn des Volkes erregt hat in Ausser-Deutschland die von Merkel vehement betriebene Austeritätspolitik. Nach dem Vorbild der «schwäbischen Hausfrau» fordert sie von den Staaten Europas, sich durch hartes Sparen aus den Schulden herauszuwinden. Sie – und ihr Partner Nicolas Sarkozy – nennen das «Stabilitätspolitik» und zwingen die Länder in den Fiskalpakt, um Defizite und Verschuldung zu bremsen.

Absicht und Zweck des Projekts sind a) Druck auf schlecht regierte Länder auszuüben, Reformen durchzuführen und eine solidere Budgetpolitik zu betreiben; und b) die Finanzmärkte zu beruhigen, damit die Zinsen für Staatskredite nicht so hoch steigen, dass Staaten bankrottgehen oder eben gerettet werden müssen. Plan a) ist auf den ersten Blick vernünftig. Da gibt es in den Ländern des Südens allenthalben Potenzial. Plan b) haben die Finanzmärkte auch aufgenommen. Sie bestrafen Abweichungen von der harten Linie postwendend.

Das Problem ist, dass das Rezept der schwäbischen Hausfrau in der Reichweite begrenzt ist. Der Vergleich mit der Weimarer Republik und der Sparpolitik des unglücklichen SPD-Kanzlers Brüning liegt auf der Hand. Auch damals, in den frühen 30er-Jahren wurde die Demokratie fragwürdigen Prinzipien geopfert und der Staat den Rechten überlassen. Merkels Fiskalpakt wird keine Prosperität bringen, ist kurzfristige Pflästerlipolitik und als Konstrukt höchst fragwürdig. Er wird das Problem nicht lösen.

Hier liegt auch ein Ansatzpunkt zu einem Definitionsversuch. «Populistisch» heisst eine Politik, die darauf zielt, sich an der Macht zu halten oder dorthin zu gelangen. Bei Hollands Wilders ist das offensichtlich, bei Sarkozys letzten Winkelzügen auch. Das Problem löst man damit nicht, man verschärft es mutwillig.

Von Norman Angell kann man lernen, dass die mutwillige Zerstörung und Auflösung übergeordneter Strukturen (nicht Abspaltung, das hat es immer gegeben) vielleicht nicht gerade unbedingt in die Katastrophe, mindestens aber in nur sehr schwer zu bändigende Problemsituationen führt. Und das wäre ein Europa der Völker und der Währungen zweifellos. Viele Politiker mögen anfällig sein für Torheit, andere sind aber gefährliche mutwillige Brandstifter.