Nahost

Nach Trumps Atomdeal-Ausstieg: Der Iran taumelt zwischen Wut und Verunsicherung

Zwei Iranerinnen in Teheran. Im Hintergrund: Ayatollah Khomeini.

Zwei Iranerinnen in Teheran. Im Hintergrund: Ayatollah Khomeini.

Nach Donald Trumps Ausstieg aus dem Atomdeal triumphieren die Hardliner im Iran. Die Bevölkerung ist wütend und fürchtet einen neuen Krieg.

Seit dem Ende des von Saddam Hussein gestarteten achtjährigen Kriegs mit dem Irak (1980–1988) sei es klar gewesen, dass die USA versuchen würden, die Islamische Republik mit anderen Mitteln zu bekämpfen. So echauffierte sich der stellvertretende Kommandant der iranischen Revolutionsgardisten, Hossein Salami, in der Nacht zum Mittwoch.

Dazu gehörte auch das Atomabkommen, welches von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen sei. Gemeinsam mit anderen Hardlinern sieht sich Salami «in der konsequenten Ablehnung des schändlichen Deals» bestätigt, den Staatspräsident Hassan Rohani «gegen den Willen des Volkes» geschlossen habe. Zu Beunruhigung bestünde jedoch kein Anlass, da man sich auch «auf die gefährlichsten aller Szenarien» hervorragend vorbereitet habe.

«Frei erfundene Unterstellung»

Ein Krieg mit Israel steht offenbar nicht auf der iranischen Agenda. Mit zwölfstündiger Verspätung dementierte das Teheraner Aussenministerium am Donnerstagabend eine iranische Beteiligung an den von Israel gemeldeten Raketenangriffen auf den Golanhöhen. Es handle sich dabei um «frei erfundene Unterstellungen», um Angriffe auf syrische Stellungen zu rechtfertigen.

Auch Berichte über iranische Militärstellungen in Syrien wurden in der iranischen Hauptstadt als «Propagandalüge» zurückgewiesen. In dem Bürgerkriegsland seien lediglich «Militärberater» stationiert. Sie koordinieren die Aktivitäten der libanesischen Hisbollah, die nach ihrem Sieg bei den Parlamentswahlen im Libanon am letzten Wochenende ebenfalls kein Interesse an einem Krieg mit Israel haben dürfte.

Trotz Wut und spürbarer Verunsicherung sehen die iranischen Hardliner offenbar keine Notwendigkeit zu überstürzten Reaktionen. Nach der internationalen Empörung über den amerikanischen Alleingang glauben sie, die Zeit auf ihrer Seite zu haben. Fast schon gönnerhaft will man Staatspräsident Rohani den notwendigen Handlungsspielraum geben, um gemeinsam mit den Europäern den «schlechten Deal» mit dem Westen doch noch zu retten.

Die Hoffnung aufgegeben

Ob eine von Hassan Rohani angekündigte konstruktive Zusammenarbeit mit den Befürwortern der Abkommen zu «einer Win-win-Situation für alle» führen wird, will freilich selbst der iranische Staatspräsident nicht garantieren. Falls sich die ohnehin spärlichen Gegenleistungen jedoch weiter vermindern sollten, gebe es keinen Grund, an dem Abkommen noch festzuhalten, warnte auch der iranische Architekt des Atomabkommens, Mohammed Dschawad Zarif.

Der grösste Teil der iranischen Bevölkerung hat die Hoffnung auf eine Umsetzung des Atomabkommens bereits aufgegeben. Voller Euphorie hatte sie auf die mit dem Deal angeblich verknüpften Aufschwungsversprechen des iranischen Staatspräsidenten Rohani gesetzt, den liberalen Geistlichen in der Hoffnung auf ein besseres Leben das Vertrauen geschenkt.

Trump oder Rohani schuld?

Nach Trumps Ausstieg stünde man nun endgültig vor einem «Scherbenhaufen», betont Alireza im Basar der zentraliranischen Grossstadt Yasd. Er wisse noch nicht, gesteht der arbeitslose Computerfachmann, ob er «nun Trump oder Rohani die Schuld für unser Elend» geben soll. Rohani habe sicherlich «sein Bestes gegeben», erklärt Feresched, die im sechsten Semester Biologie studiert und von Reisen nach Amerika träumt.

«Ganz realistisch betrachtet, müssen wir aber feststellen, dass unsere Regierung gescheitert ist», analysiert die junge Frau mit leiser Stimme. Trump, fügt sie flüsternd hinzu, habe in seiner «abartigen Rede» nicht nur den Atomdeal «beerdigt». Der US-Präsident wolle auch das Regime in Teheran loswerden. Iran müsse daher «neue Wege» finden.

Wütend auf Trump: An einer Demo in Teheran wird sein Bild verbrannt.

Wütend auf Trump: An einer Demo in Teheran wird sein Bild verbrannt.

«Ein Weiter-so-wie-bisher», glaubt auch Mohammed Amidpour, der in Jasd als Zahnarzt arbeitet, «kann es jetzt nicht mehr geben.» So wie Mohammed denken viele im Iran. Die Strategiediskussionen in Teheran und Europa nach der als «Kriegserklärung» empfundenen Brandrede des US-Präsidenten lassen sie kalt. «Europa», befürchtet die Biologie-Studentin Feresched, «wird sich trotz all seiner guten Absichtserklärungen gegen die USA nicht durchsetzen können.» Am Ende werde der Deal scheitern – mit verheerenden Folgen für die gesamte Region.

Abrüstung kommt nicht infrage

An den Laternenmasten entlang der Stadtautobahnen von Jasd wurden dieser Tage die Bilder der blutjungen Märtyrer aufgehängt, die im Krieg gegen den Irak gefallen sind. Weit mehr als 1000 waren es allein in Jasd. Ihr Blut, verheissen allgegenwärtige Parolen, sei nicht umsonst geflossen. Genau 30 Jahre sind seither vergangen.

Die Islamische Republik Iran, unterstreichen Hardliner wie der Revolutionsgardistenkommandant Hossein Salami, habe den Krieg gegen den Irak «siegreich» beendet, obwohl fast die ganze Welt Saddam Hussein unterstützte. Der 2003 von den USA gestürzte irakische Diktator hatte damals fast alle iranischen Grossstädte mit Langstreckenraketen bombardieren lassen. Tausende von Zivilisten kamen ums Leben. Die von den USA geforderte Abrüstung ballistischer Lenkwaffen, welche in den letzten 20 Jahren entwickelt wurde, kommt für den Iran daher nicht infrage.

«Im Namen der iranischen Nation sage ich Ihnen, Herr Trump, dass Sie einen verdammten Fehler gemacht haben», kommentierte inzwischen auch Irans Revolutionsführer Ali Khamenei die Aufkündigung des Atomabkommens. Der Geistliche verlangte von Europa «belastbare Garantien» für den Fortbestand des Vertrages. Erhalte man diese nicht, dann sei es klar, dass «wir nicht mehr so weitermachen können wie bisher», warnte Khamenei.

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