Salat und Tomaten sind in den Läden und auf den Märkten von Rio de Janeiro wieder zu bekommen. Nachdem sie in den Regalen zuletzt gefehlt haben, wurden an diesem Wochenende sogar zwei Salatköpfe zum Preis von einem verkauft. Autos und Busse verkehren fast wie gewohnt auf den Strassen. Aber auch der Schrecken darüber, an welch dünnem Faden die Versorgung der Millionenstadt, ja des Landes mit kontinentalen Ausmassen hängt, ist noch allgegenwärtig.

Treibstoffe, Lebensmittel und Medikamente haben wegen des Streiks der Lastwagenfahrer in Brasilien angefangen zu fehlen, Operationen fielen aus, Schulen und Universitäten blieben geschlossen, Menschen kamen nicht zur Arbeit. Die brasilianische Regierung erklärte den Streik an diesem Samstag nach mehr als zehn Tagen für beendet. Aber der Preis dafür ist hoch; die Folgen für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft werden teilweise erst sichtbar. Sie sind bisweilen verheerend.

Die Produktion in Fabriken stand still, Farmen konnten ihre Produkte nicht abtransportieren. Transport und Logistik in Brasilien, das mehr als 200 Mal grösser als die Schweiz ist, hängen allein von der Strasse ab. Die Wirtschaft befindet sich ohnehin im Tiefflug; die Landwirtschaft, einer der grössten Lieferanten für den Weltmarkt, hat dazu beigetragen, dass es nicht noch weiter nach unten ging. Nun könnten Aussichten und Vertrauen sinken.

Der Streik der Lastwagenfahrer, der Brasilien lahmlegte, wurde von der Agroindustrie unterstützt. Diese ist an niedrigen Transportkosten interessiert. Die unabhängigen Trucker, denen sich die grossen Transportunternehmen anschlossen, protestierten gegen die hohen Treibstoffpreise; sie klagen, dass diese in einem Monat zehnmal gestiegen seien und den höchsten Stand seit Mitte des vergangenen Jahres erreicht hätten.

Sozialausgaben gekürzt

Der halbstaatliche brasilianische Ölkonzern Petrobras hatte Anfang 2017 auch die Politik der festgesetzten Preise wie zu Zeiten der Präsidentin Dilma Rousseff von dem linksgerichteten «Partido dos Trabalhadores» (PT, Arbeiterpartei) geändert – und die Kraftstoffpreise freigegeben. Nun garantierte angesichts des Drucks von der Strasse auch die Regierung des Präsidenten Michel Temer vom rechtskonservativen «Partido da Social Democracia Brasileira» (PSDB, Partei der Brasilianischen Sozialdemokratie), die Preise zu senken und vorübergehend festzulegen.

Das führte zum einen dazu, dass die Petrobras-Aktie an Wert verlor und der Real gegenüber dem Dollar weiter nachgab. Pedro Parente, der den von Korruption erschütterten Konzern in den vergangenen zwei Jahren geführt hatte, bot seinen Rücktritt an. Zum anderen kürzte die Regierung Exporthilfen und Sozialausgaben, um die Subventionen zu finanzieren. So verstärkt der Streik das politische Chaos und die wirtschaftliche Krise in Brasilien.

Versuchte Präsident Temer zunächst, den Streik auszusitzen, ist er dazu übergegangen, sich durchzumanövrieren. Eine diffuse generelle Unzufriedenheit, die sich in Rio de Janeiro am vorvergangenen Sonntag auch mit panelaços, dem Schlagen auf Töpfe und Pfannen, während Temers Fernsehansprache ausdrückte, wächst weiter an. Im Netz kursierten Nachrichten, dass die Lastwagenfahrer von diesem Montag an erneut streiken wollten.

Von vergangenen Mittwoch an haben vorübergehend auch die Erdölarbeiter gestreikt, was Raffinerien in den Bundesstaaten São Paulo, Minas Gerais, Paraná, Rio Grande do Sul, Amazonas und Pernambuco betraf. Die Erdölarbeiter widmeten ihren Streik offiziell den Lastwagenfahrern. Aber der Politologe Clóvis Brigagão, Direktor des Zentrums für Amerikastudien an der «Universidade Candido Mendes» in Rio de Janeiro, sagt auch: «Das ist wie ein grosses Schachspiel.» In Brasilien stehen im kommenden Oktober Präsidentschaftswahlen an, «da versucht jeder, sich in Position zu bringen».

Militärintervention gefordert

Unter die Streikenden haben sich nach und nach Demonstrierende in kanariengelben Trikots gemischt, die die Ablösung des rechtskonservativen Präsidenten Michel Temer beziehungsweise eine Intervention des Militärs forderten. Hinter dem Ruf nach einer Militärintervention mag der Wunsch einer absteigenden Gesellschaft nach Ordnung stecken. Aber vor allem spielt sie dem ultrakonservativen – manche sagen auch faschistischen – Präsidentschaftskandidaten Jair Bolsonaro in die Hände. Er spornte die Streikenden an, kritisierte die Preise von Petrobras, aber auch die Strassenblockaden, ihm zufolge aufgeblasen von infiltrierten «Petistas», Mitgliedern des linksgerichteten PT, der Arbeiterpartei.