Frankreich

Nach Polizistenmord: Der Täter gestand seine Tat auf Facebook

Polizisten sperren den Tatort in Mantes-la-Jolie ab.

Polizisten sperren den Tatort in Mantes-la-Jolie ab.

Nach dem tödlichen Angriff auf einen Polizisten und seine Ehefrau berichtete der Polizistenmörder live bei Facebook von seiner Tat und rief zu Anschlägen auf die Fussball-EM auf.

Larossi Abballa war ein 25-jähriger Sandwich-Verträger aus dem Banlieue-Ort Mantes-la-Jolie. Am Montagabend nahm er aber nur ein Messer mit, als er ein benachbartes Einfamilienhausquartier aufsuchte. Er stach einen 42-jährigen Kommissar vor dessen Wohnhaus nieder und nahm dann dessen 36-jährige Gattin und ihren dreijährigen Sohn als Geisel.

Am Telefon erklärte er der Polizei, er folge einem IS-Aufruf, während des Fastenmonats Ramadan Ungläubige zu ermorden. «Wir machen aus der EM einen Friedhof», soll er weiter erklärt haben, um darauf den Kontakt abzubrechen. Gegen 21 Uhr berichtete Abballa in einem 12-minütigen Video live auf Facebook, dass er die beiden Vertreter des französischen Staates getötet habe. Im Hintergrund war das Kleinkind zu sehen. «Was ich mit ihm tue, weiss ich noch nicht», sagte der Täter, der zuvor auch die Frau mit dem Messer umgebracht hatte.

Gegen Mitternacht stürmte die Einsatzpolizei Raid das Haus. Sie erschoss den Täter und fand den Dreijährigen in «Schockstarre», wie Staatsanwalt François Molins gestern Dienstag an einer Pressekonferenz sagte. Die Terrormiliz IS bekannte sich nur Stunden nach der Tat über ihre Propagandaagentur Amak zu dem Anschlag. Sie bezeichnete Abballa als einen ihrer «Kämpfer». Präsident François Hollande sprach seinerseits von einem «Terroranschlag».

Er war der Polizei bekannt

Die Polizei nahm in der Folge drei Bekannte des Attentäters fest, allerdings ohne Hinweise auf die Existenz einer Terrorbande zu finden. In der Nähe des Tatortes fand sie einen Koran und in Abballas Wohnung ein blutiges Messer. Ausserden stellte die Polizei auch eine Liste möglicher Terroropfer – Polizisten, Gefängniswärter, Journalisten und Rap-Musikern – sicher.

Viel zu reden gibt, dass Abballa der Polizei seit Jahren als Radikalislamist bekannt war. Der Kleinkriminelle hatte auch eine Reise nach Pakistan geplant. 2013 war er mit anderen zu einer dreijährigen Haftstrafe wegen Beteiligung an der Rekrutierung von Dschihadisten verurteilt worden. Auch nach seiner Freilassung wurde Abballa überwacht, sein Telefon monatelang abgehört.

War Abballa den Ermittlern durch die Maschen gegangen? Die meisten Experten verneinen: Der Sohn marokkanischer Immigranten sei «einer von Tausenden» in der französischen Radikalen-Kartei, sagt der Forscher François-Bernard Huyghe vom Pariser Strategie-Institut Iris. Sie alle zu überwachen, sei schlicht unmöglich. Offensichtlich habe Abballa in seinem Viertel sehr unauffällig gelebt, ohne einen Salafistenbart oder eine Dschellaba zu tragen oder radikale Moscheen zu besuchen. Ein Bekannter meinte: «Larossi lächelte immer, sogar dann, wenn er wütend war.» Auf seiner mittlerweile gelöschten Facebook-Seite beklagte sich der Sandwich-Verkäufer höchstens einmal über unhöfliche Kunden, wenn er ihnen das Nachtessen lieferte.

Ungeklärt ist die Rolle des IS. Im Unterschied zu früheren Attacken scheint die Miliz die Terroranschläge in Orlando und nun in Mantes-la-Jolie nicht selber organisiert und ferngesteuert zu haben. Hingegen wirkten sich ihre militärischen Rückschläge in Syrien aus. «Ein IS-Sprecher hat alle Soldaten seines Kalifates und damit seine Sympathisanten kurz vor Beginn des Ramadan aufgerufen, namentlich in den USA, in Frankreich und in England Attentate zu verüben», erklärte der französische Islamismus-Spezialist Mathieu Guidère. «Orlando war der Startschuss zu einer neuen Anschlagsserie. Wir müssen uns leider auf das Schlimmste gefasst machen.»

Das Täterprofil ist ähnlich

Auch der französische Philosoph Pascal Bruckner schrieb am Dienstag in einem Zeitungsbeitrag: «Wir geraten in eine Routine des Abscheulichen.» Das war eigentlich auf die Vorfälle in Florida gemünzt, liess sich aber wegen der Vorfälle in der Nacht gleich auf den Doppelmord in Mantes-la-Jolie anwenden. Gewiss: Die Opferzahl ist geringer als bei den Anschlägen in Paris, Brüssel oder Orlando. Das unscheinbare Täterprofil entspricht aber demjenigen von zahllosen französischen Möchtegern- oder zurückgekehrte Dschihadisten.

Die Behörden reagieren relativ ratlos. Der sozialistische Premierminister Manuel Valls erklärte zum wiederholten Mal, Frankreich befinde sich «im Krieg gegen den Terrorismus». Oppositionschef Nicolas Sarkozy verlangte eine «umgehende» Erhöhung des Sicherheitsniveaus – obwohl der Plan Vigipirate im aktuellen Ausnahmezustand schon auf seiner höchsten Alarmstufe angelangt ist.

Frankreich ist ohnehin gebeutelt: Gestern gingen in 50 Städten wieder Zehntausende Gegner der geplanten Arbeitsreform auf die Strasse. In Paris kam es zu schweren Krawallen und Randale. Bei der Staatsbahn SNCF und bei Air France wird weiterhin gestreikt. Zugleich lancierte die Justiz eine Aktion, um gewalttätige russische Fussballfans zu verhaften und des Landes verweisen. Es ist nicht zu bestreiten: Die Fussball-EM macht vorerst mehr Schlagzeilen abseits des Spielfeldes.

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