Wahlen

Nach der Schockstarre: Frankreich macht Front gegen die Frontisten

Marine Le Pen, Präsidentin des Front National, lässt sich von Anhängern feiern (Archiv).

Marine Le Pen, Präsidentin des Front National, lässt sich von Anhängern feiern (Archiv).

Die etablierten Parteien versuchen, den Vormarsch des Front National im letzten Moment zu stoppen. Dies tun sie mit unkonventionellen Allianzen zwischen Sozialisten und Bürgerlichen. Aber nicht überall klappt der republikanische Schulterschluss.

Der Schock sitzt tief, die Reaktion liess auf sich warten. Erst drei Tage nach dem ersten Durchgang der Gemeindewahlen, bei dem der rechtsextreme Front National (FN) von Marine Le Pen ortsweise über 50 Prozent der Stimmen erhalten hatte, suchen die etablierten Parteien den Rückschlag zu parieren. In den Pariser Hauptquartieren wird darüber debattiert, wie die «Frontisten» am kommenden Sonntag am Einzug in mehrere Rathäuser gehindert werden können.

Die Sozialisten versuchen, der Gefahr von rechts mit einer «republikanischen Front» zu begegnen: Sie ziehen im Camargue-Ort Saint-Gilles ihren Kandidaten zurück, damit der bürgerliche Bewerber gegen den mit 42 Prozent bestplatzierten FN-Favoriten Gilbert Collard eine Chance hat. Dass die Linke zur Wahl der konservativen Union für eine Volksbewegung (UMP) aufruft, sorgt an der sozialistischen Basis vielenorts für Zähneknirschen.

In Béziers weigern sich die lokalen Sozialisten rundweg, der Vorgabe aus Paris Folge zu leisten und sich zurückzuziehen, um den Sieg des inoffiziellen FN-Kandidaten Robert Ménard zu verhindern.

Die Bürgerlichen verweigern allerdings jeden Schulterschluss der republikanischen Kräfte gegen die Nationale Front. UMP-Vorsteher Jean-François Copé hat die Weder-noch-Parole («ni ni») herausgegeben: Weder ein lokaler Rückzug zugunsten der Sozialisten noch zugunsten des FN. Das erhöht die Wahlchancen der Rechtspopulisten indirekt.

Sichtbar ist das in Avignon, der ehemaligen Papststadt mit 90 000 Einwohnern und einem reichhaltigen touristischen Angebot. Sein international renommiertes Theaterfestival ist nun gefährdet. Dessen Vorsteher, der bekannte Dramaturg Olivier Py, will auf keinen Fall mit einem FN-Bürgermeister zusammenarbeiten; lieber werde er das Festival an einen anderen Ort verlegen, erklärte er. Konservative Lokalpolitiker entgegnen, solche Widerstandsappelle seien höchstens kontraproduktiv; der FN-Erfolg sei eine Realität, mit der man sich auseinandersetzen müsse.

Hollande will Premier auswechseln

Ähnlich klingt es im Élysée-Palast in Paris. Staatschef François Hollande liess gestern Mittwoch nach der wöchentlichen Regierungssitzung durch seine Sprecherin verlauten, seine Regierung müsse auf die Wähler «hören» und aus dem ersten Wahlgang «die Lehren ziehen».

Offenbar plant er schon in den nächsten Tagen Steuersenkungen, um ein weiteres Debakel bei den Europawahlen im Mai zu verhindern. Um seiner Regierung neuen Elan zu vermitteln, will Hollande sie zudem nach der Stichwahl von Sonntag radikal umbilden. Vermutlich wird er auch Premierminister Jean-Marc Ayrault auswechseln – wie es heisst, durch Innenminister Manuel Valls.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1