Neulich zur Stosszeit in der Kairoer Metro. Es ist eng, das Zugabteil voll, ein bärtiger Mann rempelt versehentlich einen anderen Fahrgast an. «Ihr Islamisten glaubt wohl, Ihr könnt euch alles erlauben», keift dieser und rempelt zurück. Sekunden später hat sich das Abteil in einen Boxring verwandelt. Fäuste fliegen, ein älterer Herr geht zu Boden, Babys schreien.

Für viele Ägypter fühlt sich das Leben in diesen Tagen an wie eine solche Metrofahrt: Die Stimmung ist vergiftet, die Bewegungsfreiheit eingeschränkt, gepolsterte Sitzplätze gibt es keine. Gerne würde man aussteigen, sich eine Pause gönnen, doch der Zug donnert mit voller Geschwindigkeit weiter, und niemand weiss, wohin der Zug steuert, und ob es überhaupt einen Zugführer gibt. Dutzende Menschenleben hat diese Fahrt ins Ungewisse in den vergangenen fünf Tagen gekostet. Allein in der einst für das sonnige Gemüt ihrer Bürger bekannten Mittelmeerstadt Port Said starben über 30 Zivilisten. Ein baldiges Ende der Gewalt ist nicht abzusehen, ist sie doch nur das Symptom der tiefer liegenden politischen und gesellschaftlichen Probleme am Nil, für die es keine schnelle Lösung gibt.

In der dunkelsten Stunde des «neuen Ägyptens» agieren die Beteiligten nach altbekanntem Muster. Die Muslimbruderschaft schwadroniert von einem ausländischen Komplott und verteilt Gemüse zu Discountpreisen an die Ärmsten, als hätten diese die Verschwörungstheorien und Almosenpolitik der Islamisten nicht satt. Die Polizei frönt ungehemmt ihrer Vorliebe für willkürliche Festnahmen und Folter. Die Generäle inszenieren sich als ein Deus ex Machina, ohne sich dabei die Finger schmutzig zu machen.

Machtvakuum wächst mit jedem Tag

Der Vorwurf der Opposition, die Muslimbrüder hätten das Land mit ihrer Machtgier an die Wand gefahren, ist berechtigt, doch Präsident Mursi ist nicht mehr Herr der Lage. Der Staat im Staat, ein schwer greifbares Geflecht aus Militärs, Wirtschaftsbossen und Teilen des Beamtenstaates, entzieht sich dem Griff der Islamisten. Das Innenministerium probt offen den Aufstand, weshalb Mursi einen Teil der Polizeiaufgaben nun dem Militär übertragen hat. Die Soldaten sollen einen über die Städte Suez, Ismailia und Port Said verhängten Ausnahmezustand überwachen. Zugleich hat das Kabinett ein Gesetz auf den Weg gebracht, das der Armee wie schon unter Husni Mubarak das Recht einräumen würde, Zivilisten festzunehmen. Ob die Armee von der Möglichkeit, ihr ramponiertes Image weiter zu ruinieren, Gebrauch machen wird, bleibt abzuwarten. In der Nacht auf gestern widersetzten sich in Port Said Tausende Bürger ungehindert der Ausgangssperre. Ein Militärsprecher liess wissen, die Armee sei in erster Linie ausgerückt, um den Suezkanal zu schützen. Man kann diesen Satz auch als Ohrfeige für Präsident Mursi interpretieren.

Mit jedem Tag wächst das Machtvakuum. In Kairos Innenstadt wabern Tränengasschwaden um die Touristenhotels an der Nilpromenade. Teile des Nildeltas sind inzwischen nahezu unregierbar. Das ägyptische Volk, so hiess es vor zwei Jahren, sei «ein Elefant, der endlich aufgewacht ist». Aus dem schwerfälligen Dickhäuter ist eine wilde Bestie geworden, die laut trompetend durch die Gegend rennt und alles zu zertreten droht, was sich ihr in den Weg stellt.
Es ist die Verzweiflung, die die Bürger zurück auf die Strasse treibt. Verzweiflung über die wirtschaftliche Talfahrt. Verzweiflung über eine Regierung, die im Koran ein Wundermittel zur Lösung aller gesellschaftlichen Probleme sieht. Verzweiflung darüber, dass 21 Fussballhooligans an den Galgen kommen sollen, während Verbrecher der Revolution auf freiem Fuss sind.

Ägypten steht vor kollektivem Nervenzusammenbruch

Vor zwei Jahren schüttelten die Ägypter nach Jahrzehnten der Unterdrückung ihre Furcht vor Staat und Sicherheitskräften ab. Nun zeigt sich die dunkle Seite der Selbstermächtigung: Bürger stürmen lokale Regierungsgebäude, plündern Waffenlager, legen Bahnhöfe lahm. Immer häufiger richtet das Heer der Unzufriedenen die Gewalt gegen Unbeteiligte. Damit nimmt das Ansehen der Aufstände vom 25. Januar 2011 Schaden, deren Markenzeichen die Gewaltlosigkeit der Demonstranten war. Die Schwächsten, die vor zwei Jahren noch unter dem Schutz der Masse standen, fallen dieser nun zum Opfer: Alleine am vergangenen Freitag meldeten Menschenrechtler mehr als 25 schwere sexuelle Vergehen an Frauen um den Tahrir-Platz. In Oberägypten brannten christliche Geschäfte, ein Kirchengebäude wurde von einem Mob Stein für Stein abgetragen.

Ägypten, so scheint es, steht vor einem kollektiven Nervenzusammenbruch. Ein politischer Neustart ist nötiger denn je. Für diesen müssen Islamisten und Säkulare endlich aufeinander zugehen, und das schnell. Denn viele Ägypter fragen sich, ob es sich bei den blutigen Unruhen noch um die Geburtswehen einer Demokratie handelt - oder um die Vorboten eines Staatskollapses.