Heute Mittag sticht Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter im Festzelt das erste Wiesn-Fass an. Eröffnung des 185. Münchner Oktoberfests. Acht Millionen Gäste werden die nächsten 16 Tage erwartet. Die erste Mass bekommt Bayerns Ministerpräsident Markus Söder. Der 51-Jährige inszeniert sich einmal mehr als der volksnahe Bayer. Tritt er im Wahlkampf in irgendeinem Bierzelt auf, prostet er seinen Anhängern vom Rednerpult mit dem Bierkrug zu. Das ist weitgehend Show, denn Söder trinkt selten Alkohol. «Es schmeckt mir nicht. Und ausserdem gehe ich spät ins Bett und stehe relativ früh auf. Mit Alkohol geht das einfach nicht», hat der Franke mal der «Bild» verraten.

Seit März ist Söder bayrischer Landesvater. Er hat schon als Jugendlicher davon geträumt, in die Fussstapfen des erfolgreichen Ministerpräsidenten und ewigen CSU-Vorsitzenden Franz-Josef Strauss zu treten, unter dem die Christsozialen nie auch nur einen Gedanken daran verschwenden mussten, ob sie zum Regieren einen Partner brauchen. Doch die Zeiten haben sich geändert, auch im Freistaat. Volksparteien sind vielleicht bald ein Relikt vergangener Tage, das gilt ein Stück weit auch für die CSU. Auf 35 Prozent Wähleranteil kommt sie jüngsten Umfragen zufolge. Das ist ein Wert, von dem andere Parteien nur träumen können, doch für die CSU ist alles unter 40 Prozent ein Desaster. Die Wähler werden volatiler, die Zugezogenen haben das CSU-Gen nicht mit der Muttermilch aufgesogen, sie wählen mal liberal, mal grün, manche rechtsnational. Die AfD kommt im CSU-Land Bayern auf 10 bis 11 Prozent, die Grünen sind mit 18 Prozent zweitstärkste Kraft. Die CSU braucht nach den Wahlen vom 14. Oktober einen Partner.

Wählern missfällt Scharfmacherei

Die CSU hat sich die sinkende Zustimmung auch selbst zuzuschreiben. Markus Söders Beliebtheitswerte sind schwach, noch bescheidener fallen sie für CSU-Chef Horst Seehofer aus. Viele Wähler goutieren den krawalligen Kurs nicht, den die CSU auf Bundesebene eingeschlagen hat. Noch nicht vergessen ist der respektlose Umgang mit der Kanzlerin in der Flüchtlingskrise, abermals hat die CSU viele Stammwähler verärgert. Da war der Streit um die Zurückweisung von Flüchtlingen an der deutschen Grenze, die CSU drohte mit dem Bruch der Unionsfraktionsgemeinschaft und mit dem Ende der Regierung. Und diese Woche beförderte CSU-Chef Horst Seehofer den umstrittenen Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maassen zum Staatssekretär. Viele in der Bevölkerung haben dafür nur Kopfschütteln übrig. Immerhin hat Söder inzwischen begriffen, dass der Versuch ins Leere führt, die AfD rhetorisch zu übertrumpfen. «Ich werde das Wort Asyltourismus nicht wiederverwenden», versprach Söder im Sommer, nachdem er hat erkennen müssen, dass liberal-konservativen Stammwählern Söders Scharfmacherei missfällt.

Auffallend ist, dass sich Söder aus der Bundespolitik seit Wochen heraushält. Vielleicht denkt er schon an den Tag nach den Wahlen, wenn er ein schwaches Abschneiden seiner Partei erklären muss. Söder gibt die Schuld an den schlechten Umfrageergebnissen dem Berliner Politikbetrieb: «Die Dinge, die jetzt im Moment diskutiert werden, haben ja mit Bayern nur sehr wenig zu tun.» Wenn die anderen schuld sind, muss auch einer der anderen die Verantwortung für eine Wahlschlappe übernehmen. Vielleicht CSU-Chef Horst Seehofer? Aus Söders Sicht jedenfalls nicht Söder.